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Uns auf Google folgenZwei Beispiele für gelungene Integration: Tatjana Calasnicova (l.) und Julia Matsuyeva besuchen regelmäßig das Sprachcafé des Berger Asylhelferkreises.Zwei Beispiele für gelungene Integration: Tatjana Calasnicova (l.) und Julia Matsuyeva besuchen regelmäßig das Sprachcafé des Berger Asylhelferkreises. © carolina mombaur

Die Integration der Ukraine-Geflüchteten schreitet voran. Doch der Weg zur Arbeit ist steinig und die Rückkehr bleibt ungewiss.

Landkreis – Schon vier Jahre dauert der Krieg in der Ukraine. 1776 Geflüchtete leben inzwischen im Landkreis. Eine von ihnen ist Julia Matsuyeva. Sie ist seit 2022 in Deutschland und seit drei Jahren in Starnberg. Zwei Wochen nach Kriegsbeginn flüchtete sie mit einer Freundin und ihrem zehn Monate alten Sohn aus Kiew. Heute hat die 33-Jährige eine Wohnung und kann sich mit ihrem Mann ihr Leben finanzieren. Bis dahin war es ein langer Weg.

Die Agentur für Arbeit und das Jobcenter haben Pingpong mit mir gespielt.

„Die erste Woche haben wir in einem Lager bei Regensburg verbracht“, erinnert sich Matsuyeva. Danach kamen die drei für ein Jahr bei einer Familie in der Oberpfalz unter. Sie habe sofort arbeiten wollen, aber das sei schwierig gewesen. „Die Agentur für Arbeit und das Jobcenter haben Pingpong mit mir gespielt“, sagt sie. Dauernd habe man ihr gesagt, es sei der jeweils andere zuständig. Nach etwa einem Jahr hatte sie ihr Ziel erreicht. In der Ukraine war sie Segeltrainerin, das kann sie nun in Starnberg als Nebenjob weitermachen. Sowohl sie als auch ihr Mann, Pavlo Matsuyev, sind beim Münchener Ruder- und Segelverein beschäftigt. Hauptberuflich ist Julia Matsuyeva Kindergärtnerin. Zusammen können sie sich inzwischen eine eigene Wohnung in Starnberg leisten. Viel Geld bleibe nicht übrig. „Wir möchten alles richtig machen, aber ich sehe andere Ukrainer, die Bürgergeld bekommen, denen geht es besser als mir.“

Laut dem Jobcenter finden immer mehr Geflüchtete Arbeit. Im Juli 2025 waren 440 Ukrainer sozialversicherungspflichtig beschäftigt, das sind 350 mehr als noch vor vier Jahren. Mehr als die Hälfte davon sind Fachkräfte oder sogar Experten in ihrer Branche. Ukrainern fällt die Jobsuche genauso leicht oder schwer wie dem durchschnittlichen Arbeitslosen, sagt Jobcenter-Geschäftsführer Dominik Blaß.

Besonders häufig arbeiten Geflüchtete aus der Ukraine in sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufen, oft in Kindergärten. Im Lebensmittel- und Gastgewerbe sind ebenfalls viele beschäftigt, genauso in Gesundheitsberufen wie der Pflege. Etwa bei den Starnberger Kliniken. „Was wir in der Praxis sehen, sind Ärztinnen und Ärzte, deren Abschluss in Deutschland zunächst noch nicht anerkannt ist. Ausgebildete Pflegefachkräfte sind seltener“, erklärt Pflegedirektorin Stefanie Son. Viele arbeiteten unter ihrem Qualifikationsniveau, vor allem weil das medizinische Deutsch noch fehle.

Blaß erklärt: „Je besser die Deutschkenntnisse, desto schneller funktioniert die Arbeitsaufnahme.“ Es dauere ohne Sprachkenntnisse etwa ein bis anderthalb Jahre von der ersten Anmeldung im Jobcenter bis zum Berufseinstieg. „In dieser Zeit sind die Menschen aber nicht untätig, sondern besuchen in der Regel den Integrationskurs und lernen Deutsch.“

Julia Matsuyeva denkt zurück: „Deutsch lernen, das war eine Katastrophe.“ Ein halbes Jahr habe sie auf einen Kurs bei der Volkshochschule Starnberg-Ammersee warten müssen. Die VHS bietet Integrationskurse für die Geflüchteten im Landkreis an. Drei- bis fünfmal die Woche erhalten die Teilnehmer Deutschunterricht, außerdem werden sie im sogenannten Orientierungsmodul über deutsche Kultur, Geschichte und Gesellschaft informiert. Unter den mehr als 600 Teilnehmern im Jahr 2025 waren 130 Ukrainer, berichtet Programmbereichsmanagerin Lisa Aulinger. Der Prozentsatz gehe aber eher zurück. „Der Höhepunkt war 2023/24. Jetzt scheint der erste große Berg erst einmal vorüber zu sein.“

Um ihr Deutsch zusätzlich zu verbessern, kommt Julia Matsuyeva ins Sprachcafé des Asylhelferkreises Berg. „Der kulturelle Austausch ist das Schönste daran“, sagt Organisatorin Helga Sommer. Das Team des Asylhelferkreises besteht aus etwa 20 bis 30 Personen, die auch bei der Wohnungssuche oder beim Gang zu den Behörden helfen. „Die Ukrainer sind relativ selbstorganisiert“, sagt Susanne Polewsky, ebenfalls vom Asylhelferkreis. Viele lebten in Privatunterkünften. In den Containern in Berg, die schon seit 2016 Flüchtlingen als Unterkunft dienen, wohnten seit letztem Sommer etwa 60 Ukrainer. Häufig seien es Familien. „Diese Container sind sehr beengt, die Grundausstattung nicht besonders gut“, so Polewsky. Ein großes Problem der Ukrainer sei, dass es keinerlei Hoffnung auf eine baldige Rückkehr gebe. „Ich kenne eine Familie, die im März 2022 hergekommen ist. Sie dachten, sie bleiben drei Monate, inzwischen sind es vier Jahre.“

So ging es auch Tatjana Calasnicova, die wie Matsuyeva das Sprachcafé besucht. Sie hatte das Glück, direkt mit einer ukrainischen Altenpflegerin tauschen zu können, als der Krieg anfing. So konnte sie deren Job und Wohnung in Bachhausen sofort übernehmen. Für einen Sprachkurs ließ ihr der Berufsalltag keine Zeit, sie übt seitdem im Sprachcafé. Ihr Mann und ihr Sohn müssen im Krieg kämpfen, die 26-jährige Tochter entschied sich, in ihrer Heimat zu bleiben. „Die Situation in der Ukraine ist schrecklich. In meiner Stadt Kryvyi Rih gibt es höchstens eine Stunde Strom am Tag, und die Heizungen funktionieren nicht.“ Calasnicova hofft, ihre Tochter im Mai endlich wiederzusehen. „Wir möchten in den Urlaub nach Barcelona. Ich hoffe, es funktioniert.“ Sie wolle eines Tages zurück in die Ukraine: „Aber es kommt darauf an, wie das alles endet.“

Carolina Mombaur