Es ist ein globales Phänomen: Über Nacht erscheinen Graffitis auf Hauswänden; zwei Polizisten im Kuss, ein vermummter Demonstrant, der statt eines Molotowcocktails einen bunten Blumenstrauß wirft. Die Werke tragen keinen Namen, und doch ist klar, von wem sie stammen: Banksy.
Eine von Banksy bemalte Hauswand in Dover kritisiert den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU.
Archivfoto: imago/Reporters
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Vor mehr als 20 Jahren schablonierte dieser unter anderem im Osten Londons erstmals ein Motiv, das später ikonisch werden sollte: ein Mädchen, das nach einem roten, herzförmigen Ballon greift – gesprüht auf die Wand eines Geschäftshauses. „Girl with Balloon“ machte den Künstler weltberühmt. Mit den Jahren wuchs nicht nur seine Bekanntheit, sondern auch der Wert seiner Arbeiten. Was einst als flüchtige Straßenkunst begann, wird heute auf Auktionen für Millionenbeträge gehandelt.
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Das Phänomen Banksy lebt vom Geheimnisvollen
Banksy gilt längst als einer der einflussreichsten Künstler der Gegenwart. Und doch blieb ein zentraler Teil seiner Geschichte im Dunkel: seine Identität. Banksy gibt nur selten Interviews, tritt nicht öffentlich auf und hat es über Jahre geschafft, seine Person konsequent im Hintergrund zu halten. Die immer neuen Spekulationen zu seiner Identität wurden selbst Teil des Phänomens und verstärkten die Faszination seiner Kunst noch weiter.
„Love is in the Bin“: Während der Versteigerung des Gemäldes in London zerstörte ein im Rahmen versteckter Schredder das Bild zur Hälfte.
Archivfoto: picture alliance/dpa
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Doch eine Recherche der Nachrichtenagentur Reuters bringt nun erneut Bewegung in die Debatte um seine wahre Identität. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht ein Name, der bereits seit Längerem kursiert: Robin Gunningham. Der aus Bristol stammende Mann, der 1973 geboren sein soll, war schon vor einigen Jahren von britischen Medien als möglicher Banksy genannt worden. Aufwendige Ermittlungen der Journalisten stützen diese These nun auf bislang nicht öffentlich ausgewertete Dokumente.
Erste Vermutungen traten im Jahr 2000 in New York auf
Konkret geht es um einen Vorfall aus dem Jahr 2000 in New York. Während der Fashion Week wurde dort ein Werbeplakat der Modemarke Marc Jacobs auf einem Gebäude in Manhattan verfremdet. Der Täter wurde von der Polizei auf frischer Tat ertappt. In Polizei- und Gerichtsunterlagen, die Reuters ausgewertet hat, findet sich ein handschriftliches Geständnis, in dem der Beschuldigte den Vorfall einräumt.
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Darin heißt es, er sei am Abend des 17. September mit Freunden in einem Nachtklub gewesen und habe dann beschlossen, eine Werbetafel humorvoll zu verändern. Unterzeichnet ist das Dokument mit dem Namen Robin Gunningham. Dass es sich bei der Aktion um ein Werk Banksys handelte, legt die Schilderung seines damaligen Managers Steve Lazarides nahe. Dieser berichtete, der Künstler habe dem Model alberne Zähne und eine große Sprechblase hinzugefügt und dokumentierte dies später durch von ihm veröffentlichte Fotografien.
Nach ersten Spekulationen zur Identität des Künstlers, die 2008 durch die Zeitung „Mail on Sunday“ ausgelöst wurden, verschwand der Name Robin Gunningham weitgehend aus öffentlichen Registern. Reuters geht davon aus, dass der Künstler stattdessen den Namen David Jones nutzte, ein extrem weit verbreiteter Name. Neue Hinweise ergeben sich in diesem Zusammenhang aus dem Jahr 2022.
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Reuters verteidigt Recherche, Fans sind auf den Barrikaden
Damals tauchten in der Ukraine mehrere Banksy-Wandbilder auf. In den Einreisedaten soll zur gleichen Zeit ein Mann namens David Jones aufgetaucht sein – ein weiteres Indiz, das die Spur der Journalisten stützt. Banksy selbst äußerte sich nicht zu den Berichten. Sein Anwalt Mark Stephens erklärte jedoch, der Künstler halte viele der in der Reuters-Recherche genannten Details für nicht zutreffend.
2022 tauchten in der Ukraine, inmitten der Kriegszerstörung, mehrere Banksy-Werke auf.
Archivfoto: Banksy/Instagram/PA Media
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Zudem warnte er, eine Veröffentlichung könne dessen Privatsphäre verletzen und seine Arbeit beeinträchtigen. Reuters verteidigte die Recherche mit Verweis auf ein öffentliches Interesse. Es sei legitim, die Identität einer Person zu untersuchen, die den öffentlichen Diskurs maßgeblich beeinflusst habe.
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Banksy-Fans reagieren im Netz überwiegend kritisch auf die Berichte. Für viele gehört die Anonymität untrennbar zur Wirkung seiner Arbeiten. Am Kunstmarkt gehen die Einschätzungen auseinander: Einige Händler hoffen darauf, dass Sammler die Werke selbst schätzen – unabhängig von der Person dahinter. Andere befürchten, dass mit einer möglichen Enttarnung ein Teil jener Faszination verloren geht, die Banksys Arbeiten über Jahre geprägt hat.