Zwei ungleiche Gefährten: „Wim war, was das Kino betrifft, immer einer meiner ganz großen Helden“, sagt Sänger Wolfgang Niedecken über seinen Freund Wim Wenders, mit dem er an diesem Abend in der Alten Oper Frankfurt zu Gast ist. Das Gespräch über Film und Musik bildet den Abschluss des dreitägigen Festivals „Wim Wenders – Driven by Music“. Zugleich widmet das Deutsche Filminstitut und Filmmuseum dem Regisseur die Ausstellung „W.I.M. Im Lauf der Zeit“, die bis 18. Oktober zu sehen ist.
Wenders und Niedecken, die sich die Gesprächsparts wie Pingpong-Bälle zuspielen, kennen sich schon lange. Der Frontmann der Rockband BAP, dessen kölscher Zungenschlag mit jedem Wort zum Vorschein kommt, trägt Sonnenbrille, Lederjacke und Boots. Die Beine hat er lässig übereinandergeschlagen, auf der Bühne fühlt er sich sichtlich wohl. Wenders, mit seiner dunkelblauen Hornbrille unverkennbar, wirkt dagegen zurückgenommen, die Ruhe selbst.
Das „Silbengewitter“ des Bob Dylan
So unterschiedlich die beiden Männer auch sein mögen, vieles eint sie: die Liebe zum Blues, das Hobby Malerei, die Wurzeln im Rheinland. Wenders wurde in Düsseldorf geboren, Niedecken in Köln. Kennengelernt haben die beiden sich 1987 bei einer Fernsehshow in Berlin. Ohne seinen Bruder hätte er BAP gar nicht wahrgenommen, erzählt Wenders im Gespräch mit F.A.Z.-Redakteurin Eva-Maria Magel. Der habe ihm zehn Jahre zuvor regelmäßig selbst zusammengestellte Kassetten nach Amerika geschickt, wo Wenders damals wohnte. Er sei vermutlich die einzige Person in San Francisco gewesen, die „diese heiße neue Band“ gekannt habe, erinnert sich der heute 80 Jahre alte Regisseur.
Dann kommen sie auf den Blues zu sprechen, jene Musikrichtung, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten entwickelte, das Gegenstück zum spirituellen Gospel. „Die Texte handelten von Arbeit, Alkohol und Liebe. Da ging es ans Eingemachte“, sagt Wenders. „Unter der Woche Blues, am Wochenende Gospel. Viele Künstler haben beides bedient.“
Erprobte Gesprächspartner: Wim Wenders (links) und Wolfgang NiedeckenWonge Bergmann
Ein Sänger, der aus dem Blues schöpft und in den Filmen von Wenders immer wieder eine Rolle spielt, ist Bob Dylan. Für ihn sei er „der Größte seiner Generation“ gewesen, erzählt Wenders: „Diese zeitgenössische Lyrik. Da gab es nichts Schöneres.“ Dylans Talking-Blues-Stücke, die von rhythmischer Sprache geprägt sind, seien regelrechte „Silbengewitter“, bekräftigt Niedecken. „Da ist jede Zeile wie ein Gedicht.“
Szenen mit Schauspielern nachgestellt
Der Schlüsselmoment für den heute 74 Jahre alten Sänger sei mit 15 in seiner Schülerband gewesen. Nachdem er Dylans Song „Like a Rolling Stone“ gehört hatte, sagte er zu seinem Freund: „Du musst jetzt Bass spielen, ich singe jetzt.“ Überhaupt könne man auf Kölsch viel besser Blues singen als auf Hochdeutsch. „Man darf nuscheln und die End- und Anfangssilben von zwei Wörtern miteinander verschmelzen“, sagt Niedecken.
Ganz im Zeichen des Blues steht auch Wenders’ Film „The Soul of a Man“, mit dem sich der Regisseur im Jahr 2002 auf die Spuren der Blues-Musiker Blind Willie Johnson, Skip James und J. B. Lenoir begab. Das Werk ist Teil einer siebenteiligen Filmreihe über den Blues, die von dem amerikanischen Regisseur Martin Scorsese produziert wurde. Wenders sagt, er habe darum gebeten, seinen Film an diesem Abend beim Festival zu zeigen, „vielleicht mein Lieblingsmusikfilm von mir selbst“.
Das Besondere: Da es wenige bis gar keine Bild- und Videoaufnahmen der Musiker gab, wurden einige Szenen mit Schauspielern nachgestellt und mit einer Kurbelkamera gedreht. Dadurch entstand eine unverwechselbare Ästhetik, die aber auch die Herausforderung bot, die Bilder mit den originalen Tonaufnahmen aus den Zwanzigerjahren synchronisieren zu müssen.
Für diesen Film, der laut Wenders nur selten in deutschen Kinos gezeigt wird, erntet er, der nach einer kurzen Filmeinführung inmitten des Publikums Platz nimmt, zum Abschluss seines Festivals noch einmal frenetischen Applaus.