Von einer schönen Leich‘ sprechen die Wiener, wenn ein Großer ihrer Stadt mit Trauerzug und Fiaker den letzten Gang antritt. Kaiser zum Beispiel, Beethoven oder Falco. In Wolfgang Ainetters neuem Politkrimi gibt es sogar zwei Leichen. Kanzler und Finanzminister segnen auf dem Bundespresseball im Hotel Adlon das Zeitliche, also nicht in Wien, sondern im Herzen Berlins. Froschgift im Champagnerglas. Das könnte der Auftakt eines brutalen Politthrillers sein, tatsächlich ist es der Beginn eines schwarzen Humorstücks über den Berliner Hauptstadtbetrieb, wie es nur Österreicher können. Schöner sterben mit Schmäh. 

Der Clou: Alle Mächtigen müssen zuschauen, als die beiden Morde geschehen. Der Bundespräsident, dessen Frau den Anblick nicht erträgt und der mit 80 Phrasen durch die Welt geht. Der Gesundheitsminister, der vergeblich Erste Hilfe leistet, um danach seine Trauerbotschaft an die Welt zu twittern, der Spiegel-Chefredakteur Jaeger, der seine Redakteure wegen der „scheiß Reportage“ zusammenfaltet, die sie über den Anschlag fabrizieren. Die Verlegerin der Boulevardzeitung Wumms24 gehört auch zum Panoptikum, sie macht aus der Tat eine Kampagne. „Diese Geschichte ist ebenso wahr, wie die Wahlversprechen von Friedrich Merz. Alle Figuren haben eine eidesstattliche Versicherung abgegeben: Wir existieren nicht“, heißt es im Vorwort. 

Der erste grüne Kanzler der Republik heißt Norbert Bobeck

Ähnlichkeiten zu lebenden Persönlichkeiten sind in „Einigkeit und Recht und Rache“ natürlich rein zufällig. So zufällig eben, wie Minister einer Ampel-Koalition in einem Buch eben sein können. Der Kanzler heißt Oskar Vergis, der Finanzminister Claas von der Linden, der Wirtschaftsminister Norbert Bobeck. Letzterer wird durch den Tod erster Grünen-Bundeskanzler der Republik. „Seine Fans nannten ihn Republikflüsterer. Nur Wirtschaftsflüsterer nannte ihn niemand“, geht es dem ermittelnden Kommissar durch den Kopf. 

Die Ermittlungen führt der Wiener Bulle André Heidergott durch, der sich der Liebe wegen nach Berlin hat versetzen lassen. Heidergott ist der Typ abgehalfterter Schnüffler, der in abgewetztem Trenchcoat und mit Krawatte auf halb acht am Tatort auftaucht. Er hat eine Schwäche für alles Süße und Alkoholische und nur seine Freundin hält ihn davon ab, schon mittags zum Dosenbier zu greifen, das in seinem Wiener Heimatbezirk Ottakring ganz selbstverständlich in der Büchse verkauft wird. Sein Vorbild: Der österreichische TV-Kommissar Kottan, der am Kiosk die Kronen-Zeitung klaute und einen ganzen Berufsstand in Misskredit brachte. Heidergott ist im Kontrast dazu kein Misanthrop, sondern Typ gutmütiger Trottel. 

Wenn Austro-Schlendrian auf deutsche Aktengläubigkeit trifft

Die Komik entsteht, weil Wolfgang Ainetter im Klischee Österreich auf Preußen treffen lässt. Sein Ermittler trinkt den Kaffee aus dem Häferl (Becher), während er im Büro mit einer Kollegin häkerlt (sich necken). An seinem Arbeitsplatz hat er als Gedankenstütze ein Plakat aufgehängt, wie er besser mit Kollegen umgehen kann. „Denk Dir: ‚Hams da ins Hirn geschissn.‘ Aber sag lieber: ‚Ich kann Deinen Überlegungen in dieser Sache nicht zustimmen.‘“ 

Der österreichische Schlendrian des Kommissars ist für die aktengläubigen Staatsdiener aus Polizei und Ministerien eine kulturelle Herausforderung. Ihre Umlaufmappen tragen sie vor sich her, wie die Pfarrer die Bibel. Ainetter kennt die Berliner Blase aus Politikern, Beamten und Journalisten. Er war Boulevard-Journalist bei der Bild und Pressesprecher des CSU-Verkehrsministers Andreas Scheuer. „Das ist keine Verarsche der Demokratie, das ist eine Verarsche der Eitelkeit von Politikern und Journalisten.“

Wolfgang Ainetter: Einigkeit und Recht und Rache. Haymon, 350 Seiten.

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