Der erste Platz des Third-Mission-Ehrenamtspreises der Bergischen Universität war nicht die erste Auszeichnung, die Juliane Schlesier für ihr Lehr-Lern-Projekt „Grundschule der Zukunft“ im letzten Jahr erhalten hat. „Es ist ja ein Projekt, das im sehr Kleinen gestartet ist“, sagt die Professorin: „Und dieser Erfolg zeigt uns deutlich, dass da Transferpotenzial drin liegt.“

Schulen erhalten Unterstützung durch die Universität bei der Schulentwicklung. Die Frage, warum Schulen das nicht alleine hinkriegen, stellt sich für die Wissenschaftlerin nicht. „Die Schulen bekommen sehr viel und auch sehr gut hin. Gleichzeitig wachsen aber auch die Anforderungen über den reinen Unterricht hinaus“, erklärt sie. Schulen seien im Alltag bereits sehr stark ausgelastet, sodass eine externe Unterstützung auch entlasten und zusätzliche Perspektiven einbringen sowie Entwicklungsprozesse systematisch und wirksam begleiten könne.

Heute fehlt es der Lehrkräftebildung oft an authentischen Praxiserfahrungen und gelebter Kooperation mit der Gesellschaft, obwohl das alles schon einmal da war. „Das ist im Prinzip ein alter Hut“, sagt die Wissenschaftlerin, denn „die authentische Praxiserfahrung und auch die gesellschaftliche Kooperation waren schon früher ein zentrales Element in der Lehrkräftebildung, insbesondere in der Ausbildung an Pädagogischen Hochschulen (PH) für Grundschullehrkräfte. Vor allem auch in der Zeit vor den 1970er-Jahren, vor den Reformen, da waren die PHs eben vor allem die Ausbildungsstätte für Grundschullehrkräfte und dort gab es einen sehr engen Praxisbezug.“ Mit den Reformen der 1970er-Jahre wurde das Grundschullehramt stärker an den Universitäten verankert. Dadurch gewann eine wissenschaftliche und empirische Fundierung pädagogischer Konzepte an Bedeutung und die Ausbildung wurde insgesamt stärker formalisiert und wissenschaftlich ausgerichtet. „Heute gibt es nun wieder eine Besinnung auf das, was es früher schon einmal gab, das kann ich schon beobachten, allerdings mit dem Wissen, was wir aus der starken Akademisierung der Lehrkräftebildung der letzten Jahrzehnte gelernt haben. Wir machen also nicht nur Rückschritte, sondern führen neu- oder weiterentwickelte praxisnahe Konzepte wieder in das überwiegend theoriebezogene Lehramtsstudium ein.“

Lehr-Lern-Projekt:
Grundschule der Zukunft

In einem Lehr-Lern-Projekt mit dem Titel „Grundschule der Zukunft“, gefördert durch die Barthel-/EWE-Stiftung, das auf der demokratiebildenden Lehr-Lernmethode des Lernens durch Engagement basiert, hat Schlesier rund 150 Lehramtsstudierende und rund 400 Grundschulkinder in Niedersachsen in kleinen inklusiven, sogenannten ‚Heldinnen-Teams’ zusammengebracht, um gemeinnützige und nachhaltige Projekte für Schulen zu entwickeln und umzusetzen. Voraussetzung war die individuelle Förderung jeder Schule. „In dem Projekt wurden die realen Bedarfe der Schulen vorab ermittelt, die Projekte wurden auch curricular eingebettet (in den Lehrplan integriert, Anm.d.Red.), erläutert Schlesier die Vorgehensweise. „Die Kinder wurden aktiv an der Planung und Umsetzung beteiligt, sodass diese Projekte nicht im Vorfeld geplant werden konnten. Es wurde individuell an den Schulen ergründet, was gebraucht wird, damit Unterricht gut stattfinden kann, damit die Kinder vielleicht einen schöneren Pausenhof haben, auf dem sie sich auch von den Unterrichtszeiten gut erholen und auch spielen können.“ Die Maßnahmen reichten von der einfachen Aufbereitung alter Sitzbänke bis zur Anpflanzung von Naschobsthecken und Hochbeeten, der Reinigung von Teichen oder dem Bau von Insektenhotels. Ein wesentlicher Punkt des von 2023 bis 2025 laufenden Projektes war, dass die Menschen wieder ohne digitale Medien miteinander in Kontakt kommen und agieren. Diese gemeinsame Interaktion wurde schon nach nur drei bis fünf Tagen der Projektarbeit vor Ort als sehr wertvoll erlebt. „Es entstand ein solch enger Kontakt, dass die Kinder die Studierenden hinterher kaum noch loslassen wollten. Da sind Beziehungen aufgebaut worden, sodass der Projekterfolg nicht nur in Zahlen messbar ist, sondern auch in dem entstandenen Spirit.“ Ganz ohne digitale Medien kam das Projekt dann doch nicht aus, denn an jeder Schule habe auch eine Gruppe die Dokumentation übernommen, die dann über digitale Medien erfolgte.

Das Projekt „Grundschule der Zukunft“ fördert eine Kultur der gegenseitigen Unterstützung, die sich auf mehreren Ebenen zeigte. „Innerhalb der „Heldinnen-Teams“ übernahmen die Kinder und Studierenden Verantwortung füreinander. Sie unterstützten sich bei Planungen, bei der Umsetzung und Problemlösung und brachten unterschiedliche Stärken ein. Hilfe wurde da nicht als Aufwand, sondern als selbstverständlicher Teil der gemeinsamen Arbeit erlebt. Auch die älteren Kinder halfen selbstverständlich den jüngeren Kindern. Die, die nicht so viel Kraft hatten, um zu sägen oder umzugraben, erhielten sofort Unterstützung.“ Weitere Unterstützung entstand auch zwischen den Akteursgruppen. Da die Lehrkräfte ihre Schule für diese neue Projekterfahrung öffneten, war die Universität auf einmal aktiv im Geschehen und gestaltete mit. „Das war ein kooperatives Miteinander, das von Vertrauen und Wertschätzung geprägt war.“ „Ich habe das Projekt zwar an Grundschulen durchführen lassen“, sagt Schlesier, „aber natürlich kann man das auch auf andere Schulformen transferieren. Das Projekt basiert auf der Lernmethode ‚Lernen durch Engagement’, die ja vorwiegend im Sekundarstufenbereich schon eingesetzt wird, allerdings etwas anders, als ich das mache, weil das bislang nicht mit der Lehrkräftebildung verbunden wird. Es ist also etwas Besonderes, dass ich mit dem Projekt an die Grundschulen gehe und die Grundschule mit der Lehrkräftebildung verbunden habe. Es zeigt, dass es schon mit den ganz kleinen Schülern geht. Da steckt das Transferpotenzial drin.“ Vonseiten der Universität erhält Schlesier große Unterstützung und wird das Projekt nun auch in Wuppertaler Schulen beginnen.