Karina Schönmaier führt die deutschen Turnerinnen beim DTB-Pokal als Doppel-Europameisterin an und will wie bei der EM am Sprung glänzen. Auch danach hat sie viel vor.

Früher war alles kleiner. Die Trainingshalle, das Selbstvertrauen. Die Sprünge. Jetzt ist Karina Schönmaier gewachsen, als Athletin und Mensch. Als Doppel-Europameisterin führt die 20-jährige Bremerin die deutschen Turnerinnen beim DTB-Pokal in Stuttgart an diesem Wochenende an. Sie träumt davon, so sagt sie das vor dem Beginn der Wettkämpfe in einer ruhigen Ecke im Presseraum der Porsche-Arena, „dass ich bei den Olympischen Spielen 2028 vorne mitspielen kann – das ist mein Kindheitstraum.“

Wer hätte das gedacht, damals in Bremen, dass aus dem Traum tatsächlich mal Realität werden könnte. Auf dem Sprung war Karina Schönmaier ja schon immer – es ist ihre Paradedisziplin, bei dem ihr Experten nach dem EM-Titel im vergangenen Jahr inzwischen den großen Höhenflug zutrauen: eine Medaille bei einer WM oder den Sommerspielen 2028 in Los Angeles.

Damals, in der Trainingshalle daheim in Bremen, waren die Sprünge noch kleiner. Weil die Halle viel zu klein war. Im Jahr 2020 wurde Schönmaier deutsche Meisterin in ihrer Altersklasse – obwohl sie noch nicht an einem großen Stützpunkt trainierte, sondern in der Halle des TuS Huchting in Bremen. Dort konnte sie nicht mal die 25 Meter Anlauf nehmen, die das Regelwerk erlaubt.

Am Ende fehlen Karina Schönmaier sogar Matten

Irgendwann wurden die immer schwierigeren Übungen im Alltag zu gefährlich. Es gab unter anderem zu wenig Matten – das ist in etwa so, als wenn eine Fußballmannschaft zu wenig Bälle zum Trainieren hat. Schönmaier also trainierte irgendwann unter fast schon absurden Bedingungen.

Das Problem war, dass die junge Athletin sehr an ihrer Heimat hing. Schönmaier wollte die Wohlfühloase Bremen nicht verlassen. Die Halle war zu klein – aber alles, auch das Drumherum, fühlte sich gut und heimelig an. Hinzu kam, dass Schönmaier einen speziellen Ehrgeiz entwickelte. „Ich wollte es allen beweisen, dass ich es auch von zuhause aus schaffen kann“, sagt sie heute im Rückblick. Der Deutsche Turnerbund (DTB) aber drängte auf einen Wechsel zu einem Bundesstützpunkt (auch das Stuttgarter Kunstturnforum ist ein solcher).

Die junge Athletin selbst realisierte dann nach einem langen Prozess im Jahr 2022, dass sie für weitere Karrieresprünge den Schritt weg machen muss von zuhause. Nach einem Probetraining fiel die Wahl auf den Stützpunkt in Chemnitz, wo nach den Vorwürfen des Machtmissbrauchs und dem Weggang der Cheftrainerin Gabriele Frehse der Belarusse Anatol Aschurkow als Trainer verpflichtet worden war.

Der Anlauf geriet mehr als holprig in der neuen Umgebung. Denn Schönmaier plagte das Heimweh. Die Bedingungen waren nun professionell, das Leben in der ersten eigenen Wohnung im Sportinternat aber geriet schwierig. Familie und Freunde waren in Bremen, als Schönmaier sich in Chemnitz zunächst, wie sie es heute sagt, nur als kleine Juniorin gefühlt habe, die Angst gehabt habe vor der Welt der Topturnerinnen um Spitzenkräfte wie Pauline Schäfer-Betz.

Nach ein paar Monaten aber war das Tief überwunden. Weil sich Karina Schönmaier persönlich entwickelte – und mit ihr der Bundesstützpunkt in Chemnitz. Seit dreieinhalb Jahren wirkt der Trainer Aschurkow an diesem Standort. Er betont mit dem Blick auf seine Schützlinge immer wieder diesen Satz: „Wir bauen eine Persönlichkeit auf.“ Zu diesem Prozess gehört ein enges Vertrauensverhältnis zwischen Trainern und Turnerinnen. Auch Tatjana Bachmayer, die nach langen Jahren am Karlsruher Stützpunkt vor knapp zwei Jahren nach Chemnitz wechselte und Karina Schönmaier ebenso intensiv betreut, lebt als Trainerin nach dieser Maxime.

Es soll dabei nicht nur um Turnen und den Leistungsdrill gehen, sondern auch um den Menschen, und damit auch um Dinge wie angemessene Erholungsphasen. So gibt es regelmäßig Entspannungsübungen wie sogenannte Traumreisen im Training. Oder auch mal spontan eine Woche Urlaub. So ging Coach Aschurkow mit Karina Schönmaier vor ein paar Monaten ein paar Tage lang Skifahren. Die Turnerin sagt über ihren Trainer, dass er auch mal „schöne Worte“ finde, wenn es nicht klappt mit einer Übung: „Er muntert einen immer auf.“

In dieser Wohlfühloase blühte die junge Athletin nach den Anlaufschwierigkeiten auf. „Ich bin inzwischen sehr stolz auf mein kleines ‚Ich‘ und dass ich den Schritt nach Chemnitz damals gemacht habe“, sagt Schönmaier nun im Presseraum des DTB-Pokals: „Denn er hat sich gelohnt.“

Trainerduo in Chemnitz: Anatol Aschurkow und Tatjana Bachmayer Foto: IMAGO/Herrmann Agenturfotografie

In Chemnitz also scheinen derzeit Top-Athletinnen unter perfekten Bedingungen auf allen Ebenen heranzuwachsen. Dagegen geht es am so renommierten Stuttgarter Kunstturnforum nach den rund um den Jahreswechsel 2024/25 publik gewordenen Missständen – ehemalige und aktuelle Sportlerinnen hatten die Zustände in der Trainingsarbeit angeprangert, zwei Trainern wurden daraufhin gekündigt – weiter drunter und drüber.

Kann Chemnitz also eine Art Blaupause für Stuttgart werden, mit dem Blick in die Zukunft und möglichen Neuausrichtungen am hiesigen Bundesstützpunkt? Das ist längst kein undenkbares Szenario mehr.

Karina Schönmaier jedenfalls geht nun beim DTB-Pokal beim Mixed-Cup an der Seite des Ludwigsburgers Timo Eder für Deutschland an den Start (Samstag, 18 Uhr). Und da will sie, klar, wieder am Sprung begeistern. Nachdem sie die Sprünge des Lebens trotz einigen Wacklern zwischendurch bisher bestens gemeistert hat.