Das Land Brandenburg ist erstmals Gastgeber für die Eröffnung der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“. Der Auftakt der bundesweiten Themenwochen fand am Montag in der Filmuniversität Babelsberg in Potsdam statt.

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„Rassismus in der Gesellschaft ist leider in ganz Deutschland Realität“, sagte die Ministerin in der Staatskanzlei, Kathrin Schneider (SPD), am Montag vor Journalisten in Potsdam. „Menschen, die anders aussehen, als die Mehrheitsgesellschaft, die anders reden oder anders glauben, haben in ihrem Alltag Erfahrung mit rassistischer Ausgrenzung.“ Rassismus und Rechtsextremismus seien demokratiefeindliche Ideologien. „Sie basieren immer darauf, dass man die eigene Gruppe aufwertet und die andere Gruppe abwertet“, sagte Schneider.

Seit den Anschlägen in Halle und Hanau 2019 und 2020 sei das Thema Rassismus in Deutschland wieder intensiver debattiert worden. „Für uns ist wichtig, dass das Thema nicht nur in Berlin und in den großen Städten, sondern flächig im Land diskutiert wird“, sagte Schneider. Dem Thema der diesjährigen Wochen, „100 Prozent Menschenwürde“, würden bei einer Umfrage wohl viele Menschen zustimmen. „Aber wenn man sich den Alltag der Menschen anschaut, wird man sehen, dass das vielleicht nicht so funktioniert.“

Brandenburg hatte als erstes Land eine Antirassismus-Klausel

Brandenburg hat 2013 als erstes Bundesland eine Antirassismus-Klausel in die Verfassung aufgenommen, die 2022 durch eine Antisemitismus- und eine Antiziganismus-Klausel ergänzt wurde. „Nur ein weltoffenes und tolerantes Land, das Rassismus und Rechtsextremismus bekämpft, hat eine gute Zukunft“, sagte Schneider. „Davon bin ich überzeugt.“

Die „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ wurden 1995 vom „Interkulturellen Rat“ ins Leben gerufen. Nach Angaben von Isabel Schmidt von der „Stiftung gegen Rassismus“ rechne man mit rund 3000 Veranstaltungen bundesweit, von denen 76 im Land Brandenburg stattfinden. Im vergangenen Jahr hatte es in Brandenburg lediglich 25 Veranstaltungen gegeben.

Die Potsdamer Filmuniversität war dabei nicht nur Auftaktort der Aktionswochen, sie beteiligt sich auch am weiteren Rahmenprogramm. Gemeinsam mit dem zur Filmuni gehörenden Filmmuseum werden im Kino des Museums an der Breiten Straße am Dienstag Kurzfilme der Babelsberger Studierenden gezeigt, die sich mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen.

Am 26. März ist ein internationales Kurzfilmprogramm geplant, bei dem Werke aus dem Netzwerk der Unesco Creative Cities gezeigt werden, die sich mit den Themen Migration, Identität und Zusammenleben beschäftigen.

Bereits am 18. März wird um 18 Uhr in der Gedenkstätte Lindenstraße die Graphic Novel „Unvergessen. Geschichten nationalsozialistischer Verfolgung aus Potsdam“ vorgestellt. Sechs Künstler stellen dabei Geschichten von Verfolgung, Widerstand und Selbstbehauptung in der NS-Diktatur zeichnerisch dar. 

Das Babelsberger Thalia-Kino ist Schauplatz einer Film- und Diskussionsveranstaltung am 22. März. Ab 16 Uhr wird zunächst der Film „Stumpfe Sense – Schwarzer Stahl. Bauern, Industrie und Nationalsozialismus” gezeigt. Im Anschluss diskutieren die Regisseurin und Historikerin Quinka Stoehr und Aktivistin und Landwirtin Julia Bar-Tal mit den Filmemachern Sina Raeder, Chiara Gregor und Fiona Berg.

100

Prozent Menschenwürde ist das Thema der diesjährigen „Internationalen Wochen gegen Rassismus“.

Auch das „Multikulturelle Zentrum Templin“ und „Marthas Tisch“ in Wittenberge beteiligen sich daran. In Schwedt finden an mehreren Schulen Projekttage statt, zu denen 250 Schüler erwartet werden.

„An manchen Orten hat sich der politische Druck gegen Veranstaltungen erhöht“, bedauerte Schmidt. So sei etwa im vergangenen Jahr in Stuttgart die Förderung durch die Partnerschaft für Demokratie ausgesetzt worden. Dadurch konnten 2025 dort nur sechs Veranstaltungen stattfinden. In diesem Jahr seien es aber wieder deutlich mehr gewesen. Man erlebe zudem Störversuche rechtsextremer Gruppen, die aber meist zu einer größeren Solidarisierung mit den Veranstaltungen vor Ort führten.

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Der Botschafter der Internationalen Wochen gegen Rassismus, Professor Matthias Quent, erinnerte an den kürzlich verstorbenen Soziologen Jürgen Habermas. Für ihn sei die Verletzung von Menschenwürde ein Seismograph für den konstitutiven Zustand einer Gesellschaft gewesen. „Wir müssen überall dort hingucken, wo Menschenwürde in Frage gestellt wird“, sagte Quent. „Die Auseinandersetzung mit Rassismus ist in den letzten Jahren vorangekommen, aber mit Rückschlägen.“

Eine Studie, die vor Kurzem den Rassismus in Bundesbehörden untersucht hat, zeige ein „deutliches Nicht-Null-Niveau: Es gibt Rassismus in Behörden.“ Rassismus gebe es nicht nur von Rechtsaußen. Es sei auch ein Thema in medialen Debatten, in der Politik und in der Wissenschaft, so Quent.