Der Schriftzug „Lost in St. Pauli“ prangt unübersehbar an einer schwarzen Hauswand in der Davidstraße 14 in Hamburg. In diesem Gebäude war früher ein Bordell, heute beherbergt es vier Ferienwohnungen, in die größte können sich bis zu 14 Personen ab 600 Euro pro Nacht einquartieren.
Sie liegt im ersten Stock hinter einer rot gepolsterten Tür. Im Flur findet sich ein Tischkicker, dahinter steht eine Vespa, auf die eine Tischplatte montiert wurde. Die Schlafzimmer sind teils mit Stockbetten ausgestattet, teils mit Doppelbetten. Bis vor zwei Jahren gingen in diesen Räumlichkeiten noch Sexarbeiterinnen ihrer Tätigkeit nach, während die übrigen drei Apartments nach einer Kernsanierung bereits an Touristen vermietet wurden.
Tischkicker statt Sexarbeiterinnen: In den Räumen von „Lost in St. Pauli“ war früher ein Bordell.
Foto: Patrick Sun
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Die Herbertstraße vor der Tür: Zimmer von Ricarda Belmar.
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Urlauber, Prostituierte und Freier nutzten also denselben Eingang, sie begegneten sich im Treppenhaus. Das sei völlig unproblematisch gewesen, versichert die „Lost in St. Pauli“-Betreiberin Ricarda Belmar: „Die Mädels haben halt ihren Job gemacht. Sie wussten: Meine Gäste sind tabu für sie.“
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Einige Mieter von Ricarda Belmar denken, eine Prostituierte sei inklusive
Allerdings gehen einige Männer gelegentlich davon aus, dass erotische Dienstleistungen inkludiert wären, wenn sie eine der Wohnungen mit Blick auf die berühmt-berüchtigte Bordellgasse Herbertstraße mieten. Etliche Male wurde Ricarda Belmar schon gefragt, wann denn wohl die Dame für gewisse Stunden kommen würde. Auch Drogen sollten manchen Leuten pünktlich zur Ankunft zur Verfügung gestellt werden, nach dem Motto: Man wäre doch auf St. Pauli, da dürfte das eigentlich kein Problem sein… Solche Ansprüche sind für Ricarda Belmar ein absolutes No-Go.
Auf St. Pauli erlebt Ricarda Belmar so einiges.
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Immer wieder erlebt die Vermieterin die skurrilsten Sachen. Einmal hat jemand ein Apartment komplett in Alufolie verhüllt, ein anderes Mal wollte einer nicht pünktlich auschecken, weil sein Hund noch meditieren musste. Eines Tages entdeckte Ricarda Belmar in einem Zimmer ein gackerndes Huhn, das ein Gast auf dem Fischmarkt erstanden und dann einfach zurückgelassen hatte. Im Wasserkocher hat sie bereits alles Mögliche gefunden – Boxershorts, Zähne, Sexspielzeug.
Ricarda Belmar wurde nachts angerufen, weil es kein Bio-Klopapier gab
Natürlich ist es schon vorgekommen, dass eine Wohnung total auseinandergenommen wurde. Gleichwohl stellt Ricarda Belmar ihren Gästen aus aller Welt insgesamt ein gutes Zeugnis aus: „Zu 90 Prozent sind Touristen toll, die übrigen zehn Prozent stressen aber richtig.“ Bei dieser Klientel bereut die Unternehmerin nicht selten, dass ihre Gäste sie rund um die Uhr erreichen können. Ist eben nicht so witzig, nach Mitternacht angerufen zu werden, weil es kein Bio-Klopapier gibt. Erst recht hört der Spaß für Ricarda Belmar auf, wenn eine Junggesellenabschied-Clique den Sexarbeiterinnen unten auf der Straße Wasser auf den Kopf schüttet: „Einige buchen St. Pauli, um ihre Manieren zu Hause zu lassen.“
Die Apartments liegen mitten im Kiez.
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Ob Frust oder Freude: Ihre Kiez-Geschichten teilt Ricarda Belmar regelmäßig – sei es in der Personality-Show „Kiezlife live“, die bald von der Ritze ins Docks zieht, oder online. In ihren Social-Media-Kanälen erzählt die Influencerin außerdem von ihrem Alltag als Mutter in Halstenbek, Kreis Pinneberg.
Als ihr Mann ihr vorgeschlagen hat, ins Hamburger Umland zu ziehen, zögerte sie zunächst. Weil ihr sehr bewusst war, dass sie dort allein wegen ihrer vielen Tattoos und ihrer künstlichen Wimpern auffallen würde. Wider Erwarten wurde sie jedoch äußerst warmherzig von ihrer Nachbarschaft aufgenommen. „Der Schlachter schenkt meiner Tochter immer ein Würstchen“, schwärmt sie. „Mit dem Bäcker bin ich per du.“ Heute könnte sich Ricarda Belmar kaum noch vorstellen, irgendwo anders zu wohnen: „Ich bin von Kopf bis Fuß Halstenbekerin.“
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Ricarda Belmar: „Ich muss Wände einreißen“
Trotzdem fährt sie zweimal pro Woche nach St. Pauli. Ganz selbstverständlich putzt sie auch mal eine der Ferienwohnungen selber, um ihre Mitarbeiter zu entlasten. Neben den Einheiten in der Davidstraße vermietet sie weitere in der Erichstraße sowie in der Bleicherstraße, insgesamt zehn Apartments. Diese einfach nur zu verwalten, das wäre nichts für Ricarda Belmar. „Im Büro gehe ich ein wie eine Blume“, bekennt sie. „Ich muss Wände einreißen.“
„Anfangs hieß es: ,Mäuschen, was willst du denn? Ich kann dir einen anderen Job geben…‘“
Ricarda Belmar
Vermieterin auf St. Pauli
Das ist nicht bloß leeres Gerede. Sie packte als 18-Jährige neben ihrer Ausbildung zur Hotelfachfrau mit an, als ihrem Vater, einem Bodybuilder, ein altes Bordell in der Kastanienallee zum Umbau in ein Hostel angeboten wurde. Den Respekt auf dem Kiez musste sie sich damals erst erkämpfen: „Anfangs hieß es: ,Mäuschen, was willst du denn? Ich kann dir einen anderen Job geben…‘“
Ricarda Belmar (Mitte) zusammen mit Inkasso Ingo , Cü, Jasmin Taiebi und Schnecke von „Kiezlife Live“ im Boxkeller der Ritze.
Foto: Imago Images
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Mit 20 Jahren baute Ricarda Belmar einen Swingerclub um
Umso erstaunlicher, dass Ricarda Belmar, die nach ihrer Lehre Betriebswirtschaft studiert hat, dennoch mit 20 schon ihr erstes eigenes Projekt stemmte. Aus einem Swingerclub in der Erichstraße machte sie Ferienwohnungen – quasi in Eigenregie: „Ich habe selber Toiletten eingebaut und tapeziert. Die Möbel aus meiner Wohnung habe ich in die Apartments gestellt.“ All das passierte aus der Notwendigkeit heraus, keiner wollte der jungen Frau nämlich seinerzeit einen Kredit geben.
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Zum Glück stand ihr schon in dieser schwierigen Phase, in der sie manchmal Pfandflaschen sammeln musste, um sich überhaupt etwas zu essen leisten zu können, ein Partner zur Seite, auf den sie sich verlassen konnte – ihr späterer Mann: „Er hat immer an meine Vision geglaubt.“
Man könnte meinen, Ricarda Belmar sei eine waschechte St. Paulianerin, das stimmt allerdings nicht. Aufgewachsen ist sie in Hamburg-Eidelstedt. Ihr Vater war streng, er ließ ihr wenig Freiraum, sie durfte abends nicht ausgehen. Dieses Verbot umschiffte sie, indem sie bei einer Freundin übernachtete. Vielleicht war es ein kleines bisschen Rebellion, dass ihre Liebe zum Kiez recht früh erwachte: „Schon wenn ich mit meinem Vater in meiner Jugend mal über die Reeperbahn gefahren bin, war ich total fasziniert.“
„Kiezlife live“ findet am Donnerstag, 26. März, um 20 Uhr im Docks in Hamburg statt. Weitere Informationen unter www.assconcerts.com