Die Reaktoren sind hierzulande längst abgeschaltet – aber die Debatte um die Atomkraft ist noch lange nicht abgekühlt.
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Daran ist EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nicht ganz unschuldig, hat sie doch in dieser Woche die europäische Abkehr von der Kernenergie erstmals offen als „strategischen Fehler“ bezeichnet. Sie wirbt für eine „Renaissance der Atomkraft“.
Auf dem Atomenergie-Gipfel in Paris kündigte von der Leyen eine neue europäische Strategie für kleine modulare Reaktoren an, sogenannte Small Modular Reactors (SMR). Damit hat sie auf europäischer Bühne ein politisches Fenster geöffnet, das auch wieder frischen Wind in die Debatte in Deutschland bringt.
Und auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) warb am Sonntag in der „Bild am Sonntag“ für ein Pilotprojekt mit einem sogenannten Mini-Atomkraftwerk. „Bayern ist bereit für ein Pilotprojekt“, sagte der CSU-Chef der Zeitung und bekräftigte seine seit einiger Zeit vertretene Ansicht, dass Deutschland zur Kernenergie zurückkehren müsse.
Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, spricht während des IAEO-Kernenergiegipfels.
© dpa/AP/Pool/Reuters/Abdul Saboor
Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt. Wenn Versorgungssicherheit, Preisstabilität oder geopolitische Risiken in den Fokus rücken, steigt der Druck auf Politik und Energiewirtschaft – so war es beim russischen Angriff auf die Ukraine, so ist es jetzt angesichts des Irankriegs.
Aber sind Mini-Atomkraftwerke eine „zuverlässige, bezahlbare Quelle für emissionsarmen Strom“ der Zukunft, wie von der Leyen behauptet? Daran gibt es berechtigte Zweifel.
60
Prozent der Deutschen unterstützen die Entwicklung neuer Atomtechnologien
Nach dem Reaktorunglück von Fukushima 2011 begrüßten in Umfragen bis zu 90 Prozent der Deutschen den Abschied von der Atomkraft. Laut einer aktuellen Civey‑Erhebung befürworten heute dagegen 60 Prozent die Entwicklung neuer Atomtechnologien grundsätzlich.
Die Hoffnungen der Fürsprecher ruhen auf kleineren Reaktoren mit bis zu 300 Megawatt – weniger als ein Drittel der Leistung konventioneller Kraftwerke. SMRs könnten unter anderem einzelne Industriestandorte oder Rechenzentren versorgen. Frühere Versionen kamen etwa im Kalten Krieg in Atom-U-Booten zum Einsatz.
Die EU‑Kommission spricht den kleinen Reaktoren eine „Schlüsselrolle“ für die Energiepolitik zu und will die Technologie bis Anfang der 2030er Jahre einsatzbereit machen.
Doch wie realistisch sind diese Versprechen? Ein Blick auf die zentralen Argumente.
1 Klimaschutz
Befürworter sehen in SMRs einen wichtigen Baustein im Kampf gegen die Klimakrise. „Das Abschalten der deutschen Atomkraftwerke war nicht so schlau“, sagt Lion Hirth, Ökonom und Professor für Energiepolitik an der Berliner Hertie School.
Die Reaktoren hätten rund um die Uhr enorme Mengen Strom produziert, ohne Treibhausgase auszustoßen. „Und da haben wir sehr wenig Alternativen.“ Nach Hirths Auffassung ließen sich Konflikte um die Bezahlbarkeit des Klimaschutzes heute leichter auflösen, wenn zumindest die noch stehenden Atomkraftwerke weitergelaufen wären.
Zur Person
© Hertie School
Lion Hirth gilt als einer der renommiertesten Experten für den europäischen Strommarkt. Er ist Professor für Energiepolitik an der Hertie School in Berlin und Gründer eines Energieberatungsunternehmens.
Global gesehen spiele die Kernenergie im Klimaschutz jedoch keine tragende Rolle. Für den größten Teil der Welt sei Atomkraft weiterhin keine realistische Option, sagt Hirth. Sie erfordere hohe Investitionen und eine weitere begrenzte Ressource: technisches Know-how.
Auch für Deutschland sieht Hirth darin keinen „Gamechanger“. Selbst zu Spitzenzeiten in den späten 1990er Jahren wurde weniger als ein Drittel des Stromverbrauchs hierzulande von Atomenergie gedeckt. Im Jahr 2010 – und damit noch vor Fukushima – lag der Anteil am deutschen Strommix dann noch bei etwa einem Fünftel. Mit dem Ausbau von Wind- und Solarenergie hätte er immer weiter abgenommen, sagt Hirth.
2 Stromkosten
Verfechter von Mini-Atomkraftwerken hoffen, dass SMRs durch ihren kontinuierlichen Betrieb rund um die Uhr planbaren und stabilen Strom liefern – ohne die Preisschwankungen, denen Wind- und Solarenergie unterliegen. Die Serienfertigung soll die Produktionskosten pro Kilowattstunde langfristig senken und Atomstrom wieder wettbewerbsfähig machen.
Doch aktuell sind die Erneuerbaren Energien pro Kilowattstunde um ein Vielfaches günstiger. Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigen, dass die Stromerzeugung in kleinen Leichtwasserreaktoren je nach Bau- und Betriebskonzept zwischen 18 und 50 Cent pro Kilowattstunde kosten könnte. Zum Vergleich: Im Jahr 2024 lag der Kilowattstundenpreis von Strom aus Windkraftanlagen lediglich bei 5 bis 10 Cent.
3 Zuverlässigkeit
Bei Windstille und Dunkelheit, den gefürchteten Dunkelflauten, bricht die Produktion der Erneuerbaren ein. Sichert da Atomkraft womöglich den Umstieg auf Strom aus Sonne und Wind ab? Hersteller betonen, dass SMRs zuverlässig Strom liefern – unabhängig von Wetter und Tageszeit.
Ökonomisch ist es ziemlich unsinnig, einen teuren Reaktor zu bauen, den ich nur hin und wieder brauche.
Lion Hirth, Professor für Energiepolitik an der Hertie School in Berlin
Allerdings war es nach Daten des Deutschen Wetterdienstes zwischen 1995 und 2015 in Deutschland nur zweimal im Jahr für 48 Stunden so dunkel und windstill, dass Solarzellen und Windräder nur zehn Prozent oder weniger ihrer möglichen Leistung lieferten.
„Ökonomisch ist es ziemlich unsinnig, einen teuren Reaktor zu bauen, den ich nur hin und wieder brauche“, sagt Hirth. Wegen der immensen Baukosten sieht er die Atomkraft nicht als beste Ergänzung für Wind- und Solaranlagen. Gaskraftwerke seien günstiger und ihre CO₂-Emissionen beim Einsatz in Dunkelflauten seien begrenzt. Zum Ausgleich kurzfristigerer Schwankungen seien Batterien die ökonomisch beste Option.
Der letzte Kühlturm des ehemaligen AKW Biblis wird abgerissen.
© dpa/RWE
4 Bau- und Betriebskosten
2025 ging in Frankreich nach 17 Jahren Bauzeit ein neuer Atomreaktor ans Netz. Er kostete 23,7 Milliarden Euro. Durch standardisierte Fertigung von SMRs in Fabriken sollen die heute enormen Kosten und jahrelangen Verzögerungen konventioneller Reaktoren vermieden werden. Zudem müssten Betreiber nicht die gesamte Investition auf einmal stemmen, sondern könnten Module schrittweise installieren und die Kapazität je nach Bedarf erweitern.
Anstelle von heute 400 Reaktoren weltweit würde dies aber „den Bau von vielen Tausend bis Zehntausend SMR bzw. Mikroreaktoren“ bedeuten, schreibt das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE).
Stand jetzt ist eine Investition für ein privatwirtschaftliches Unternehmen in SMRs nicht darstellbar.
Markus Krebber, RWE-Chef
Bislang sei in der westlichen Welt aber kein solcher Reaktor in Betrieb, sagt Hirth. Belastbare und nicht interessengeleitete Aussagen zu Betriebskosten ließen sich nicht treffen. Der Ökonom betrachtet die Idee daher skeptisch: „Bei allen industriellen Prozessen bestehen große Vorteile darin, die Anlagen größer zu machen.“ Das Prinzip der Skalenvorteile werde mit den kleinen Reaktoren auf den Kopf gestellt.
Helme hängen auf dem Gelände des Atomkraftwerks Neckarwestheim.
© dpa/Marijan Murat
„Stand jetzt ist eine Investition für ein privatwirtschaftliches Unternehmen in SMRs nicht darstellbar“, sagt auch RWE-Chef Markus Krebber. Nach heutigem Stand gebe es keinen einzigen Zulieferer, der einen Bau zu fest vereinbarten Kosten und in einem garantierten Zeitraum anbietet. Relativ betrachtet seien die Baukosten von Mini-Atomkraftwerken höher als bei großen Atomkraftwerken, schreibt das BASE.
5 Unabhängigkeit
Befürworter wie EU-Kommissionschefin von der Leyen argumentieren, dass Atomkraft die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten verringere und Europa energiepolitisch souveräner mache – insbesondere gegenüber Gaslieferanten wie Russland oder Öllieferanten aus aktuellen Krisenregionen wie dem Nahen Osten. Kleine Reaktoren könnten dezentral und auf eigenem Boden betrieben werden, was die Verwundbarkeit im Falle von geopolitischen Krisen und Lieferausfällen reduziere.
Die EU ist bei Kernenergie noch abhängiger von Russland als bei Erdgas.
Volker Quaschning, Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft
Doch Atomenergie ist kein Garant für Unabhängigkeit. Europa verfügt kaum über eigene Uranvorkommen und ist auf Importe angewiesen – ein großer Teil des Brennstoffs kommt aus Ländern wie Kasachstan oder wird in Anlagen mit russischer Beteiligung aufbereitet.
Aktivisten von Bündnis 90/Die Grünen protestieren 2012 in Düsseldorf in Schutzanzügen und mit „Atommüll“-Fässern.
© dpa/Federico Gambarini
„Die EU ist bei Kernenergie noch abhängiger von Russland als bei Erdgas“, sagte Volker Quaschning von der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft nach der russischen Vollinvasion in der Ukraine 2022. Kritiker warnen deshalb vor neuen geostrategischen Abhängigkeiten. Zudem sind die weltweiten Uranvorräte begrenzt, und die steigende Nachfrage könnte die Preise nach oben treiben.
6 Atommüll
Industrievertreter wie das französisch-britische Start-up Newcleo werben damit, dass SMRs deutlich weniger hochradioaktiven Abfall produzieren als herkömmliche Großreaktoren. Manche der Konzepte sehen sogar vor, bereits existierenden Atommüll als Brennstoff wiederzuverwerten.
Doch in Deutschland wird noch immer ein dauerhaft sicheres Endlager gesucht, das den Abfall für eine Million Jahre von Mensch und Umwelt abschirmt. Erst vor wenigen Tagen strich das Bundesumweltministerium die selbst gesetzte Frist für die Suche nach einem Standort. Ein Gutachten im Auftrag des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung geht davon aus, dass es vor 2070 keine Lösung gibt.
27.000
Kubikmeter hochradioaktive Abfälle liegen in deutschen Zwischenlagern.
Bis dahin dürften 27.000 Kubikmeter hochradioaktive Abfälle weiter in Zwischenlagern liegen. Sie werden aufwendig von Sicherheitspersonal und Stacheldraht geschützt. Und ihre Genehmigungen laufen in einem Jahrzehnt aus. Zudem müssen bereits jetzt weitere 600.000 Kubikmeter an schwach- und mittelradioaktiven Abfällen sicher entsorgt werden.
Lesermeinungen zum Artikel
„Es ist ein Märchen zu glauben, es gäbe einen Königsweg für die Energiebereitstellung. […]. Nur eine Vielzahl von einzelnen möglichst dezentralen Maßnahmen der Energieeinsparung und Bereitstellung kann insgesamt den dringend nötigen Effekt erzeugen.“
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7. Sicherheitsrisiken
Energiekonzerne wie Vattenfall betonen, dass SMRs durch sogenannte passive Sicherheitssysteme deutlich sicherer seien als konventionelle Großreaktoren – im Störfall sollen sich die kleinen Reaktoren ohne menschliches Eingreifen und ohne externe Stromversorgung selbstständig abschalten und abkühlen. Zudem soll das geringere radioaktive Inventar pro Modul ein Vorteil sein: Im Ernstfall wären die Folgen begrenzter als bei einem Großreaktor.
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„Jedoch würde sich für die gleiche Produktionsmenge an elektrischer Leistung die Anzahl an Reaktoren erheblich erhöhen, in denen es prinzipiell zu Zwischenfällen kommen könnte“, warnt das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung. Und anders als von Herstellern angegeben, müsse davon ausgegangen werden, dass „bei SMR die Möglichkeit von Kontaminationen besteht, die deutlich über das Anlagengelände hinausreichen“.
Und das Risiko von Zwischenfällen in Zeiten geopolitischer Spannungen nimmt zu: Atomanlagen können in militärischen Konflikten zu strategischen Zielen oder Gefahrenquellen werden. Der Beschuss des Kraftwerks Saporischschja während des Ukrainekriegs hat deutlich gemacht, welche Risiken entstehen, wenn nukleare Infrastruktur in einem Kriegsgebiet liegt. Auch Naturkatastrophen oder Sabotage mit weitreichenden Folgen können nie ausgeschlossen werden.
Ein russischer Soldat steht auf dem Gelände des Kernkraftwerks Saporischschja im Südosten der Ukraine Wache.
© dpa/AP/Uncredited
8. Fusionsreaktoren
CSU-Generalsekretär Martin Huber betonte jüngst erst, es gehe in der Atomdebatte auch „um neue Technologien, mit denen viel möglich ist“. Der Fokus müsse stärker auf die Kernfusion gerichtet werden.
Forscher wie Politiker sehen in der Kernfusion die ultimative Energiequelle der Zukunft: nahezu unbegrenzter, CO₂‑freier Strom aus der Verschmelzung von Atomkernen – ohne Brennelemente, die später entsorgt werden müssen, und ohne das Risiko einer Kernschmelze. Anders als bei der Kernspaltung würde als Brennstoff vor allem Wasserstoff zum Einsatz kommen, eine praktisch unerschöpfliche Ressource.
Doch bislang bleibt die Fusion ein Versprechen ohne Einlösung: Der technologische Durchbruch ist nach Jahrzehnten der Forschung noch immer nicht gelungen, ein kommerziell nutzbarer Reaktor liegt nach Einschätzung der meisten Experten noch Jahrzehnte entfernt. „Ich wäre überrascht, wenn einer ans Netz geht, bevor ich pensioniert werde“, sagt der 40 Jahre alte Ökonom Lion Hirth. „Positiv überrascht.“
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Sicher ist: Die Atomdebatte wird Deutschland auch Jahre nach dem Ausstieg weiter begleiten. Zu eng ist sie mit den großen Fragen unserer Zeit verknüpft – bezahlbare Energie, Klimaschutz und strategische Unabhängigkeit.
Small Modular Reactors mögen auf dem Papier wie eine verlockende Antwort für die Zukunft wirken, doch bislang scheitern viele ihrer Versprechen an der Realität. Statt Lösungen zu liefern, drohen sie vor allem Zeit in einer Energiedebatte zu binden, in der wegweisende Entscheidungen gefordert sind.
Die Diskussion um SMRs dürfe deshalb nicht dazu genutzt werden, den „möglichst schnellen Ausbau von möglichst günstigen und möglichst sauberen Energietechnologien“ zu blockieren, warnt Lion Hirth. Dazu zählt er Windparks, große Solarparks, Batterien, Wärmepumpen und Elektroautos. Die Atomkraft schafft es nicht einmal in seine Top fünf.