Schon 2026 eindrucksvoll: die Ruinen Berlins. Hier der Rest der Ringbahnbrücke der Stadtautobahn A100.

Schon 2026 eindrucksvoll: die Ruinen Berlins. Hier der Rest der Ringbahnbrücke der Stadtautobahn A100.

Foto: dpa

Krieg und Faschismus haben Berlin zerstört und die Stadt in ein Ruinenmeer verwandelt. Aber es ist nicht 1945, sondern 2196. Von Tempelhof aus startet die letzte Raumfähre zum Planeten Nektar II, wohin sich viele Menschen in den letzten Jahren geflüchtet haben. Nur noch wenige Verlorene bleiben zurück auf der von Krieg und Umwelthavarien gezeichneten Erde. Unter ihnen ist Oswalth Kerzenrauch, der durch das zerstörte Berlin wandert, aber im Gegensatz zu allen anderen Menschen aus unbekannten Gründen nicht sterben kann und schon seit 250 Jahren am Leben ist.

»Der Gräber«, Hendrik Otrembas neuer Roman, sprengt gängige Genre-Konventionen und handelt von nichts weniger als vom Ende der menschlichen Zivilisation und fragt nach einer Perspektive jenseits des Anthropozäns. Trotzdem ist es durch und durch ein Berlin-Roman. Zusammen mit dem eigenwilligen Anti-Helden Oswalth Kerzenrauch, der schon zigfach ermordet wurde und trotzdem weiterlebt, kann der Leser durch diese Stadt der Zukunft laufen und spotlightartig ihre Geschichte der kommenden 200 Jahre miterleben.

Wenn er nicht gerade durch Neukölln läuft oder anderswo durch Ruinen Berlins klettert, ist Kerzenrauch in einem Abbruchhaus in der Oranienstraße zu finden. Dort wohnen auch andere Überlebende, die in zerschlissenes schwarzes Leder gekleidet Orgien feiern oder auch mal aus Spaß ganze Wohnblocks hochjagen.

Der Einzelgänger Kerzenrauch lässt sein langes Leben Revue passieren, das irgendwo in der Provinz begann kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dreh- und Angelpunkt seiner Erinnerungen ist seine Tochter Luzie, die er allein im Berlin des ausgehenden 20. Jahrhunderts großzieht und die später als alte Frau stirbt. Im 21. Jahrhundert eskalieren die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, brachiale autoritäre Gewalt nimmt zu. Kerzenrauch landet irgendwann auch in einem Folterkeller, wird vermeintlich ermordet, kann aus einem Massengrab flüchten und erlebt einen alles zerstörenden Krieg in Berlin.

»Der Gräber« heißt auch ein Song auf dem ersten Soloalbum von Otremba, der Sänger der Band Messer ist und außerdem bildender Künstler. Sein Roman entfaltet seine enorme lyrische Kraft dadurch, dass vieles nur angedeutet wird.

Das Besondere ist, dass Otremba keinen klassischen Science-Fiction-Mustern folgt. Wer da politisch gegen wen kämpft, welche Länder oder Fraktionen in alles zerstörenden Kriegen die Gesellschaften zerstören und massenhaft Menschen sterben lassen, wird nicht erzählt. Nur dass es passiert, das macht Otremba auf eine verstörend direkte und vorstellbare Weise klar. Alles strömt durch die Erinnerungen von Oswalth Kerzenrauch, in manchmal halbseitigen, vor sich hin mäandernden Sätzen, die aber einen enormen erzählerischen Sog entwickeln.

In Tempelhof verabschiedet sich Oswalth von seiner über 60-jährigen Geliebten, die nach Nektar II fliegen will. Er bleibt zurück, kann die Erde nicht verlassen, muss manisch das Grab seiner Tochter besuchen und will weiter erfolgreich sein Geheimnis der Unsterblichkeit wahren. Dabei denkt er umherstreifend über vergangene Jahrzehnte und Jahrhunderte nach, in denen er unter anderem als Terrorist gegen die Regierung kämpfte, mehr schlecht als recht seine Tochter großzog, als Obdachloser in Berlin lebte und den erst schleichenden und dann immer schneller werdenden vielfältigen Verfall – wirtschaftlich, sozial und politisch – miterlebte.

Nichts scheint sich auf dem Planeten, der langsam von einem grünlichen Moos überwuchert wird, zu verändern – bis zwei Besucher aus Nektar II auf der Erde landen. Einer ist der Dichter Shabbatz Krekov, der auch schon in Otrembas Roman »Kachelbads Erbe« auftaucht. Der andere ist Canta Luna, eine der ersten extraterrestrischen Menschen von Nektar II. Sie wollen die Erde erkunden, die Ruinen kennenlernen, wissen, was von der Erde noch existiert. Oswalth führt sie herum, teilt mit ihnen Sehnsüchte, Verlust und Schmerz.

Der Dichter Krekov wird eine Art Anführer einer anarchisch-postapokalyptischen Gemeinde, die marodierend durch die Ruinen zieht. Mit Canta Luna beginnt der 250 Jahre alte Oswalth Kerzenrauch eine romantische Liebesbeziehung. Soll er den Planeten doch verlassen und sich in eine Kryokammer legen, um Lichtjahre entfernt ein neues Leben zu beginnen? Oder wird er irgendwann der letzte Mensch auf einer zerstörten Erde sein, wenn alle anderen längst gestorben sind und die Sonne kollabiert?

Da die Gewalt auf der Erde nie abreißt, ist auch die Liebe von Kerzenrauch und Canta Luna in Gefahr. Sie fliehen gemeinsam auf ein Raumschiff, um ganz am Ende eine verblüffende Entdeckung zu machen. Auch wenn dieser dystopische Roman ungemein düster ist, reißt er mit erzählerischer Wucht hinter der Finsternis einen utopischen Horizont auf. Großartig!

Hendrik Otremba: Der Gräber. März-Verlag, 280 S., geb., 24 €.