
Auf der Leinwand sprechen Haltungen, Gesten und Physiognomien: Sighard Gille bei der Arbeit.
Foto: dpa/ZB/Waltraud Grubitzsch
Alle besoffen, die ganze Brigade! Einer der Zecher tanzt auf dem Tisch, während eine leicht bekleidete Frau einem anderen um den Hals fällt. Zu den großen Errungenschaften der sozialistisch-realistischen Malerei gehörte, dass sie den arbeitenden Menschen nicht mehr als Opfer kapitalistischer Machtverhältnisse darstellte, sondern als Akteur der Geschichte. Einer, der mit Hammer, Schaufel oder Maurerkelle das Fundament einer neuen Gesellschaft errichtet.
In den 1970er Jahren jedoch hat dieses Aufbruchspathos an Zugkraft verloren. Sighard Gille gehört zu den letzten lebenden Vertretern der DDR-Kunst, die neue Motive aus der Welt der Werktätigen begründet haben. Tatsächlich zeigt seine »Brigadefeier« von 1977 die fleißigen Handwerker ganz anders. Nicht als Anpacker, nein, als fröhlich verschworene Clique, die das Leben und die Früchte ihres Tuns genießt. Allerdings hatte der Schöpfer des proletarisch-dionysischen Realismus die Rechnung ohne die Traditionalisten gemacht. Hier werde die Arbeiterklasse verraten, unkten Kritiker. Nachdrücklich empfahl das Kulturministerium, die Arbeit nicht wie geplant bei der bevorstehenden VIII. Kunstausstellung der DDR in Dresden einzureichen.
Dann bekam Gille Besuch von seinem akademischen Lehrer Bernhard Heisig. Der riet, das Partybild mit einer zweiten Szene, die den Bautrupp bei der Arbeit an einem Gerüst zeigt, zu verbinden. Dank der Erweiterung zum Diptychon beruhigten sich die erhitzten Funktionärsgemüter. Nun war die Botschaft zumindest akzeptabel: Wer aufgebaut hat, darf es auch mal krachen lassen.
Kürzlich feierte Gille seinen 85. Geburtstag. Aus diesem Anlass untersucht Uwe M. Schneede, ehemals Chef der Hamburger Kunsthalle, in einer kompakten Werkmonografie, welche ästhetischen Freiräume sich der Künstler im Laufe seines Lebens geschaffen hat. Sei es im sozialistischen Systemkorsett, sei es auf dem profitwütigen Kapitalisten-Kunstmarkt nach 1989. Gilles vitaler Neoexpressionismus zählt zur zweiten Generation der alten Leipziger Schule um Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer oder Bernhard Heisig. Als Professor an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst begleitete er den Übergang zur neuen Leipziger Schule um Starmaler Neo Rauch.
Geboren im nordsächsischen Eilenburg, fand Gille schon früh zu seinem Medium: »Ich habe als Kind auffallend wenig gesprochen«, verriet er einmal. Zeichnen habe ihm eine Mitteilungsmöglichkeit jenseits der Sprache eröffnet.
Zunächst in einer Fotografenlehre, dann an der Kunsthochschule nutzt Gille die Beredsamkeit des Körpers. Er lässt Haltungen, Gesten und Physiognomien reden. Ein frühes Selbstporträt betont mit buschigem Hakenschnurrbart die fleischige Mundpartie. Hier will sich einer durchbeißen! Zur Zeit der Ausbürgerung von Wolf Biermann entsteht 1976/77 das Bild »Fähre«. Aufrecht in einem schmalen Kahn steht ein eng umschlungenes Paar, in dem man den Künstler und seine spätere Frau Ina erkennen mag. Das drohend aufgerissene Fischmaul veranschaulicht jene Unsicherheit, die damals viele Intellektuelle in der DDR empfanden. Zugleich aber verrät die monumentale Intimität der Liebenden die Absicht, den Verhältnissen zu trotzen.
Dieser »Gestus des Dennoch«, wie Schneede es formuliert, bringt jeden Farbstrich Gilles zum Vibrieren. Programmatischen Rückhalt geben ihm unangepasste Positionen der Vergangenheit. Die deftigen Akte eines Lovis Corinth, die nervöse Psychologie Oskar Kokoschkas, das dekonstruierte Welttheater Max Beckmanns.
Auf kunsttheoretische Debatten will Schneede sich dabei nicht einlassen. Er packt Gille bei seiner intuitiven Direktheit, die nichts von verschlüsselten Symbolen hält.
Wichtigster Ausdrucksträger ist der, um den es in jeder Kunstform geht: der Mensch. Die schwebende Figurensymphonie, die der Künstler an die Decke des Leipziger Gewandhauses pinselte, erzählt auf 700 Quadratmetern von modernen Befindlichkeiten. Dazu gehören Großstadt, Kultur oder Gesellschaft, aber auch anthropologische Konstanten wie Todesangst und die Suche nach der Utopie.
Schneedes Darstellung folgt der Chronologie, weshalb sich das Ganze mitunter etwas buchhalterisch liest. Doch schließlich lautet der Titel »Zeitbilder«. Politische Wetterwechsel sind an Gilles Kunst niemals spurlos vorübergegangen. Vom Klima der Perestroika angeregt, durchbricht sein Pinsel in den 80ern vollends das ideologische Gehäuse. Plötzlich werden auch im Osten die Bilder wilder. Groteske Überzeichnungen und Kontraste zwischen erdigen und knalligen Farben bereiten den neuen Individualismus nach der Wende vor.
Mit dem Mauerfall erwacht das Interesse für westliche Subkulturen, wie sie etwa das höllenrote Antlitz von Frank Zappa übermütig feiert. Doch hinter dem Euphoriker bleibt der Mahner aktiv. Die grotesk fette Schwarzrotgold-Schminke eines Selbstporträts aus dem Fußball-WM-Jahr 2006 artikuliert Vorbehalte gegen den anschwellenden Nationalismus.
Obschon Gille die mit der Einheit gewonnene Reisefreiheit bejaht, tappt er nicht in die neoliberale Honigfalle. Metaphorisch illustriert eine Hundemeute, die Keilrahmen zerfleischt, den animalischen Renditehunger, der seit den 90ern den globalisierten Kunstmarkt erfasst hat – womit er die Kunst selbst verschlingt, weil am Ende nur noch lukrative Trends bedient werden.
Was die kluge Zusammenschau von sechs produktiven Jahrzehnten offenbart, ließe sich als Dauer im kreativen Wechsel bezeichnen. Letztlich ist Gille ein Gestaltwandler. Einer, der unentwegt kulturelle Umgebungsimpulse aufnimmt, ohne dabei seinen roten Faden zu verlieren: die kritische Distanz.
Uwe M. Schneede: Sighard Gille. Zeitbilder – Werke aus 50 Jahren. E.A. Seemann. 112 S., geb., 30 €.