Melatonin gilt in vielen Familien als harmlose Einschlafhilfe für Kinder – doch eine umfassende Übersichtsarbeit zeigt, dass die Nutzung der wissenschaftlichen Datenlage weit vorausgeeilt ist. Forscher am Boston Children’s Hospital fordern strengere Regulierung, bessere Produktkontrollen und einen zurückhaltenderen Einsatz bei gesunden Kindern. Auch in in Deutschland ist Melatonin im Handel frei erhältlich.

Forschungslage lässt Langzeitfolgen offen

Melatonin ist kein gewöhnliches Nahrungsergänzungsmittel, sondern ein körpereigenes Hormon, das neben dem Schlaf-Wach-Rhythmus auch das Immunsystem, den Stoffwechsel und die Fortpflanzungsentwicklung beeinflusst. Ob eine regelmäßige Einnahme über Monate oder Jahre den Pubertätsverlauf, die Gehirnentwicklung oder das Immunsystem von Kindern beeinträchtigen kann, ist nach aktuellem Forschungsstand nicht geklärt.

Die im World Journal of Pediatrics veröffentlichte Analyse der Schlafmedizinerin Judith Owens kommt zu einem klaren Befund: Während Melatonin bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung oder ADHS nachweislich die Einschlafzeit verkürzen und die Gesamtschlafdauer verlängern kann, fehlen vergleichbare Belege für Kinder ohne solche Diagnosen. Gerade in dieser Gruppe – bei der die Nutzung besonders stark zunimmt – seien die meisten Studien zu kurz, zu klein oder methodisch zu uneinheitlich, um verlässliche Aussagen zu treffen.

Gummibärchen-Form und falsche Dosierungen als Risiko

Zusätzlich zur lückenhaften Studienlage gibt es handfeste Sicherheitsprobleme bei frei verkäuflichen Produkten. Laboranalysen haben ergeben, dass der tatsächliche Melatoningehalt mancher Präparate erheblich von der Angabe auf der Verpackung abweicht – von weniger als der Hälfte bis zum Vierfachen der deklarierten Menge. In einzelnen Produkten wurden zudem Verunreinigungen mit Serotonin nachgewiesen, einem Botenstoff, der bei Kindern unerwünschte Wirkungen auslösen kann.

Besonders alarmierend: In den USA stiegen Meldungen an Giftnotrufzentralen wegen versehentlicher Melatonin-Einnahme durch Kinder zwischen 2012 und 2021 um rund 530 Prozent – von etwa 8.300 auf über 52.000 Fälle pro Jahr. Zwar verliefen rund 98 Prozent dieser Fälle ohne schwere Symptome, doch über 27.000 Kinder mussten ärztlich behandelt werden, mehr als 4.000 kamen ins Krankenhaus. Als Hauptursache gelten Gummibärchen-Darreichungsformen, die Kinder leicht mit Süßigkeiten verwechseln, sowie unsichere Aufbewahrung in Haushalten.

In den USA wird Melatonin als Nahrungsergänzungsmittel eingestuft und unterliegt daher nicht denselben Qualitäts- und Sicherheitskontrollen wie Arzneimittel. Auch in Deutschland gelten niedrigdosierte Melatonin-Produkte wie Sprays und Gummibärchen als Nahrungsergänzungsmittel, höherdosiert unterliegen sie jedoch dem Arzneimittelgesetz.

Feste Schlafroutinen bleiben die erste Wahl

Die American Academy of Pediatrics und andere Fachgesellschaften betonen, dass verhaltensbasierte Maßnahmen die erste Behandlungsoption bei kindlichen Schlafproblemen bleiben sollten: feste Bettgehzeiten, wenig Bildschirmzeit vor dem Schlafen und eine ruhige Schlafumgebung. Melatonin sollte laut der Übersichtsarbeit nur nach ärztlicher Beratung, in der niedrigsten wirksamen Dosis und zeitlich begrenzt eingesetzt werden – und keinesfalls als schnelle Lösung für alltägliche Einschlafprobleme.

Die Autoren der Studie fordern klarere Kennzeichnungsstandards, kindersichere Verpackungen und vor allem langfristige klinische Studien, um die offenen Fragen zur Sicherheit bei Kindern zu beantworten.