Liebe Leserin, lieber Leser,

„Jo oder No?“, heißt es jetzt in Kiel.
Bis zum 19. April stimmen die Menschen dort darüber ab, ob ihre Stadt
Segelwettbewerbe bei den Olympischen Spielen 2036, 2040 oder 2044 ausrichten
soll. Die Briefwahl läuft, im Rathaus werden schon Stimmzettel abgegeben.
Die grün-rote Koalition wirbt mit einem kumpeligen „Wir sagen Jo!“ für die Spiele – doch die
Umfragen ergeben kein klares Bild. Rund 50 Prozent sind dafür, der Rest dagegen
oder unentschieden. Kurz: Kiel ist ungefähr so überzeugt wie Hamburg.

Nun will Hamburg sich aber gemeinsam mit Kiel für
die Ausrichtung der Spiele bewerben. Oben im Norden soll gesegelt, außerdem
Handball und Rugby gespielt werden.

Was passiert, wenn Kiel Nein sagt? Hätte Hamburg
dann einen Plan B? Das habe ich gestern Steffen Rülke gefragt, den Leiter der
Hamburger Olympia-Projektgruppe. „Theoretisch wäre es
möglich, die Segelwettbewerbe in Rostock-Warnemünde auszurichten“, sagte er.
Der Osten sei ohnehin Teil der Hamburger Planung – im anvisierten Olympia-Jahr 2040 wäre die deutsche Einheit 50 Jahre her. „In unserem Fußballkonzept haben wir deshalb auch Standorte wie Rostock,
Dresden und Magdeburg vorgesehen.“ Aber Kiel werde schon zustimmen, so Rülke: „Da bin ich mir sicher.“

2015 zumindest stimmten die Kieler für Olympia, die
Hamburger dagegen. Das liege daran, „dass die Kielerinnen und Kieler positive Erfahrungen mit Olympischen
Spielen haben“, glaubt Rülke. „Dort wurde schon bei den Spielen 1972 gesegelt, viele
Ältere erinnern sich gern daran und wünschen sich dieses Erlebnis auch für ihre
Enkel.“ (Falls hier jemand aus Kiel mitliest: Ist das so?
Schreiben Sie uns doch mal.)

© Pia Bublies für die ZEIT/​DIE ZEIT

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Die Hamburger Olympia-Kampagne geht jedenfalls in die heiße Phase, die Stadt trommelt bis zum Volksentscheid am
31. Mai also besonders laut für ihre Pläne. „Wir werden mit Plakaten präsent sein, aber Hamburg nicht zupflastern, keine
Sorge“, sagte Rülke. Es gehe vor
allem um den direkten Austausch vor Ort, etwa auf Wochenmärkten oder in
Einkaufszentren. Er selbst sei fast jeden Abend unterwegs, diskutiere in Stadtteilen, bei Bürgervereinen,
stelle sich auch kritischen Fragen. Unterstützung komme außerdem von
Sportlerinnen, Sportlern und Influencern – die aber keinen Cent für etwaige
Werbeclips bekommen sollen.

Und kommt zum Abschluss noch der große Tusch? Eine
weitere Drohnen-Show im Hafen, wie im Februar, könne er sich schon vorstellen,
sagte Rülke, fest geplant ist bisher nichts. „Und so eine Show würde wieder durch private
Unterstützer finanziert werden, nicht durch öffentliche Gelder.“

Nun denn. Ob noch eine Begeisterungswelle durch die
Stadt geht oder die Skepsis überwiegt, entscheidet sich in den nächsten Wochen.
An Versuchen, die Stimmung zu heben, wird es jedenfalls nicht fehlen.

Ich
wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Ihre Annika Lasarzik

WAS HEUTE WICHTIG IST

© Marcus Brandt/​picture alliance/​dpa

Das Hamburger Bündnis
für das Wohnen wird seine Arbeit bis 2030 fortsetzen
. Laut
Stadtentwicklungsbehörde wurden in den vergangenen 15 Jahren rund 145.000
Wohnungen genehmigt und mehr als 110.000 neue Wohnungen fertiggestellt,
darunter mehr als 30.000 Sozialwohnungen. Dem Bündnis gehören unter anderem die
Bezirksämter, Verbände der Wohnungswirtschaft und die Saga an.

Von den gesetzlich
Versicherten in Hamburg nehmen weniger als 30 Prozent das
Hautkrebs-Screening wahr
, das ab 35 Jahren alle zwei Jahre kostenlos
angeboten wird. Dem aktuellen Arztreport der Krankenkasse Barmer
zufolge nutzen es Frauen zwischen 35 und 39 Jahren häufiger als
gleichaltrige Männer (25,8 zu 17,6 Prozent); ab 80 Jahren gehen mehr Männer zum
Screening.

Trotz ungeklärter
Schuldfrage zur Steuerhinterziehung mit Cum-Ex-Aktiendeals droht dem
Hamburger Bankier Christian Olearius eine Strafe von rund 40 Millionen Euro
.
Ein nun vom Bundesgerichtshof angewiesenes Einziehungsverfahren soll
klären, ob der heute 83-Jährige zahlen muss.

Der Wedeler
Rüstungszulieferer Vincorion geht am Freitag an die Börse
. Vorab wurde der Preis einer Aktie auf 17 Euro festgelegt, wodurch sich der
Wert der Firma zunächst auf 850 Millionen Euro beläuft. Die Komponenten von
Vincorion sind etwa in Flugabwehrsystemen und im Kampfpanzer Leopard verbaut.
Mehr über den aktuellen Boom des Unternehmenslesen Sie hier.

Wegen der aktuell hohen
Spritpreise müssen Besucher des am Freitag beginnenden Frühlingsdoms höhere
Ticketpreise zahlen
. Trotzdem erwartet der Schaustellerverband Hamburg von
1884 e. V. über eine Million Menschen auf dem Heiligengeistfeld. Eine Fahrt im
„Olympia-Looping“ – der größten transportablen Achterbahn der Welt – kostet zum
Beispiel 12,50 Euro.

AUS HAMBURG

© Niklas Grapatin/​DIE ZEIT

Mein Vater und die tödliche Nacht von St. Pauli

Im Januar 1970 wird in Hamburg ein Polizist erschossen –
mitten auf der Davidwache. ZEIT-Autor Söhnke Callsen begleitet seit seiner
Kindheit die Frage: Hätte es meinen Vater treffen können? Nun geht er ihr nach;
lesen Sie einen Auszug aus seinem Artikel.

Manchmal frage ich mich, ob ich mein Leben einem Unfall verdanke. Ich meine
einen Verkehrsunfall mit verletzten Menschen und verbeulten Autos. Er steht am
Anfang einer Geschichte, die mir mein Vater oft erzählt hat. Sie geht so:

Es ist der späte Abend des 7. Januar 1970 auf St. Pauli, als mehrere Autos
zusammenkrachen. Wenige Minuten später springen zwei Polizisten der Davidwache
in einen Streifenwagen und rasen mit Blaulicht zur Unfallstelle, sie ist nicht
weit entfernt. Einer der Beamten ist mein Vater.

Er ist damals 21 Jahre alt und erst seit einigen Wochen auf Hamburgs
berühmtester Wache im Einsatz. Er will alles richtig machen, befragt Zeugen des
Unfalls, notiert sich die Lage der Fahrzeuge, schreibt jedes Detail in sein
Meldebuch, ein kleines graues Notizheft.

Zurück auf der Wache muss er einen Unfallbericht schreiben, eine Skizze
anfertigen. Eigentlich soll er in dieser Schicht beim Abtasten von
festgenommenen Personen helfen, die die Nacht in einer der kargen Zellen auf
der Davidwache verbringen müssen. Doch ein großer, gutmütiger Kollege winkt ab
und sagt so etwas wie: „Schreib du mal deinen Bericht zu Ende, wir kommen hier
vorne klar.“ Der Kollege heißt Uwe Kraack.

Mein Vater ist nicht gerade schnell beim Tippen auf der Schreibmaschine.
Konzentriert bearbeitet er die Tasten – da knallt es plötzlich laut. Erst
glaubt er, ein schwerer Gegenstand müsse heruntergefallen sein. Doch dann
kracht es erneut ohrenbetäubend, er hört Schreie. Mein Vater eilt aus dem
Schreibzimmer in den vorderen Teil der Wache. Dort sieht er mehrere seiner
Kollegen, die sich auf einen Mann gestürzt haben. Er habe bei der Durchsuchung
plötzlich geschossen, sagen sie. Ein Polizist wurde ins Bein getroffen. Ein
anderer liegt leblos am Boden. Es ist Uwe Kraack. Kurze Zeit später ist er tot.

Was Callsens Spurensuche in dem Fall von damals ergab, lesen Sie weiter in der
ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+)

SCHON GELESEN?

© Thit Thyrring/​DIE ZEIT

Habermas
– Die Kraft seiner Gedanken

Warum der Tod des großen Philosophen seinem
Werk eine ganz neue Brisanz verleiht. In dieser Textsammlung aus dem Feuilleton
der aktuellen ZEIT-Ausgabe wird der Person und seiner Philosophie gedacht. → Zum Artikel (Z+)

DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN

Das Junge Schauspielhaus Hamburg zeigt im Theater am Wiesendamm „Die Schönen und das Biest“. Ein
Tanztheaterstück ohne Worte für Menschen ab 6 Jahre über Ausgrenzung und
Annäherung, Vielfalt und Individualität. Die Choreografin und Regisseurin Ceren
Oran ist bereits für verschiedene Projekte für ein junges Publikum
ausgezeichnet worden.

„Die Schönen und das Biest“,
22.3., 11 Uhr und diverse Termine; Junges Schauspielhaus,
Wiesendamm 24

MEINE STADT

Mama, da fliegt ein Schiff!

(Am Alten Löschplatz in Barmbek wird der 150 Jahre alte Alsterdampfer »St. Georg« zur Reparatur aus dem Osterbekkanal gehoben.)

© Friederike Heecks

HAMBURGER SCHNACK

Bei der Einfahrt der S3 in Harburg-Rathaus warten ganz vorne eine
Rollstuhlfahrerin und ihre Begleitung. Während der sehr aufmerksame Zugführer
die Rampe für den Rollstuhl positioniert, fragt er die beiden, wo sie denn
hinwollen. Auf die Antwort „Jungfernsteig“ sagt er: „Echt? Das ist schön dort.
Da habt Ihr ja Glück, ich fahre in die gleiche Richtung, dann nehme ich Euch
mal mit.“

Gehört von Bernd Kaminski

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