Bielefeld. Es ist 18 Uhr, der 9. März 2024 ist in Bielefeld ein warmer, frühlingshafter Samstag. In der Bielefelder Altstadt flanieren die Menschen an den Läden vorbei, sitzen an den Außentischen von Restaurants und Eiscafés. Plötzlich zücken zwei Männer Pistolen und eröffnen das Feuer. Es fallen 16 Schüsse, ein Mann wird mehrfach getroffen, will fliehen, wird erneut getroffen, er taumelt, stürzt. Ein Querschläger bleibt in der Fassade des nahen Steakhouse-Restaurants stecken. In Panik versetzt, rennen die Menschen auseinander, suchen Schutz, verstecken sich hinter Autos oder Häuserwänden. Dann flüchten die Täter. Bielefeld steht unter Schock.

Diese Tat kam einer Hinrichtung gleich, sagte später Rechtsanwalt Georg Schulze am Rande des Gerichtsverfahrens. Seine Mandantin ist die Witwe des erschossenen ehemaligen Profi-Boxers Besar Nimani. Der 38-jährige Familienvater war nicht nur in Bielefeld bekannt.

In der neuesten Folge von „OstwestFälle“, dem True-Crime-Podcast der Neuen Westfälischen, spricht „OstwestFälle“-Stimme Birgitt Gottwald mit NW-Redakteur Jens Reichenbach über diesen außergewöhnlichen Fall. Dabei geht es den beiden um den Schockmoment der Tat, um die Ermittlungen und das inzwischen rechtskräftig abgeschlossene Gerichtsverfahren.

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OstwestFälle

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Mord an Besar Nimani – der Fall im Überblick:

  • Besar Nimani wird auf offener Straße erschossen.
  • Die Täter, Hüseyin A. und Ayman Dawoud Kirit, werden direkt nach der Tat ermittelt, können jedoch zunächst fliehen.
  • Monate später wird Hüseyin A. in Belgien gefunden und muss sich anschließend in Bielefeld vor Gericht verantworten.
  • Während des Prozesses fallen erneut Schüsse – diesmal schießt Besars älterer Bruder Berat auf den Vater von Hüseyin A. sowie auf weitere Angehörige.
  • Hüseyin A. wird zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Der dringend tatverdächtige Ayman Dawoud Kirit ist weiterhin auf der Flucht.

Augenzeuge: „Ich dachte, dass wir sterben“

Das Entsetzen der Bielefelder ist riesig, als bekannt wird, dass in ihrem Wohnzimmer – der Bielefelder Altstadt – eine solche Straftat passiert ist. Für diejenigen, die sich damals am Tatort aufhielten, stellt das Geschehen ein Trauma dar. Besonders eindrücklich schildert ein Lehrer (33) später vor Gericht den Schreckensmoment: „Ich dachte in diesem Moment, dass wir sterben werden.“

Er wollte sich gerade mit seiner schwangeren Freundin auf die Fahrräder schwingen und nach Hause fahren. Beide waren ausgangs der Obernstraße damit beschäftigt, die Fahrradschlösser zu öffnen, als unmittelbar vor ihnen die ersten Schüsse fielen. „Ich dachte erst, es handelte sich um Böller.“ Als er aber seinen Blick hob, sah er plötzlich einen Mann mit ausgestreckter Pistole. „Ich dachte, das wäre ein Terrorakt.“

Schwangere Bielefelderin erstarrt direkt vor den Tätern

In so einer existenziellen Situation reagieren Menschen instinktiv: Die einen ergreifen sofort die Flucht, andere geraten in eine Art Kampfmodus, wieder andere fallen in eine Schockstarre. Während der 33-Jährige reflexartig Schutz hinter dem abgestellten Auto des Profiboxers sucht, erstarrt seine Freundin direkt vor den Tätern und regt sich nicht mehr. Als der 33-Jährige bemerkt, dass seine Freundin nicht hinter ihm hergekommen ist, kehrt er zu ihr zurück und flüstert ihr ins Ohr: „Lauf, lauf, lauf! Komm mit.“ Er habe das möglichst leise gesagt, weil er die Aufmerksamkeit der Täter nicht auf sich lenken wollte. Wenig später eilen sie in Todesangst in Richtung Klosterplatz.

Lesen Sie dazu: „Dachten, wir sterben“: Bielefelder Zeuge berichtet von „Kugelhagel“ im Fall Nimani

Nicht viel weiter entfernt, aber von der anderen Seite aus, sehen zwei Brüder das tödliche Geschehen. Sie befinden sich in einem Friseurgeschäft an der Obernstraße. Besar Nimani wollte einen der Brüder gerade abholen, um gemeinsam zu einer Trauerfeier zu fahren. Doch der ehemalige Profi-Boxer erreicht den Laden nicht mehr.


Am oberen Teil der Obernstraße hatte sich die Tat zugetragen. Die Kripo sperrte an jenem Abend den gesamten Bereich ab. - © dpa

Am oberen Teil der Obernstraße hatte sich die Tat zugetragen. Die Kripo sperrte an jenem Abend den gesamten Bereich ab.
| © dpa

Fassungslos müssen die Brüder durch die Schaufensterscheibe mit ansehen, wie zwei Männer auf ihren Freund Besar schießen. Sie erkennen das Täter-Duo sofort: Es handelt sich um den inzwischen rechtskräftig wegen Mordes verurteilten Hüseyin A. und den bis heute flüchtigen und dringend tatverdächtigen Ayman Dawoud Kirit.

Handy knallt gegen Fensterscheibe und stoppt Täter kurz

Der ältere der beiden Brüder (35) sagt später vor Gericht, dass er mit beiden Seiten gut bekannt war. Kirit (33) kannte er gut, sagt er vor Gericht. Besar Nimani und Hüseyin A. (33) sollen früher sogar eng befreundet gewesen sein. Als Freund beider Seiten habe er im Vorfeld der Tat immer wieder versucht, den Streit zu schlichten, berichtet der Bruder. Aber es sei nicht möglich gewesen. Als er an diesem Tag erkennt, wie die beiden Männer auf seinen Freund Besar Nimani schießen, wirft er reflexartig sein Handy gegen die Schaufensterscheibe des Friseurgeschäftes.

True Crime in OWL: Hier finden Sie alle Podcast-Folgen im Überblick

Der Knall dieses Handys habe die Täter kurz abgelenkt. Sie halten inne, hören auf zu schießen. Während Hüseyin A. daraufhin sogar die Flucht ergreift, soll der Täter die Brüder durch die Scheibe nur angelächelt und dann mit dem Mund noch das Wort „Peng“ angedeutet haben. Anschließend erhebt er wieder seine Pistole und soll nochmals auf Nimani geschossen haben. Dieser hatte sich schwer verletzt, aber noch bewegungsfähig, gerade wieder aufrappeln können.

Täter soll auch auf Brüder gezielt und abgedrückt haben

Doch nach den letzten zwei bis drei Schüssen in den Rücken bleibt Nimani endgültig liegen, berichtet der Zeuge später vor Gericht. Der 38-jährige Ex-Boxer wird von sieben Schüssen durchlöchert. Eines der Projektile, so berichtet es ein Rechtsmediziner, trifft ihn seitlich und verletzt Herz, Lunge und Leber. Allein aufgrund dieser Verletzung verblutet das Opfer innerhalb kürzester Zeit. Der Rechtsmediziner betont, dass diese Verletzung definitiv tödlich für den 38-Jährigen war. Alle anderen Verletzungen hätten angesichts der schnellen Hilfe eines zufällig anwesenden Arztes sowie des Rettungsdienstes nicht unbedingt tödlich sein müssen, heißt es vor Gericht.


Am Tatort legten später viele Freunde und Angehörige von Besar Nimani Blumen und Kerzen ab. - © Jens Reichenbach

Am Tatort legten später viele Freunde und Angehörige von Besar Nimani Blumen und Kerzen ab.
| © Jens Reichenbach

Der Täter, der bis zuletzt auf den Boxer geschossen hatte, soll sich sogar noch umgedreht haben und auf die Brüder hinter der Schaufensterscheibe gezielt und abgedrückt haben, berichtet der 35-Jährige. In diesem Moment sei aber offensichtlich das Magazin der Waffe leer gewesen. Der ältere Bruder sagte dazu: „Wenn da noch Munition im Magazin gewesen wäre, hätte der mich durch die Scheibe umgeblasen.“

Zum Thema: Mord an Bielefelder Besar Nimani: Freunde der Beteiligten schildern Tathergang

Die Ermittler der „Mordkommission Ober“ finden später am Tatort ein Magazin, das mit 14 Neun-Millimeter-Vollmantelgeschossen bestückt war. Dieses Magazin wollte der Täter offenbar in diesem Moment nachladen, berichten die Brüder, ließ es aber fallen, als die Brüder aus dem Friseurgeschäft stürmen. Kirit folgt A. in Richtung Alter Markt. Sie steigen in ein Fahrzeug und flüchten.

SEK stürmt Wohnungen der beiden Tatverdächtigen

„Der hat geschossen wie ein Profi. Der wusste, was er machte“, sagte der Zeuge später vor Gericht über Kirit. Während A. seine Waffe eher mit wilden Armbewegungen geführt habe, soll der 33-Jährige mit ausgestrecktem Arm und stabiler Stellung immer wieder gezielt auf den Ex-Boxer geschossen haben. Dabei sei er Stück für Stück näher an sein Opfer herangetreten.

Obwohl die Polizei schon nach wenigen Minuten weiß, wer die Todesschützen waren, kommt die Erstürmung ihrer Wohnungen durch das SEK kurz darauf zu spät. Die dringend gesuchten Männer sind bereits auf dem Weg ins Ausland. Am 13. März veröffentlicht die Kripo Fahndungsfotos der beiden mit internationalem Haftbefehl gesuchten Männer.

Es dauert weitere vier Monate, bis Zielfahnder den Deutsch-Türken Hüseyin A. in Belgien ausmachen und mithilfe von belgischen Spezialkräften festnehmen können. Er wird der deutschen Justiz ausgeliefert, Ende Januar 2025 beginnt der Mordprozess gegen Hüseyin A. vor dem Bielefelder Landgericht.

Welche Rolle spielt Nimanis Kiosk an der Heeper Straße?

Was war passiert, dass ein Streit zwischen erwachsenen Männern so eskalieren konnte? Bis heute sind die eigentlichen Beweggründe für die Schüsse in der Obernstraße unklar. Zwar soll es 2021 erste Auseinandersetzungen rund um einen Kiosk an der Heeper Straße gegeben haben. Nimani hatte diesen Kiosk mit einem Bruder von Hüseyin A. betrieben.

Dann gab es aber plötzlich Probleme. Von Schlägereien und Bedrohungen ist die Rede. Die Familie Nimani sprach davon, dass ihr Bruder keinen Drogenhandel in seinem Kiosk duldete, Kirit und A. dies aber verlangt hätten. Im Juli 2021 soll Kirit mit einer Schusswaffe im Kiosk aufgetaucht sein und nach Nimani gesucht haben. Der Fall landete sogar bei der Polizei, aufgrund des fehlenden Interesses des Anzeigenerstatters an Aufklärung, konnte die Kripo damals aber nicht weiter ermitteln.

Der Vorsitzende Richter Sven-Helge Kleine am Landgericht glaubte nicht so recht an die Story vom langjährigen Streit, der in einem Kiosk seinen Ausgang genommen haben soll. In seiner Urteilsbegründung sagte er später: „Es ist lebensfremd, zu glauben, dass dies der tatsächliche Auslöser für den Gewaltausbruch am 9. März 2024 war: Warum soll man zwei Jahre oder mehr warten?“ Selbst der Freund (35), der mit beiden Seiten befreundet gewesen war und zu schlichten versucht hatte, konnte oder wollte nicht erklären, was Auslöser für die Gewalteskalation war.

Neue Eskalation durch Schüsse vorm Landgericht

Lange Zeit war in der Gerichtsverhandlung offen, welchen Tatanteil A. wohl zu verantworten haben würde. Dies änderte sich nach dem dritten Verhandlungstag, als vor dem Landgericht plötzlich erneut Schüsse fielen. Wie sich schnell herausstellte, hatte der Bruder des getöteten Ex-Boxers, Berat Nimani, das Strafverfahren als nicht ausreichend empfunden.


Der später wegen Mordes verurteilte Bielefelder Hüseyin A. mit seinem Strafverteidiger Tobias Diedrich am Landgericht Bielefeld. - © Jörg Dieckmann

Der später wegen Mordes verurteilte Bielefelder Hüseyin A. mit seinem Strafverteidiger Tobias Diedrich am Landgericht Bielefeld.
| © Jörg Dieckmann

Obwohl er immer wieder betont hatte, dass es ihm lediglich um eine gerechte Strafe ging, nahm der ein Jahr ältere Bruder am 26. Februar 2025 das Recht selbst in die Hand und schoss auf den Vater von Hüseyin A. und weitere Angehörige seiner Familie. Vier Menschen wurden dabei zum Teil lebensgefährlich verletzt. Berat Nimani wurde wegen dieser Vergeltungstat später zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Eine seiner Schwestern wurde für weitere Schüsse, die nicht getroffen hatten, zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Vergeltungstat bringt Tatwaffe von 2024 zutage

Für das laufende Verfahren war aber eine andere Entdeckung entscheidend. Im Zuge der Tatortaufnahme vor dem Landgericht fanden die Spurensicherer der Kripo im Fahrzeug der Familie A. eindeutig eine der beiden Mordwaffen von der Obernstraße. Eine BKA-Expertin konnte mit größter Sicherheit feststellen, dass aus dieser Waffe exakt einmal auf Besar Nimani geschossen worden war.

Unglaublicher Fund: Mord an Besar Nimani: Was über die gefundene Tatwaffe bekannt ist

Das dazugehörige Projektil hatten Ersthelfer bei der Reanimation direkt am Opfer gefunden. Es liegt nahe, dass es sich bei der Waffe um die von Hüseyin A. handelte.

Die I. Große Strafkammer des Landgerichts Bielefeld verurteilte Hüseyin A. schließlich wegen Mordes an Besar Nimani zu einer lebenslangen Haftstrafe. Die Revision der Verteidigung wurde verworfen. Das Urteil ist rechtskräftig.

Das Urteil: Lebenslange Haftstrafe für den Mörder des Bielefelder Boxers Besar Nimani