Wagenburg-Gymnasium: „Niemals vergessen!“ – was Auschwitz mit Stuttgarter Schülern macht Die Stuttgarter Schülergruppe am Eingang zum Stammlager des KZ Auschwitz. Foto: Axel Nothardt

Eine Klassenfahrt der anderen Art haben Schülerinen und Schüler des Wagenburg-Gymnasiums unternommen. Sie waren in Krakau und Auschwitz unterwegs – und berichten darüber.

Geschichte, das sind Zahlen, Daten, Fakten. Geschichte, das sind aber auch Orte, Menschen, Emotionen. Eine Gruppe von 19 Schülerinnen und Schülern des Wagenburg-Gymnasiums hatte Gelegenheit, sich mit beidem zu beschäftigen. Sie machten dabei die Erfahrung, dass praktisches Erleben einen unvergleichlich stärken Eindruck hinterlässt, als die theoretische Beschäftigung mit der Vergangenheit. Speziell mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. In der Schule ist dafür wenig Raum oder wie es ein Schüler ausdrückt: „Man hat Mathe und Deutsch, dazwischen Geschichte, und hofft gleichzeitig, die Englischarbeit zu bestehen.“

Zeit nehmen für Geschichte – darum ging es jetzt bei einem Projekt des Stuttgarter Gymnasiums. Begleitet von zwei Lehrkräften, Caroline Blangero, Lehrerin für Geschichte, Französisch und Deutsch, und Axel Nothardt, Unesco-Regionalkoordinator und Koordinator für das Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, unternahmen die Zehnt- und Elftklässler Ende Januar eine einwöchige Gedenkfahrt nach Polen, angefüllt mit Führungen, Museumsbesuchen, Workshops und Zeitzeugengesprächen.

Stille, Kälte, Erkenntnis in Auschwitz

Erste Station war Krakau, wo sie das Gelände des ehemaligen Ghettos und die Fabrik Oskar Schindlers besuchten, der rund 1200 Jüdinnen und Juden vor der Deportation rettete, indem er sie in seiner Emaillewarenfabrik beschäftigte. Von dort machte sich die Gruppe auf den Weg zur Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau .

Jetzt, fünf Wochen später, sitzen elf der 19 Schülerinnen und Schüler im Physikraum ihrer Schule und berichten dem Besucher aus der Redaktion von ihren Eindrücken, die stark nachwirken. Alle hatten sich für die Studienfahrt beworben. Und alle haben sich bereits ausführlich mit der Nazi-Vergangenheit und dem Holocaust auseinandergesetzt. In der 9. Klasse besuchten sie das KZ Dachau, die „Blaupause“ der Nazis für viele weitere Konzentrationslager.

In Auschwitz herrscht Stille

„Dachau war voll von Schulklassen, darunter etliche Jugendliche, die das nur als Pflichtprogramm ansahen“, erzählen sie. „Dort war es laut, viele waren unkonzentriert.“ In Auschwitz dagegen herrschte Stille bis auf die leise Stimme der Führerin, die sie auf Kopfhörern erreichte. „Es war eiskalt. Wir trugen Schichten über Schichten an Kleidung“, sagt eine Schülerin. „Wie schutzlos müssen sich die Menschen damals gefühlt haben?“ Beim Besuch im Stammlager und anschließend im Vernichtungslager Birkenau mit den Ruinen der Gaskammern seien sie alleine gewesen mit ihren Gedanken, berichten sie. Am Abend habe man sich in der Gruppe jeweils über das Erlebte ausgetauscht, ein wichtiges Gegengewicht.

Elf der 19 Schülerinnen und Schüler des Wagenburg-Gymnasiums, die mit ihren Lehrern Caroline Blangero und Axel Nothardt in Auschwitz waren: Christoph, Theo, Anaïs, Cora, Margaux, Charlotte, Mathilda, Frida, Karla, Lou und Lia. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Fahrt nach Auschwitz ging eine gründliche Vorbereitung voraus, zu der auch ein Austausch mit dem Jüdischen Bildungswerk und der Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) zählten. Und doch stellten die Heranwachsenden fest: „Auf Auschwitz kann man sich nicht vorbereiten“, meint ein Schüler, der bereits das zweite Mal dort war. Zu stark sind die Eindrücke, zu aufwühlend die Bilder von den aufgehäuften Brillen, Haaren und Schuhen der Menschen, die hier ermordet wurden. „So abgehärtet kann man nicht sein, dass einen das nicht berührt“, sagt eine Schülerin: „Und das sollte man auch gar nicht sein wollen.“ Das Gefühl an einem Ort zu sein, an dem die Nazis rund 1,1 Millionen Menschen ermordet haben, tragen sie als prägende Erfahrung in sich. „Man hört diese Zahl, aber man kann es nicht realisieren“, sagen sie.

Die gründliche Vorbereitung hilft, damit umgehen zu können. „Das war belastend, aber nicht traumatisierend“, sagt eine 16-Jährige. Wichtig war für die Schüler auch in der Ausstellung in Auschwitz zu sehen, dass die Opfer ein Leben vor dem Holocaust hatten. „Sie haben gelebt, sie haben gelacht.“ Das alles bestärkte die Schüler in dem Wunsch, diesen Menschen Respekt zu erweisen. Allein dadurch, dass man sich erinnert.

„Ein Besuch in Auschwitz sei da wie ein Weckruf“

Auch im Nachgang findet eine intensive Auseinandersetzung mit dem Erlebten statt. „Sind wir überhaupt die richtige Zielgruppe?“, fragt sich eine Schülerin. „Wir wussten darüber schon so viel.“ Viele andere aber wüssten nichts. Es komme vor, dass sie gefragt werde: „Was ist Auschwitz?“, erzählt sie. „Wir alle sind die Zielgruppe“, entgegnet eine andere Schülerin. „Jeder sollte einmal dorthin fahren.“ Dass die Nazi-Verbrechen in sozialen Medien runtergespielt, Opferzahlen in Frage gestellt und Antisemitismus verbreitet werde, erschreckt die Schüler: „Da fehlen einem die Worte.“ Gemeinsam fragen sie sich, was man dagegen unternehmen kann und wie eine Partei wie die AfD bei Wahlen wie jetzt in Baden-Württemberg so gut abschneidet?

Die Gedenkfahrt hat tiefe Spuren hinterlassen und das Nachdenken der ohnehin schon bemerkenswert aktiven jungen Leute über das Vergangene und die Lehren für die Gegenwart noch stärker ausgeprägt: „Wir müssen alles dafür tun, dass das, was geschehen ist, nicht in Vergessenheit gerät“, sagt eine Schülerin und erinnert an den Auschwitz-Überlebenden Primo Levi: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“ Ein Besuch in Auschwitz sei da wie ein Weckruf, sagt eine der Teilnehmerinnen. Ein anderer ergänzt: „Demokratie ist ein abstraktes Projekt. Auschwitz hilft zu verstehen, was die Abwesenheit von Demokratie bedeuten kann.“

Stuttgarter Schüler gegen Menschenfeindlichkeit

Caroline Blangero und Axel Nothardt, die beiden Lehrkräfte, sind beeindruckt, „dass viele der Schüler nach der Reise den Wunsch äußerten, sich aktiv gegen Rassismus, Antisemitismus und jegliche Form von Menschenfeindlichkeit einzusetzen“. Im Rahmen der Internationalen Aktionswochen gegen Rassismus wollen sie am 25. März in der Schule von ihrer Gedenkfahrt berichten. Das Motto lautet: „Auschwitz – unser Vermächtnis“. Auch Barbara Traub, Vorstandssprecherin der IRGW, Stadträte, die Anstifter und Vertreter der Stolperstein-Initiativen werden dabei sein.

Denn auch der Blick der Schüler auf die in Stuttgart verlegten Stolpersteine wurde durch den Auschwitz-Besuch geschärft. Einer sagt, er fotografiere alle Steine, die ihm begegneten. Eine andere erzählt von ihrer Ururgroßmutter, für die ein solcher Gedenkstein in Görlitz verlegt worden sei. Und alle zusammen äußern sie so etwas wie ein Versprechen: „Wir werden niemals vergessen!“

Aktionswochen
Noch bis zum 29. März finden in Stuttgart die Aktionswochen gegen Rassismus statt. Sie sind Teil eines bundesweiten Netzwerks und bündeln öffentliche Veranstaltungen sowie Bildungsangebote zu diesem Thema. Ziel ist es, laut Veranstaltern, „ein sichtbares Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung zu setzen und Akteure in ihrer Arbeit für Demokratie, Vielfalt und Menschenrechte zu stärken“. Die Ausrichtung der Aktionswochen in Stuttgart war aufgrund gekürzter Fördermittel zunächst fraglich. „Dank eines Netzwerks an Kooperationspartnern können sie dennoch stattfinden“, erklärt Alice Heisler vom Stadtjugendring.

Programm
Das Programm findet sich unter: https://www.aktionswochen-stuttgart.de/programm-2026. Infos gibt es auch auf dem Instagram-Account iwgr_stgt.