Siegfried Lenz Pfeife rauchend am Schreibtisch

AUDIO: Die Pflicht zur Moral: Zum 100. Geburtstag von Siegfried Lenz (6 Min)

Stand: 18.03.2026 08:41 Uhr

Vor 100 Jahren wurde Siegfried Lenz geboren. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit – und als moralisches Gewissen der sich formierenden Bundesrepublik. Eine Erinnerung an einen großen Literaten.

von Jürgen Deppe

„Man kann nicht gleichzeitig mit der Welt groß werden. Sie ist immer schon da, wie die Erwachsenen. Das war auch am 17. März 1926 der Fall, als ich geboren wurde. In Lyck, der Hauptstadt Masurens, stand alles schon fest, war alles eingerichtet, verteilt und beschlossen“, schreibt Lenz in seinem autobiografischen Text „Selbstversetzung“.

Als der Nationalsozialismus dann zum Maß aller Dinge wird, ist er noch ein Kind. In ihn wächst Lenz hinein: Hitlerjugend, Wehrertüchtigung, Notabitur, noch als Jugendlicher macht er eine Marineausbildung, als überzeugter Jungnazi. Mit 17 wird Lenz in den Krieg geschickt, mit 18 begreift er ihn, mit 19 desertiert er, versteckt sich in Dänemark. Das prägt Siegfried Lenz lebenslang.

Wir leben halt als Augenzeugen von Auschwitz. Wir leben halt als Augenzeugen des Krieges, der Flucht, der Verfolgung, der Niederlage, möglicherweise der versäumten Chancen, die sich aus der Niederlage ergeben haben. Und das alles prägt und bestimmt diese Generation.

Siegfried Lenz in einem NDR Interview

Siegfried Lenz Pfeife rauchend am Schreibtisch

Zum 100. Geburtstag von Siegfried Lenz am 17. März präsentiert der NDR neue Perspektiven auf den norddeutschen Autor.

Erstes Buch verhandelt Erfahrungen aus Krieg und Nachkrieg

1945 kommt Siegfried Lenz ins kriegszerstörte Hamburg, beginnt Anglistik, Literatur und Philosophie zu studieren. 1949 wird er Kulturredakteur der Zeitung „Die Welt“, macht Radioarbeiten für den NWDR, später NDR und heiratet Liselotte, seine lebenslange Liebe.

„Mit 23 hielt ich es für nötig, mein erstes Buch zu beginnen, im Vertrauen darauf, dass ich die Erfahrung, die ich im Krieg und Nachkrieg gemacht hatte, mitteilenswert war.“ Das Buch „Es waren Habichte in der Luft“ erscheint 1951. Da ist er gerade einmal 25: Auch, wenn der Roman gleich mit dem Lessingpreis der Stadt Hamburg ausgezeichnet wird: Ein großer Publikumserfolg ist er nicht.

Das ändert sich 1955 mit „So zärtlich war Suleyken“ – schrulligen Geschichten aus seiner Heimat Masuren. Doch Schrulliges genügt Lenz auf Dauer nicht. Er hat etwas zu sagen: „Erst durch Erfindung erhält gemachte Erfahrung eine Chance, auf langfristige Weise wahr zu werden“, findet er.

Der Schriftsteller Siegfried Lenz mit Schauspieler Jan Fedder bei Dreharbeiten zur NDR Literaturverfilmung "Das Feuerschiff" im Emder Hafen. (August 2007)

Der 2019 verstorbene Schauspieler spielte in der Romanverfilmung die Hauptrolle. Im Buch geht es um einen arbeitslosen Taucher, der für einen neuen Job zu illegalen Mitteln greift.

Moral oder Pflicht, das ist hier die Frage

1957 begibt sich Lenz mit „Der Mann im Strom“ in die Untiefen der Arbeitswelt – und wirft erstmals die für ihn alles entscheidende Frage auf: Wie würdest du dich entscheiden? In einer vielleicht nur alltäglichen oder familiären, vielleicht aber auch existenziellen, jedenfalls moralischen Frage? Moral oder Pflicht? Das ist, was Lenz lebenslang umtreibt: „Was ist denn das Thema, das dich am meisten beschäftigt? Und das ist wirklich die extreme Situation. Dann, wenn man genötigt ist zu fragen, wie würdest du dich entscheiden?“

Etwa Dorfpolizist Jens Jepsen, als er entdeckt, dass sein enger Freund, der Maler Max Nansen, gegen das von den Nazis verhängte Malverbot verstößt. „Wenn Du mich jetzt anzeigst, wenn Du mich jetzt anzeigst, weißt du, was du tust? – Ja. Max, meine Pflicht“, heißt es im Roman „Deutschstunde“.

„Deutschstunde“ machte ihn international erfolgreich

Der wird 1968 zu Lenz‘ internationalem Durchbruch, übersetzt in über 20 Sprachen, bis heute Schullektüre. Ihn selbst katapultieren seine Bücher in den Stand einer moralischen Instanz. Für viele Kollegen und Kritiker seiner Zeit eher nicht, aber doch für ein breites Publikum, die alles, was er fortan schreibt, zu Bestsellern macht: „Heimatmuseum“, „Exerzierplatz“, „Schweigeminute“. Und für Marcel Reich-Ranicki, den „Literaturpapst“: „Er ist ein geborener Erzähler. Er ist einer, der die Gegenwart erleidet, ja, aber er kann auch das Erlittene vergegenwärtigen.“

Aus tagespolitischen Diskussionen der 1970er- und 1980er-Jahre hält Lenz sich, anders als etwa seine Kollegen Böll und Grass, weitgehend heraus. Das könne, sagt er, nicht Aufgabe von Literatur sein.

Ich vertraue auf die langsame, unterwandernde, kaum messbare Qualität von Literatur und Wirkung von Literatur, die sich unter anderem darin zeigt, dass wir für bestimmte Probleme eine besondere neue Empfindlichkeit bekommen.

Siegfried Lenz in einem NDR Interview

Der Autor Siegfried Lenz.

Lenz gehört zu den bedeutendsten deutschen Autoren. 1926 in Ostpreußen geboren, zog es ihn nach Kriegsende nach Hamburg.

Viele Literaturpreise und die Ernennung zum Ehrenbürger

Sein Engagement für „kleine Leute“ erfährt höchste Anerkennung: kaum ein Literaturpreis, den Lenz nicht erhalten hätte, 1988 dann der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er selbst wird später zum Ehrenbürger von Hamburg und Schleswig-Holstein – und bleibt als Mensch doch immer hanseatisch ruhig, besonnen, zugewandt.

Mit dem Tod seiner geliebten Frau Liselotte 2006 und seinem fortschreitenden Alter wird es stiller um Siegfried Lenz. Postum erscheinen nun hinterlassene Fragmente und Erzählungen, die ihn immer wieder als das ausweisen, was er war: Ein Schriftsteller, der sich durch und durch der Moral verpflichtet fühlte.

Cover: Siegfried Lenz: Am Widerhaken hängt das Glück

Das Buch „Am Widerhaken hängt das Glück“ zeigt, wie das Angeln das Schreiben und die Lebensphilosophie von Siegfried Lenz prägte.

Illustration eines Fuchses, der auf einem Stuhl sitzt und eine große Zeitung liest. Um den Fuchs herum liegen verstreute Blätter auf dem Boden.

Das Hörspielwerk von Siegfried Lenz bekommt mit Anna Haifischs Zeichnungen ein farbiges Gesicht. Die Illustratorin im Gespräch.

Siegfried Lenz im Jahr 2011

Siegfried Lenz zählt zu den bedeutendsten Autoren der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Am 17. März 2026 wäre er 100 Jahre alt geworden.

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