
marktbericht
Mit dem Angriff auf Energieanlagen im Nahen Osten eskaliert die Lage weiter. Derweil steigt der Ölpreis unaufhaltsam. Das weckt Inflationsängste – der DAX taucht ab unter 23.000 Punkte.
Angesichts der jüngsten Eskalation der Lage im Nahen Osten verabschieden sich die Anleger in Scharen vom Aktienmarkt. Der DAX rutscht am Vormittag unter die Marke von 23.000 Punkten und erreicht bisher im Tagestief ein Niveau von 22.928 Punkten – ein Minus von rund 2,5 Prozent und fast auf den Punkt genau an das bisherige Iran-Krisentief bei 22.927 Punkten. Auch der MDAX der mittelgroßen Werte verliert deutlich in ähnlicher Größenordnung.
Damit setzt sich die schwierige Lage am Aktienmarkt fort. Bereits am Vortag hatte der DAX einen Erholungsversuch abgebrochen und rund ein Prozent leichter geschlossen. Denn im Krieg am Persischen Golf gibt es nach wie vor keine Entspannungssignale. Auch die Wall Street und die asiatischen Märkte waren schon eingeknickt. In New York hatte der Leitindex Dow Jones am Vorabend 1,6 Prozent verloren, in Tokio sank der Nikkei-Index um 3,4 Prozent auf 53.372 Punkte. Eine Tendenz, die sich jetzt auf die Märkte in Europa überträgt.
„Der Irankrieg hat mit dem Angriff auf ein Gasfeld eine neue Eskalationsstufe erreicht“, erläuterte Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank. „Jeder Angriff auf kritische Energieinfrastruktur nimmt dem Markt die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr zu alten Produktionsniveaus, sollte der Krieg einmal enden.“
Und auch die Notenbanken rücken zunehmend ins Blickfeld der Investoren. Denn die rasant gestiegenen Öl- und Gaspreise treiben die Inflation. Am Vorabend war auch die mächtige US-Notenbank Federal Reserve (Fed) schon vorsichtiger geworden, was den Kursrutsch an der Wall Street verstärkt hatte. Denn die Fed signalisierte, sie werde die Zinsen in diesem Jahr voraussichtlich nur einmal senken. Die Währungshüter ließen den Leitzins wie von Experten erwartet aber zunächst unverändert zwischen 3,5 und 3,75 Prozent.
Fed-Chef Powell aber wurde deutlich: Die Auswirkungen des Kriegs auf die US-Wirtschaft seien „ungewiss“, sagte Powell am Mittwoch in Washington und fuhr fort: „Kurzfristig werden höhere Energiepreise die Gesamtinflation anheizen“. Es sei aber „noch zu früh, um das Ausmaß und die Dauer der möglichen Auswirkungen auf die Wirtschaft zu kennen“.
Trotz des Ölpreisschocks dürfte auch die Europäische Zentralbank (EZB) eine weitere Zinspause einlegen. Viele Experten erwarten, dass der Einlagensatz vorerst bei 2,0 Prozent gehalten wird, im Sommer allerdings eine Erhöhung folgen könnte. Die europäischen Währungshüter kommen heute in Frankfurt zu ihrer Zinssitzung zusammen. Auch die Bank of England und andere europäische Notenbanken tagen heute.
Mit Argusaugen werden die Währungshüter die Preissprünge bei Öl und Gas beobachten. Die Referenzsorte Brent aus der Nordsee verteuert sich aktuell auf 116 Dollar je Fass, nachdem eine iranische Nachrichtenagentur über Angriffe auf Energieanlagen in Süd-Pars und Asaluyeh berichtet hatte.
Die steigenden Ölpreise befeuern auch den Dollar-Kurs, denn Rohöl wird in Dollar gehandelt. Eine höhere Nachfrage nach Rohöl treibt somit auch die Nachfrage nach dem Dollar. Zudem gilt der Greenback als sicherer Hafen in Kriegszeiten. Ähnlich wie das Gold. Am Morgen werden nur noch 1,1465 Dollar für den Euro bezahlt.
Gleichzeitig geht hierzulande die Berichtssaison der Unternehmen zu Ende. Aus dem DAX berichtete der Wohnungskonzern Vonovia seine Jahreszahlen, der im vergangenen Jahr mehr verdient hat. Die Zahlen kommen aber nicht gut an, Vonovia verlieren deutlich und stehen am DAX-Ende. Aus der zweiten Reihe legen unter anderem der Internetkonzern 1&1, der Infrastrukturkonzern Vossloh sowie der Spezialchemiekonzern Lanxess ihre Jahreszahlen vor.
Einen Blick werden die Anleger auch auf das heutige EU-Gipfeltreffen werfen, bei dem es primär um den Krieg im Nahen Osten geht.