So habe sich gezeigt, dass die Polizeikräfte nach dem Einschalten der Kameras häufig in eine „formale Verwaltungssprache“ verfielen, statt ihren Ton und ihre Ausdrucksweise an die Situation und den Adressaten anzupassen – und damit Gewalt gegen sie eher häufiger wurde. Damit die Bodycam wirklich ihr Deeskalationspotential entfalte, brauche es eine enge kommunikative Begleitung, betont Kersting daher.
Dem Einsatz in der Notaufnahme steht er skeptisch gegenüber: Dorthin kämen die Menschen, wenn es ihnen schlecht gehe – körperlich, seelisch oder beides. „Und dann ist da diese Kamera im Spiel. Das kann erst recht provozierend wirken, egal ob sie eingeschaltet ist oder nicht“, fürchtet er. Allein die Sichtbarkeit einer Kamera verändere die Interaktion.
Auch die Kriminologen und Soziologen Simon Egbert und Jasper Janssen von der Fakultät für Soziologie, die seit mehreren Jahren zu Bodycams bei der Polizei forschen, weisen auf die uneindeutige Studienlage zur Präventionswirkung der Bodycams hin: Während einzelne Studien durchaus Deeskalationspotential feststellten, gebe es auch Befunde, die auf das Gegenteil hindeuteten, so Janssen. „Relativ sicher können wir festhalten, dass der Präventionseffekt, wenn überhaupt, nur dort existiert, wo die Personen eine gewisse rationale Klarheit mitbringen“, fasst Janssen den Forschungsstand zusammen.
In der Notaufnahme, so befürchten auch die Bielefelder Forscher, drohen die Kameras die Kommunikation dagegen eher zu belasten: „Die Kamera ist ja auch ein Symbol für grundsätzliches Misstrauen“, sagt Egbert. Das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und medizinischem Personal wird dann gestört oder lässt sich gar nicht erst aufbauen.“
Das Klinikpersonal vor Gewalt zu schützen sei fraglos ein wichtiges Anliegen, aber: „Die zugrunde liegenden Gründe für eine Zunahme der Gewalt geht man dann nicht an“, kritisiert er. Die lägen womöglich tiefer. „Aber lange Wartezeiten oder Beschaffungskriminalität im Umfeld einer Notaufnahme bekämpfen Sie nicht mit einer Bodycam.“ Stattdessen drohe eine „Normalisierung von Kameras in immer mehr Räumen“, fügt sein Kollege Janssen hinzu.
In den Notaufnahmen des Dortmunder Klinikums weisen die Verantwortlichen aber auf erste gute Erfahrungen hin: Es habe in den ersten Wochen der insgesamt dreimonatigen Testphase bereits mehrere Anlässe gegeben, in denen die bloße Ankündigung, die kleine Kamera am Kittel anzuschalten, beim Beruhigen einer sich hochkochenden Situation geholfen habe, schildert Thorsten Stohmann, Leiter der Zentralen Notaufnahme. Auch berichten Kollegen, dass sie sich durch die Kamera sicherer fühlten.