Derzeit sind bei der S-Bahn Berlin noch 1000 Wagen der Nachwende-Baureihe 481 im Einsatz.

Derzeit sind bei der S-Bahn Berlin noch 1000 Wagen der Nachwende-Baureihe 481 im Einsatz.

Foto: dpa/Paul Zinken

Das Vergabeverfahren für zwei Drittel des Berliner S-Bahn-Netzes kommt weiter kaum vom Fleck. Obwohl Berlin und Brandenburg im September 2025 nach vielen Verzögerungen einem Konsortium aus der DB-Tochter S-Bahn Berlin GmbH und den Bahntechnikkonzernen Siemens und Stadler Rail den Zuschlag für die Lieferung und Instandhaltung neuer Fahrzeuge sowie den Bahnbetrieb erteilten, konnte der Vertrag bis heute nicht unterzeichnet werden.

Denn der unterlegene Bieter für die Fahrzeuglieferung, der französische Schienentechnikhersteller Alstom, hat Beschwerde gegen die Entscheidung bei der Vergabekammer Berlin eingelegt. Die an die Senatswirtschaftsverwaltung angegliederte unabhängige Behörde ist für die Überprüfung von Ausschreibungsverfahren zuständig.

Wurde zunächst eine Entscheidung der Vergabekammer über die Beschwerde bis Jahresende 2025 in Aussicht gestellt, ist ein Ende dieses Verfahrens nicht seriös prognostizierbar. Eine mündliche Verhandlung ist nun für Ende April terminiert.

Dieser Termin könne sich jedoch »abhängig von den weiteren Rückmeldungen der Verfahrensbeteiligten« noch verschieben, teilte die Pressestelle der Senatswirtschaftsverwaltung am Dienstag auf Anfrage von »nd« mit. Wenige Tage zuvor war die mündliche Verhandlung noch für Ende März in Aussicht gestellt worden.

Nimmt man die bisherigen Zeiträume für Entscheidungen der Vergabekammer als Maßstab, wäre erst im Januar 2027 mit dem Abschluss dieses Verfahrens zu rechnen. Die nächste Stufe im Rechtsweg wäre eine Klage vor dem Kammergericht Berlin. Zuletzt hatte es 16 Monate gedauert, bis dort ein Urteil ergangen war.

Alstom hatte bereits zweimal in Berliner Schienenfahrzeugvergaben diesen Rechtsweg komplett ausgeschöpft – bei neuen U-Bahnen für die BVG und schon einmal im laufenden S-Bahn-Verfahren. Aus dem Umfeld des Konzerns ist zu hören, dass man auch diesmal gewillt ist, so vorzugehen.

Damit könnten die ersten der 1400 neuen S-Bahn-Wagen, die geliefert werden sollen, erst 2033 auf Berliner Schienen stehen – zehn Jahre später als zu Beginn der Vorbereitungen zum Vergabeverfahren im Jahr 2016 angekündigt.

Damit ist absehbar, dass das aktuelle Angebot wegen Fahrzeugmangels in den nächsten Jahren gekürzt werden muss. Derzeit sind auf den zehn S-Bahn-Linien auf der Stadtbahn und durch den Nord-Süd-Tunnel 1130 Wagen von zwei verschiedenen Baureihen im Einsatz.

Von der zu West-Berliner Zeiten entwickelten Baureihe 480 sind noch 130 Wagen im Einsatz. Immerhin wurde inzwischen festgestellt, dass die Edelstahl-Wagenkästen der bis zu 36 Jahre alten Wagen weiterhin in gutem Zustand sind und das kein Hindernis für eine erneute Hauptuntersuchung ist. Ursprünglich war die Ausmusterung ab 2029 vorgesehen. Allerdings müsse davon ausgegangen werden, »dass alterungsbedingte Ausfälle trotz einer erneuten Fahrzeugrevision und einer ordnungsgemäßen Instandhaltung mit hoher Wahrscheinlichkeit zunehmen«, heißt es in einem Bericht für das Abgeordnetenhaus.

1000 Wagen entfallen auf die Nachwende-Baureihe 481. Obwohl eine umfangreiche Ertüchtigung gerade erst abgeschlossen wird, steht das nächste Programm vor der Tür. Denn inzwischen zeigte sich, dass die Verkabelung brüchig wird. 2027 soll der Kabeltausch beginnen. Während des bis Anfang der 2030er Jahre laufenden Programms »Langlebigkeit II« werden permanent 30 Wagen in der Werkstatt stehen.

Erstes Opfer der geringeren Fahrzeugverfügbarkeit könnten die Verstärkerfahrten im Berufsverkehr auf S1, S3 oder S5 werden. Rechnerisch müssten auf zwei der Linien die Zusatzfahrten entfallen. Und das voraussichtlich bereits ab dem Fahrplanwechsel diesen Dezember.