Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg kam die AfD auf knapp 19 Prozent. Im Norden von Mannheim holte sie sogar das Direktmandat. Das Viertel ist ein sozialer Brennpunkt, viele Menschen sind frustriert und wütend (Teil 1).

An den Wänden steht „Hurensohn“ und „Fick Deine Mutter“, doch Viktor hat jetzt andere Sorgen als beschmierte Fassaden. Der Rentner in der schwarzen Lederjacke nimmt Obst, Nudeln, Wurst und Milch aus dem Einkaufswagen vor dem „Penny“-Markt und stapelt sie in seinen Beutel. „Ist alles teuer geworden“, schimpft er in breitem Kurpfälzer Dialekt. „23 Euro habe ich für das bisschen bezahlt.“

Es tut weh. Die Preise. Die schmutzige Gegend. Die privaten Probleme. „Ich war angestellter Maler. Nach 40 Jahren Arbeit kriege ich 980 Euro Rente. Davon muss ich über 600 Euro Miete zahlen“, sagt der 67-Jährige aus Mannheim. Wenn er seine Frau nicht hätte, sähe es noch düsterer aus. „Ein Leben ist das nicht. Nur ein Überleben. Und das ist schon schwer.“

ANZEIGERentner aus Mannheim-Schönau: „Keine deutsche Bäckerei mehr“ 

Viktor ist hier geboren und aufgewachsen, vermutlich wird er hier sterben. Hier, das heißt im Mannheimer Stadtteil Schönau-Nord. Dass er nochmal rosige Zeiten erlebt, so wie früher, als „alles noch in Ordnung war“, das glaubt er selbst nicht. Er klagt über zu wenig Geld und zu viele Ausländer. „Die haben schon fast alle Geschäfte übernommen. Es gibt hier in der Gegend keine deutsche Bäckerei mehr.“ 

ANZEIGE

Eigentlich müsste sich dringend etwas ändern, meint der Rentner. „Aber die Politiker tun nichts für uns. Die sind seit Jahren an der Macht und alles wird schlechter“, findet er. Darauf habe er bei den jüngsten Landtagswahlen in Baden-Württemberg reagiert. „Ich habe AfD gewählt!“

Mann1 Beschmierte Fassade des „Penny“-Einkaufsmarkts im Mannheimer Viertel Schönau-Nord Göran Schattauer AfD-Kandidat siegt in Mannheim-Mord – und holt einziges Direktmandat

Damit war er nicht der einzige. Im Wahlkreis des unzufriedenen Mannes (Mannheim I) siegte der AfD-Kandidat Bernhard Pepperl, ein ehemaliger Zahnarzt. Mit 22,3 Prozent der Erststimmen landete er knapp vor seinen Kontrahenten von CDU und Grünen. Als einziger AfD-Mann holte er im Ländle das Direktmandat für den Landtag in Stuttgart und ist dort nun einer von 35 Abgeordneten seiner Partei.

ANZEIGE

Aber warum konnte sich im Mannheimer Norden ein 71 Jahre alter Rechtspopulist durchsetzen, der im Wahlkampf farblos bis unsichtbar blieb? Wie ist es möglich, dass der AfD-Mann gegen zwei Stadträte und einen etablierten Landtagsabgeordneten gewann? 

Viele Migranten und Arbeitslose, hohe Kinder- und Altersarmut

Eine einfache Antwort hat der frühere Maler Viktor vor dem „Penny“ bereits gegeben: Ihm fehlt das Vertrauen in die etablierten Parteien. Das hat auch mit den Zuständen in seiner Heimat Schönau-Nord zu tun.

ANZEIGE

  • Von den rund 9000 Einwohnern haben 57,3 Prozent eine Migrationsgeschichte, bei jungen Leuten unter 21 Jahren sind es sogar 65 Prozent.
  • Rund 32 Prozent sind Ausländer, die meisten kommen aus der Türkei, Polen, Bulgarien und Rumänien.
  • Knapp 27 Prozent der Einwohner leben von staatlicher Mindestsicherung (Bürgergeld, Grundsicherung im Alter), darunter viele Rentner und Alleinerziehende.
  • Fast jedes zweite Kind unter 15 Jahren wohnt in einem Haushalt mit Bürgergeld-Bezug.
  • Nur rund 53 Prozent der Einwohner im erwerbsfähigen Alter gehen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach.
  • Die Arbeitslosenquote liegt bei 12,3 Prozent, unter Ausländern ist sie deutlich höher.
  • 14 Prozent der Menschen in Schönau-Nord zählen offiziell zum „prekären Milieu“.

Schönau-Nord einer der größten sozialen Brennpunkte Mannheims

Die Kennzahlen machen Schönau einschließlich des etwas besser situierten Südteils zu einem der größten sozialen Brennpunkte Mannheims. Im Sozialatlas der Kommune, der die 38 Stadtteile nach Ampelfarben – von grün für „unauffällig“ bis rot für „auffällig“ – sortiert, ist Schönau traditionell dunkelrot markiert. Auch in puncto Gewaltkriminalität machte das Gebiet unlängst von sich reden.

ANZEIGEANZEIGEMann2 Ein alter Autoreifen liegt auf einer von Tauben besetzten Wiese im Mannheimer Wohngebiet Schönau-Nord
Göran Schattauer

In der Silvesternacht kam es zu massiven Ausschreitungen an der Endhaltestelle „Schönau“. Etwa 20 hochaggressive Jugendliche demolierten drei Straßenbahnen, griffen einen Fahrer an und zertrümmerten das Wartehäuschen. Die Verkehrsgesellschaft sprach von „brutalen Angriffen“. Sowohl Mannheims Oberbürgermeister Christian Specht (CDU) als auch Politiker von SPD und Grünen verurteilten den Exzess.

„Brutale Angriffe“: Massive Ausschreitungen in Silvesternacht

Doch in der Bevölkerung wurde die Tat – wieder einmal – als Zeichen gewertet, dass die Zustände immer bedrohlicher werden und der Staat dem Treiben machtlos gegenübersteht. Schließlich beschossen die Täter sogar Polizisten mit Feuerwerkskörpern und griffen sie zum Teil tätlich an. 

ANZEIGE

Genau in diese Lücke grätschte AfD-Mann Bernhard Pepperl im Wahlkampf. Auf seiner Internetseite wetterte er gegen die zunehmende Unsicherheit. In Stadtteilen wie Schönau würden „viele Menschen täglich erleben, wie Messerangriffe, Überfälle und Clan-Strukturen den Alltag prägen“. Das Sicherheitsgefühl der Bürger sei massiv beeinträchtigt. „Viele trauen sich abends kaum noch auf die Straße.“

Tatsächlich bestätigten mehrere Bewohner im Gespräch mit FOCUS online, dass sie bestimmte Ecken aus Angst meiden würden. 

ANZEIGEMann3 Ein zerbrochener Spiegel vor einem Wohnblock in Mannheim-Schönau Göran Schattauer

Auch in anderen Bereichen stellte der Rechtsaußen die seit vielen Jahren herrschende Politik an den Pranger. So wütete er gegen „hohe Lebenshaltungskosten, steigende Energiepreise, marode Infrastruktur und die Folgen unkontrollierter Migration“. Er machte „eine tiefe Gerechtigkeitskrise“ aus, die besonders in den Arbeitervierteln Mannheims „die Stimmung anheizt und das Vertrauen in Staat und Politik erodieren lässt“.

ANZEIGEANZEIGEAfD gab sich als „Retter“ Mannheims und Deutschlands aus

In gewisser Weise sprach Pepperl seinem späteren Wähler Viktor, den Rentner am „Penny“, aus der Seele: „Während Rentner mit 40 Beitragsjahren Pfandflaschen sammeln oder Heizkosten nicht mehr bezahlen können, explodieren die Sozialausgaben der Stadt durch Arbeitslosigkeit, Energiewende-Kosten und hohe Transferleistungen.“ Die AfD sei die einzige Kraft, die nicht nur Mannheim und Baden-Württemberg, sondern ganz Deutschland „noch retten kann“, behauptete Pepperl.

ANZEIGE

Besuch im Mannheimer Stadtteil Schönau-Nord. Pastellfarbene Arbeiter-Wohnblöcke aus den 1950er, 1960er und 1970er Jahren, viele von einem Grauschleier umhüllt. Vor Haustüren stehen billige Plastikstühle, auf der Wiese liegen alte Autoreifen und umgestürzte, verrostete Holzkohlegrills. Direkt neben dem Gehweg verrottet ein zerbrochener Wandspiegel. 

ANZEIGERestaurants, Geschäfte oder Kinos gibt es hier nicht

Auf etlichen Briefkästen kleben türkische und osteuropäische Namen. Restaurants, Geschäfte oder Kinos gibt es in der Gegend nicht. Auf dem heruntergelassenen Rolltor einer dauerhaft geschlossenen Kneipe steht in falschem Deutsch „Türke raus aus dem Land“. In der Nähe durchwühlt ein älterer Mann Beutel und Kisten an einem Müllsammelplatz. 

ANZEIGEMann4 „Früher war es noch schlimmer“, sagt Rentnerin Ulrike aus Mannheim-Schönau Göran Schattauer

Eine Frau Ende 60, die früher bei einem großen Mannheimer Technologieunternehmen im Büro gearbeitet hat, steht auf der angrenzenden Wiese und raucht eine Zigarette. Sie heißt Ulrike und führt ihre Katze spazieren. Sie lebe gerne hier, sagt sie, trotz der „Penner, Säufer und Drogensüchtigen, die es hier überall gibt“. Der Gewaltausbruch in der Silvesternacht sei kein Einzelfall gewesen. Immer mal wieder komme es im Viertel zu Schlägereien. „Früher war es noch schlimmer.“

ANZEIGEWenig Geld, viel Armut: Einkommen pro Person sehr niedrig

Alles nur Momentaufnahmen, alles nur lose Eindrücke und spontane Gespräche. Aber tendenziell bestätigen sie das Bild von einem Stadtteil „mit stark überdurchschnittlichen sozialen Problemlagen“, wie es in offiziellen Berichten der Stadt Mannheim heißt. Das verfügbare Einkommen pro Person liegt in Schönau-Nord durchschnittlich bei 23.700 Euro im Jahr. Zum Vergleich: Beim Spitzenreiter Grünwald im Landkreis München sind es 89.977 Euro, fast das Vierfache.