Deutschland hat 2014 in Brasilien nicht nur den WM-Titel gewonnen, sondern vor allem auch Sympathien – trotz des Halbfinals. Symbol der besonderen Völkerverständigung ist ein rot-schwarzes Trikot. Die nächste Folge unserer WM-Serie Icons.
Thomas Müller, Miroslav Klose, Toni Kroos, gleich nochmal Toni Kroos, Sami Khedira: Es waren keine 29 Minuten gespielt und Deutschland führte im Halbfinale der WM 2014 mit 5:0 gegen Gastgeber Brasilien. Eine Demontage von historischem Ausmaß. Eigentlich der perfekte Anlass, um locker ein bisschen Samba durch die Kabine zu tanzen – und dann auch noch über den Platz. Schiefgehen konnte zu diesem Zeitpunkt ja nichts mehr. Brasilien war gebrochen, Deutschland stand praktisch schon im Finale.
Und was verkündet Bundestrainer Joachim Löw bei seiner Halbzeitansprache? „Ich habe gesagt: Wenn nur einer von uns anfängt, Theater zu machen, den Gegner lächerlich zu machen, nicht mehr mit der absoluten Seriosität zu spielen – derjenige wird im Finale, falls wir da reinkommen, definitiv nicht dabei sein.“
Zudem erinnerte Löw an die eigene, so bittere Halbfinal-Niederlage bei der Heim-WM 2006 gegen Italien und die damit einhergehenden Schmerzen. Und Löw erinnerte auch an die vier speziellen Wochen, die die deutsche Auswahl bis dahin schon in Brasilien verbracht hatte. „Der Respekt der Brasilianer gegenüber uns war im ganzen Land sehr groß“, erklärte der Bundestrainer seine Ansprache später. „Und für mich war völlig ausgeschlossen, dass wir sie demütigen oder ihnen nun arrogant begegnen.“
Auf den ersten Blick ist dieses Duell zwischen Deutschland und Brasilien bei der WM 2014 eine Demontage. Auf den zweiten Blick ist es auch der Abschluss einer Völkerverständigung, wie sie vielleicht nur der Fußball schaffen kann. Und als Symbol dieser Völkerverständigung dient ein Trikot mit rot-schwarzen Querstreifen. Das Trikot von Flamengo aus Rio de Janeiro, dem beliebtesten Klub Brasiliens. Gleichzeitig auch das Auswärtstrikot des DFB-Teams bei der WM 2014. Das Trikot, das die deutsche Nationalmannschaft bei jenem legendären Halbfinale getragen hat.
Getty ImagesDeutschlands Fußball-Ruf im Wandel der Zeit
Zunächst einmal für den Kontext: Traditionell zählt das DFB-Team zu den eher unbeliebten Nationalmannschaften dieses Planeten, um es freundlich auszudrücken. 1954 und 1974 verhinderte sie in umkämpften Endspielen die eigentlich verdienten WM-Titel der beiden wohl talentiertesten europäischen Nationalmannschaften des 20. Jahrhunderts. 1954 prallten Ferenc Puskas‘ Ungarn am deutschen Bollwerk ab, 1974 Johan Cruyffs Niederländer.
Spätestens in den 1980er Jahren war Deutschlands Ruf im Weltfußball gänzlich dahin. Bei der WM 1982 in Spanien erst die Schande von Gijon, als sich Deutschland gemeinsam mit Österreich auf Kosten Algeriens weiter mogelte. Dann Harald „Toni“ Schumachers Attacke auf Frankreichs Patrick Battiston im Halbfinale. Battiston verlor dabei drei Zähne, seine Mannschaft letztlich das Spiel. Statt Sympathien sammelte Deutschland aber weiterhin fleißig Titel. EM 1980, WM 1990, EM 1996. „Fußball ist ein einfaches Spiel“, sagte Englands Gary Linker. „22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball hinterher, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“
Anfang dieses Jahrtausends wendete sich das Blatt langsam. Das Sommermärchen bei der Heim-WM 2006 mit dem knappen Halbfinal-Aus gegen den späteren Weltmeister Italien. Die Welt zu Gast bei Freunden. Der erfrischende Auftritt bei der WM 2010 in Südafrika mit einer jungen, talentierten Mannschaft und dem ähnlich knappen Halbfinal-Aus. Wieder gegen den späteren Weltmeister, diesmal Spanien. Und nun eben: Brasilien.
Getty ImagesDeutschlands Auswärtstrikot avanciert in Brasilien zum Verkaufsschlager
„Dein Trikot für Rio“: So stellte der DFB im Februar 2014 sein neues rot-schwarzes Auswärtstrikot für die anstehende WM vor, praktisch ein Imitat von Flamengos traditionellem Heimshirt. Bis dahin waren Deutschlands Auswärtstrikots meist grün. Vereinzelt auch rot oder schwarz – aber nie beides zu gleichen Teilen. „Das neue Trikot sieht super aus und erinnert mich an die Spielkleidung von Flamengo Rio de Janeiro“, sagte auch Mesut Özil. „Das bringt uns für die WM in Brasilien bestimmt Glück.“ Es war der Auftakt einer bemerkenswerten Charmeoffensive. Diesmal sollte es beides geben, endlich wieder einen Titel – und dazu Sympathien.
Der Trikot-Plan des DFB ging schnell auf: Lange bevor die WM überhaupt anfing, sorgte das ungewöhnliche Shirt im Gastgeberland Brasilien schon für Begeisterung. Dass sich der dreimalige Weltmeister aus dem fernen Europa bei der Farbwahl seines Trikots nun am beliebtesten Klub ihres Landes orientierte, rührte viele Brasilianer. „Als das deutsche Trikot in den Farben von Flamengo vorgestellt wurde, habe ich beschlossen, für Deutschland zu jubeln“, zitierte die lokale Tageszeitung O Dia einen brasilianischen Fan in einem Artikel über das besondere Shirt.
Auf die Begeisterung folgte der Kaufrausch: Innerhalb kürzester Zeit avancierte das Trikot in Brasilien zum Verkaufsschlager. In den Sportgeschäften von Rio de Janeiro war es bald ausverkauft. Die stets flinken Schwarzhändler rieben sich die Hände, gefälschter Nachschub überflutete die Copacabana. Während Brasilianer also im DFB-Trikot durch Rio de Janeiro liefen, posierte Bastian Schweinsteiger am Trainingsgelände des FC Bayern in München an der Säbener Straße mit einem „originalen“ Flamengo-Trikot.
Ein Stuttgarter Rio-Auswanderer namens Bernhard Weber nutzte unterdessen die Gunst der Stunde und dichtete – inspiriert von Deutschlands besonderem Shirt – als MC Gringo das Lied: „Deutscher Fußball ist geil, beweg’ dein Hinterteil.“ Im dazugehörigen Musikvideo tanzt er, abwechselnd portugiesisch und deutsch singend, im rot-schwarzen DFB-Trikot, teils mit einer Flamengo-Kappe und mit einer leicht bekleideten Brasilianerin an seiner Seite durch Rio de Janeiros Gassen, Strände, Märkte und Favelas. Bald lief das Lied im brasilianischen Fernsehen und in den Strandbars.
Getty ImagesDeutscher Fußball ist geil – auch auf dem Platz
Anfang Juni kam der deutsche Tross schließlich in Brasilien an, bezog die extra für die WM errichtete Unterkunft Campo Bahia – und gab sich dort sofort betont volksnah. Bastian Schweinsteiger und Manuel Neuer tanzten mit einheimischen Fans zur Hymne eines lokalen Klubs aus Bahia. Die ganze Mannschaft besuchte soziale Veranstaltungen in der Gegend, Fußballspiele und Blockflötenkonzerte. Der brasilianische Sportjournalist Renato Costa lobte in einem Interview mit der Deutschen Welle: „Man merkt, dass sich das DFB-Team mit Brasilien beschäftigt hat und sich sehr viel Mühe gibt.“
Und dann spielte Deutschland auch noch atemberaubenden Fußball. Los ging es mit dem beeindruckenden 4:0-Auftaktsieg gegen Portugal, Dreierpack Thomas Müller. Deutscher Fußball ist geil! Es folgte ein Remis gegen Ghana. Im dritten Gruppenspiel trug Deutschland erstmals das Auswärtstrikot – und qualifizierte sich mit einem Sieg gegen die USA als Gruppensieger für das Achtelfinale. Dort wurde es dann aber äußerst knapp. Gegen Algerien setzte sich das DFB-Team in der Verlängerung durch.
Noch spannender machte es derweil Gastgeber Brasilien. Nach dem Gruppensieg gewann die Selecao ihr Achtelfinale gegen Chile erst im Elfmeterschießen. Groß war der Jubel bei den brasilianischen Fans, aber auch bei Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski. Im Internet kursierten Videos der beiden, wie sie das Weiterkommen mit Brasilien-Flaggen bejubeln.
Getty ImagesDie rot-schwarze Nation von Flamengo
Im anschließenden Viertelfinale gewannen die Gastgeber gegen Kolumbien, verloren dabei aber ihren absoluten Superstar Neymar – eine erhebliche Schwächung. Deutschland gastierte in der Runde der letzten Acht für das Duell mit Frankreich unterdessen erstmals in Rio de Janeiro. In der Finalstadt, in der Flamengo-Stadt.
Der Clube de Regatas do Flamengo wurde ursprünglich zum Rudern gegründet, bald aber verschob sich der Fokus auf den Fußball. In den 1930er Jahren spielte hier Leonidas, Brasiliens erster echter Fußballstar und Torschützenkönig der WM 1938. Zico führte Flamengo 1981 dann zum erstmaligen Triumph in der Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions League. Und anschließend in Tokio zum in Südamerika hoch angesehenen Weltpokal. Das 3:0 gegen den FC Liverpool gilt als größter Triumph in der Geschichte des brasilianischen Klubfußballs. Spätestens seit diesem Zeitpunkt ist Flamengo der mit Abstand beliebteste Klub des Landes.
Fast alle großen brasilianischen Stars spielten hier mal. Von Mario Zagallo über Bebeto und Romario bis hin zu Ronaldinho, Adriano und Vinicius Junior. Nach vielen Jahren der Dürre gab es zuletzt wieder mehr Grund zum Jubel. 2019 und 2020 gewann Flamengo die Meisterschaft, 2019 und 2022 die Copa Libertadores, 2022 und 2024 den Pokal. Aktuellen Erhebungen zufolge hat Flamengo rund 47 Millionen Fans, also mehr als ein Fünftel der Bevölkerung Brasiliens. Nacao Rubro-Negra nennen sich Flamingos Anhänger. Rot-schwarze Nation.
Getty ImagesPodolskis und Schweinsteigers Charmeoffensive in Flamengo-Trikots
Zurück in den Sommer 2014, zurück zum WM-Viertelfinale. Nach all den Annäherungen schlossen sich Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski vor ihrem ersten Auftritt im Maracana schließlich auch hochoffiziell der Nacao Rubro-Negra an. Sie teilten ein Foto von sich in Flamengo-Trikots, also den echten, auf einem Balkon mit Blick auf den Strand von Rio de Janeiro.
Vor allem Podolski konnte gefühlt nicht genug bekommen von der Völkerverständigung. Während der WM setzte er regelmäßig Tweets auf Portugiesisch ab. „Brasilien ist ein wundervolles Land voller netter Menschen und fantastischer Spieler“, schrieb er beispielsweise – und postete dazu Fotos von sich mit Ronaldo und Ronaldinho. Auch nach dem Turnier interagierte Podolski in den sozialen Netzwerken mit Flamengo-Fans. 2017 und 2023 soll Flamengo deshalb sogar versucht haben, Podolski zu verpflichten. „Jeder weiß, dass ich seit der WM Brasilien liebe, und da vor allem den Klub Flamengo“, sagte Podolski bei Globo Esporte. Geklappt hat ein Transfer nie, die Chance würde aber noch bestehen. Auch im Alter von 40 Jahren kickt Podolski professionell, aktuell in Polen für Gornik Zabrze.
Bei ihrem ersten Auftritt in Flamengos Wohnzimmer Maracana besiegten Podolski & Co. jedenfalls Frankreich mit 1:0. Das entscheidende Tor erzielte Mats Hummels per Kopf. Nun wartete das Halbfinale, nun wartete Brasilien.
Getty ImagesClovis Acosta Fernandes wurde zum Gesicht des Dramas
Über eine halbe Million DFB-Trikots wurden lokalen Medien zufolge bis dahin in Brasilien bereits abgesetzt, zur überwiegenden Mehrheit die rot-schwarzen. Und auch in Deutschland verkaufte sich das Shirt blendend. Ausrüster Adidas vermeldete, dass die Verkaufszahlen „alle Erwartungen übertreffen“ würden. Die brasilianische Sportzeitung Lance rief ihre Leser dazu auf, Fotos im rot-schwarzen DFB-Trikot einzusenden. Und dann sahen sie, wie Flamengo-Deutschland ihre eigene Nationalmannschaft auf dem Rasen des Estadio Mineirao in Belo Horizonte nach allen Regeln der Fußballkunst zerlegte.
Müller, Klose, Kroos, gleich nochmal Kroos, Khedira: Nach 29 Minuten stand es 0:5. Eine Demontage von historischem Ausmaß. Bis Joachim Löw seine Mannschaft in der Halbzeit zur Zurückhaltung aufrief – und ihm seine Mannschaft folgte. Der eingewechselte Andre Schürrle erzielte in der Schlussphase noch einen Doppelpack, ehe Brasiliens Oscar die Ergebniskosmetik zum 1:7 verrichtete.
„Seit 2006 wissen wir, wie schmerzhaft es ist, ein Halbfinale im eigenen Land zu verlieren“, schrieb der DFB anschließend auf Portugiesich in seinen sozialen Netzwerken. „Wir wünschen euch für die Zukunft alles Gute.“ Dazu gab es Fotos, wie Schweinsteiger seinen Gegenspieler David Luiz tröstet, wie Thomas Müller Dante tätschelt, wie sich Philipp Lahm um Oscar kümmert. Garniert von herzzerreißenden Aufnahmen eines alten Brasilianers mit Schnauzbart, der medial zum Gesicht der Tragödie avancieren sollte. Weinend klammerte er sich auf den Rängen des Estadio Mineirao an einer Imitation des WM-Pokals fest. Später überreichte er die Trophäe pflichtbewusst einem jungen, deutschen Fan.
Bei diesem Brasilianer handelte es sich um Clovis Acosta Fernandes. Ein treuer Fan, der seine Nationalmannschaft schon viele Jahre lang begleitet und nun wohl seine bitterste Niederlage zu verarbeiten hatte. Auf Facebook postete er im Nachgang des Spiels ein Foto von sich mit Deutschlands damaligen Teamchef Franz Beckenbauer bei der WM 1990 und schrieb dazu auf Deutsch: „Ich hoffe, dass ihr am Sonntag den Pokal in die Höhe streckt, im heiligen Tempel des Fußballs, dem Maracana.“
Getty ImagesBrasilien stand im WM-Finale gegen Argentinien an Deutschlands Seite
Damit unterstrich Clovis Acosta Fernandes die vorherrschende Meinung in Brasilien: Trotz der historischen Demontage im Halbfinale würden die Gastgeber beim Finale gegen den verhassten Erzrivalen Argentinien fest an Deutschlands Seite stehen. Das Internetportal UOL meinte sogar, dass Deutschland „brasilianischer ist als Brasilien“ – wegen der Spielweise und sicherlich auch ein bisschen wegen der rot-schwarzen Trikots. Die Zeitung O Estado de Sao Paulo lobte derweil das „außergewöhnliche Benehmen“ der Deutschen. „Sie haben den Geist dieser Gegend zu verstehen gelernt.“ Mit Blick auf das Finale gegen Argentinien schrieb die Sportzeitung Lance schließlich: „Wir sind alle Deutschland.“
Angefeuert von den mitgereisten deutschen Fans, aber auch von den einheimischen Brasilianern besiegte das DFB-Team Lionel Messis Argentinier in der Verlängerung mit 1:0. „Mach ihn! Mach ihn! Er macht ihn! Mario Götze! Das ist doch Wahnsinn!“ Deutschland gewann in Brasilien aber nicht nur seinen vierten WM-Titel, sondern auch viele Sympathien. Weltweit, vor allem jedoch im Gastgeberland. Und Lukas Podolski posierte nach dem Titelgewinn im echten Flamengo-Trikot mit dem WM-Pokal. Zumindest ein bisschen war also auch die rot-schwarze Nation Weltmeister.