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Europas Energieabhängigkeit ist kaum gesunken – der Iran-Krieg legt die alte Schwachstelle schonungslos offen. Experten sprechen von einem „Déjà-vu“.

Berlin – Leere Gasspeicher, lange Warteschlangen an Tankstellen, einbrechende Aktienkurse und wachsende Angst vor einem allgemeinen Preisanstieg: Was der Iran-Krieg gerade auslöst, wirkt wie eine Wiederholung der Ereignisse rund um den russischen Einmarsch in die Ukraine zu Beginn des Jahres 2022. Damals war Europa von einem Tag auf den anderen gezwungen, auf russisches Gas zu verzichten. Dass sich ein vergleichbares Szenario nun erneut abzeichnet, belegt nach Einschätzung von Experten, wie weit die Staaten noch davon entfernt sind, eingeführte fossile Energieträger durch eigene Quellen wie Solar- oder Windkraft zu ersetzen.

Offshore-WindkraftanlagenEine Offshore-Windkraftanlage. Verschlafen wir in Deutschland die Energiewende? (Symbolbild) © IMAGO / Bihlmayerfotografie

Auch auf längere Sicht könnte der Iran-Krieg für Deutschland spürbare Folgen haben. Die Wirtschaftsforscher des Münchner Ifo-Instituts rechnen zumindest für einen begrenzten Zeitraum mit steigenden Verbraucherpreisen. „Dieser Energiepreisschock dämpft die Erholung, ohne sie jedoch zu stoppen, wegen der hohen Unsicherheit“, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser in Berlin. Als Ursache nennen die Forscher die erhöhten Staatsausgaben in den Bereichen Infrastruktur, Klimaschutz und Verteidigung. Wäre der Krieg ausgeblieben, hätten die Forscher ihre Wachstumserwartung für das laufende Jahr auf ein Prozent angehoben, so Wollmershäuser.

Lehren aus dem Ukraine-Krieg: Deutschland droht wegen Iran-Krieg erneut Energiekrise

Der russische Angriff auf die Ukraine hatte 2022 vor allem in Europa eine schwere Energiekrise ausgelöst, in deren Folge die Gaspreise stark anzogen. Die daraus resultierende Inflation hält in einigen Bereichen bis heute an. Vier Jahre danach bezieht Europa anstelle von russischem Erdgas vor allem Flüssigerdgas (LNG) aus den USA und aus Katar – einem Staat, der nun von iranischen Gegenschlägen nach US-amerikanischen und israelischen Angriffen betroffen ist. Dazu kommt, dass Europa auch beim Öl stark auf Einfuhren angewiesen ist.

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Jan Rosenow, Professor für Energie- und Klimapolitik an der Universität Oxford, spricht von einem „Déjà-vu“: „Wenn man sich die Abhängigkeit Europas von Öl und Gas ansieht, dann ist diese nicht wirklich zurückgegangen“, sagt er mit Blick auf die vergangenen Jahre gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. „Das zeigt, dass wir aus dieser Erfahrung nicht wirklich die Lehren gezogen haben, die wir hätten ziehen sollen.“

Europa weiterhin abhängig von Energieimporten – Energiewende kommt nur schleppend voran

ING-Analyst Carsten Brzeski macht zwei wesentliche Unterschiede zur Lage vor vier Jahren aus: Erstens handelt es sich diesmal nicht um den Ausfall eines einzelnen, für Europa besonders wichtigen Lieferanten. Die arabischen Staaten exportieren den Großteil ihrer Energie nach Asien, nicht nach Europa. Zweitens trifft die Krise Europa am Ende der Heizsaison. Russland hingegen hatte seine Gaslieferungen bereits zu Beginn des Winters 2021 merklich gedrosselt.

An der grundsätzlichen Abhängigkeit Europas von Energieimporten ändert das jedoch nichts – und damit auch nicht an der Anfälligkeit gegenüber steigenden Weltmarktpreisen. Laut der Internationalen Energieagentur deckt Europa noch immer mehr als zwei Drittel seines Energiebedarfs mit fossilen Brennstoffen. Diese werden hauptsächlich in Autos, Heizungen und der Industrie verbraucht.

Umfrage: Abhängigkeit Deutschlands von fossilen Brennstoffen nationales Sicherheitsrisiko

Eine Erhebung der Deutschen Umwelthilfe zeigt: 57 Prozent der Deutschen betrachten die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern als Bedrohung für die nationale Sicherheit. 58 Prozent sprechen sich dafür aus, die Energiewende voranzutreiben. In der Realität hat sich an Deutschlands Abhängigkeit von fossilen Energieträgern in den vergangenen zehn Jahren jedoch kaum etwas geändert. 78 Prozent des Energieverbrauchs entfallen nach Angaben des Handelsblatts auf Öl und Gas.

Zu diesem Befund passt eine aktuelle Auswertung des Handelsblatt Research Institute: Beim Umstieg auf Strom in Verkehr, Wärme und Industrie hinkt Deutschland im weltweiten Vergleich deutlich hinterher. Große Teile von Wirtschaft und Gesellschaft setzen nach wie vor auf Öl, Gas und Kohle – Energieträger, die das System seit Jahrzehnten dominieren.

Experten alarmiert: Elektrifizierung der deutschen Wirtschaft kommt nicht voran

Der Stromverbrauch in Deutschland fiel von rund 590 Terawattstunden (TWh) im Jahr 2016 auf 512 TWh im Jahr 2024. Was auf den ersten Blick wie ein Effizienzgewinn wirkt, beunruhigt Wirtschaftsexperten: Länder wie China elektrifizieren ihre Wirtschaft in einem weit höheren Tempo und erhöhen dabei ihren Stromverbrauch erheblich. „Das ist ein Weckruf“, sagt Matthias Berninger, Nachhaltigkeitschef der Bayer AG. Deutschland drohe, beim Übergang zur Elektrifizierung den Anschluss zu verlieren.

Die europäischen Länder haben sich im Zuge ihrer Klimaziele zur Senkung des Verbrauchs fossiler Energieträger verpflichtet. Tatsächlich umgesetzt wurde dies bisher aber nur bei der Stromerzeugung. Dem Forschungsinstitut Ember zufolge stammten im vergangenen Jahr nur noch 29 Prozent des in der EU erzeugten Stroms aus fossilen Quellen.

Energiewende in Deutschland „verläuft immer noch zu langsam“

Umweltschützer sehen in den aktuellen Preissteigerungen bei Öl und Gas ein weiteres Argument dafür, die Energiewende zu beschleunigen. Der Abschied von den Fossilen „verläuft immer noch zu langsam“, warnt Simon Stiell, Klimachef der Vereinten Nationen. Erneuerbare Energien seien „der offensichtliche Weg zu Energiesicherheit und -souveränität“.

„Nur durch eine Verringerung der strukturellen Abhängigkeit von Öl- und LNG-Importen kann Europa seine Wirtschaft dauerhaft vor wiederkehrenden externen Schocks schützen“, sagt auch Simone Tagliapietra von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. Fossile Energieträger hätten früher als Grundlage für Freiheit und wirtschaftliches Wachstum gegolten, erklärt Pauline Heinrichs, Expertin für Klimadiplomatie am „King‘s College London“. „Ich denke, dieser illegale und unnötige Krieg erinnert uns daran, dass dies offensichtlich falsch ist.“ (Quellen: dpa/AFP/Handelsblatt/Ifo-Institut/Deutsche Umwelthilfe) (sischr)