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Analysten zufolge erzielt Kiew im Ukraine-Krieg die größten Gebietseroberungen seit Jahren: Starlink-Sperren und hohe Verluste bremsen Wladimir Putins Armee.
Kiew – Erst vor wenigen Tagen rechtfertigte US-Präsident Donald Trump die Lockerung der Russland-Sanktionen infolge des Iran-Kriegs. Auf den Verdacht, die Maßnahme könnte die russische Kriegskasse füllen, entgegnete Trumps Finanzminister Scott Bessent, die Erlöse würden der russischen Regierung zumindest keinen „bedeutenden“ finanziellen Vorteil im Ukraine-Krieg verschaffen. Für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj kommt diese Finanzspritze dennoch ungelegen.
Russische Soldaten feuern auf ukrainische Stellungen im Sektor Krasnoarmeysk (Pokrowsk). (Archivbild) © IMAGO/Stanislav Krasilnikov
Im aktuellen Bericht vom 10. März zeigt der US-Thinktank Institute for the Study of War (ISW) dass die Ukraine einen Großteil der russisch eroberten Gebiete im Oblast Dnipropetrowsk schon zurückerobert habe. Der Trend kennzeichnet die größten ukrainischen Gebietsgewinne seit Juni 2023. Zeitgleich übersteigen jüngsten Berichten zufolge auch die russischen Verluste die neuen Rekrutierungen. Der Thinktank nennt nun mehrere Gründe für die kürzlichen Erfolge der ukrainischen Armee – und deckt auf, wie groß die Probleme für Wladimir Putin erscheinen.
Lange an der Front im Ukraine-Krieg: Kiew stößt 10 bis 12 Kilometer hinter die Front
Mit der neuen Analyse bestätigt sich ein Trend, welcher sich bereits Mitte Februar andeutete: Das ISW meldete damals, dass die Ukraine 63 Quadratkilometer eigenes Staatsgebiet von der russischen Armee zurückerobert habe. Laut einer AFP-Analyse, auf Basis der ISW-Daten, eroberten die ukrainischen Streitkräfte 91 Quadratkilometer von Russland besetztes Gebiet zurück. Die russischen Streitkräfte hingegen eroberten 28 Quadratkilometer ukrainisches Gebiet. Ergo, gewann die Ukraine netto 63 Quadratkilometer zurück.
Die neue Analyse vom 10. März bestätigt diese Einschätzung. Ukrainische Offizielle behaupten, seit Ende Januar 2026 in dem umkämpften Oblast Dnipropetrowsk mehr als 400 Quadratkilometer Territorium befreit zu haben. Dabei berichten Kommandeure, mit ihren Truppen in zwei separaten Vorstößen etwa 10 bis 12 Kilometer tief in russisch besetzte Stellungen eingedrungen zu sein. Das ISW rechnet die Gebietsgewinne konservativ und geht von etwa 279 Quadratkilometern aus, die seit dem 1. Januar in den Richtungen Oleksandriwka und Huljaipole zurückerobert wurden. Jedoch mit dem Verweis, dass ihre Methodik die tatsächlichen Fortschritte oft unterschätze. Für die umfassenden Gebietsgewinne nennt das Institut auch die Ursachen, bei denen ein ehemaliger Trump-Verbündeter eine wesentliche Rolle spielte.
Starlink-Sperre schwächt Russlands Front – ISW sieht Trend
Für die ukrainischen Erfolge, ist gleich eine Vielzahl an Faktoren entscheidend: Die Entscheidung von Elon Musks Unternehmen SpaceX, Starlink-Satellitenverbindungen für russische Truppen Anfang Februar 2026 zu sperren, schwächte bereits Ende Februar das russische Lagebewusstsein erheblich. Das Portal Kyiv Independent berichtete, die russische Armee versuche verzweifelt seine verbleibenden Starlink-Terminals mit allen Mitteln zu registrieren.
„Benutz deinen Kopf, es gibt einfach keine Möglichkeit, sie zu aktivieren“, schrieb etwa ein russischer Milblogger am 13. Februar. Die russischen Einheiten mussten auf weniger effektive Technologien und große Antennen ausweichen. Diese brachten den Nachteil mit sich, dass sie leichter zu orten und zu zerstören sind. Neben dem fehlenden Starlink-System erschwerten auch die schlechten Sichtverhältnisse den Einsatz russischer Drohnen für die Aufklärung und Angriffe erheblich. Die ukrainischen Truppen nutzen Schnee und Nebel als Sichtschutz, um russische Stellungen zu infiltrieren.
Die ukrainischen Einheiten haben gemäß ISW auch ihre Taktiken zur Bekämpfung russischer Drohnenoperatoren und deren Infrastruktur verfeinert: Durch den Einsatz neuer Frequenzen und fortschrittlicher Drohnentypen, wie Glasfaser- oder Mutterschiff-Drohnen, konnte die Ukraine die sogenannte „Kill Zone“ auf 20 bis 25 Kilometer hinter der Front ausweiten. Damit wurde auch die russische Logistik empfindlich gestört. Die Logistik der russischen Armee ist ohnehin durch die massiven personellen Verluste beeinträchtigt. Wladimir Putins Einheiten sind durch die wenigen neuen Soldaten an der Front nicht in der Lage, flexibel auf ukrainische Vorstöße zu reagieren. Frontabschnitte zu verlieren, scheint da unvermeidbar.
Selenskyj kontert Putins Pläne im Ukraine-Krieg: „Stimmen nicht mit der Realität überein“
Zuletzt sorgte darüber hinaus ein Bericht der Kyiv Post für Aufsehen: In diesem informierte der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte Oleksandr Syrsky über die russischen Verluste. Auf Facebook verkündete er: Der Kreml hege nicht die Absicht, seine Offensivaktionen einzustellen – „obwohl er auf dem Schlachtfeld erhebliche Verluste erleidet, die seit drei Monaten in Folge die Zahl der Verstärkungstruppen übersteigen, die sich der russischen Armee anschließen“.
Vor diesem Hintergrund zweifelte auch der ukrainische Präsident an der Stoßkraft, der zu erwartenden Frühlingsoffensive der russischen Armee. Russland wolle weiterhin den Osten der Ukraine sowie im Süden die Städte Saporischschja und Dnipro besetzen, betonte Selenskyj in Kiew. Nach ukrainischer Einschätzung reichten die russischen Kräfte nicht aus. „Ihre Karten stimmen nicht mit der Realität überein“, erklärte Selenskyj laut der staatlichen Nachrichtenagentur Ukrinform. „Sie können den März-Angriff nicht so beginnen, wie sie es wollten.“ Trotz der horrenden Verluste rückt der Kreml nicht vom Ziel einer Unterwerfung der Ukraine ab.
Putins Blutzoll für den Ukraine-Krieg: Wie hoch sind die russischen Verluste?
Wie hoch Putins Blutzoll für den Ukraine-Krieg tatsächlich ist, erscheint derzeit fraglich. Laut dem ukrainischen Generalstab belaufen sich die russischen Gesamtverluste an Militärpersonal seit Kriegsbeginn auf rund 1.277.620 Gefallene und Verwundete. Zahlen, die jedoch nicht unabhängig überprüft werden können. Wie die Welt berichtet, habe der ukrainische Geheimdienst vor wenigen Tagen Dokumente aus Moskau beschafft, die belegen, dass die russische Regierung von insgesamt 1.315.000 gefallenen oder verwundeten russischen Soldaten ausgehe. Laut Welt konnten auch diese Daten bislang nicht verifiziert werden.
Eine Untersuchung von BBC Russian und Mediazona untersucht die Verlustzahlen in einem aufwendigen Verfahren: Die Daten basieren auf dem russischen Nachlassregister. Gefallene werden durch eine Auswertung offizieller Quellen, regionaler Medien und sozialer Netzwerke erfasst. Ein Todesfall gilt als bestätigt, wenn er durch staatliche Stellen, Medien, Angehörige oder Fotos von Friedhöfen und Traueranzeigen belegt ist. Verluste der von Russland völkerrechtswidrig annektierten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk zählen grundsätzlich nicht. Die Zuordnung erfolgt nach der Truppengattung der Einheit (z. B. Luftlandetruppen) und nicht nach der individuellen Spezialisierung des Soldaten.
Grafiken von Mediazona zeigen, dass 37,3 Prozent der Gefallenen Freiwillige waren. Sie bilden seit Frühsommer 2022 die Hauptlast der Verluste. Zu Beginn des Krieges waren noch die Luftlandetruppen am stärksten betroffen. Insgesamt machen diese 2,4 Prozent der Gefallenen aus. Insgesamt erfasste Mediazona in diesem aufwendigen Verfahren mit Stand 14. März 201.051 Verluste. (Quellen: dpa, AFP, Welt, NBC News, ISW, Kyiv Post, Facebook, Kyiv Inidpendent, Ukrinform, BBC Russian, Mediazona, frühere Berichterstattung) (kox)