Witterung und Luftschadstoffe nagen am 70 Jahre alten Stuttgarter Fernsehturm. Industriekletterer arbeiten derzeit in schwindelerregender Höhe, um Stuttgarts Wahrzeichen zu erhalten.
Auf 150 Metern Höhe pfeift ein kalter Wind. Und es spritzt auch ordentlich, wenn die Männer auf den Arbeitsbühnen die graue Haut des Stuttgarter Fernsehturms mit 400 Bar Wasserdruck abwaschen. Aber schwindelerregende Höhe und einen kalten Wind sind sie gewohnt: Schließlich handelt es sich bei den Männern um erfahrene Industriekletterer.
Diese Woche haben auf dem Hohen Bopser in Degerloch die Außenarbeiten an Stuttgarts Wahrzeichen begonnen. Als erstes, erklärt Kai Krümmel, der als Architekt die Baustelle für den Südwestrundfunk (SWR) betreut, kommt die alte Beschichtung des Turmschafts runter. „Das dauert ungefähr zwei Wochen“, sagt Krümmel. „Danach machen wir uns ein genaues Bild von den Schäden und dann kommt eine neue Beschichtung drauf.“ Bis zum Sommer sollen die Außenarbeiten fertig sein.
Wenn der Beton mit 70 Grad heißem Wasser dampfgestrahlt wird, könne es vom Stuttgarter Kessel aus so aussehen, als wabere um den Fernsehturm Rauch, sagt Krümmel. „Wir haben uns schon gefragt, ob dann bei der Feuerwehr ganz viele Anrufe eingehen.“
Der Zahn der Zeit nagt am Stuttgarter Wahrzeichen
Die Sanierung ist nötig, weil der Zahn der Zeit auch am stabilsten Stahlbeton nagt. 70 Jahre steht der knapp 217 Meter hohe graue Herr auf Stuttgarts waldiger Höhe. Nicht nur die Witterung macht dem ersten Fernsehturm der Welt zu schaffen, sondern auch die Karbonatisierung: Der Beton reagiert mit Kohlenstoffdioxid – das schadet dem Bewehrungsstahl. Eine neue Beschichtung schützt den Stahlbeton vor diesen äußeren Einflüssen.
2023 wurde in 80 Metern Höhe ein größerer Riss im Turmschaft entdeckt, durch den Wasser eintrat. Als man sich den Schaden mit einer Drohne genauer ansah, entdeckte man weitere Risse und Abplatzungen am Beton. In den 1980er und 90er Jahren wurde der Schaft des Fernsehturms bereits saniert, Risse wurden abgedichtet, jetzt muss man wieder ran.
Wind kann für die Arbeiter am Fernsehturm gefährlich werden
Das Wetter spiele die vielleicht wichtigste Rolle bei den Arbeiten, sagt Krümmel: „Je weniger Wind weht, desto besser.“ Zu kalt darf es nicht sein, zu heiß aber auch nicht. „Wir gucken permanent auf den Wetterbericht.“ Am Mittwochnachmittag zum Beispiel blies ein zu starker Wind, als dass man hätte hochfahren können. Was unten nur als leichtes Lüftchen ankommt, kann auf 150 Metern Höhe heftige Böen geben.
Die Industriekletterer einer Spezialfirma aus Nordrhein-Westfalen sind gut gesichert, wenn sie auf den drei Arbeitsbühnen, die am Turmkorb befestigt sind, nach oben fahren. Sie tragen Helme und sind mit Klettergurten gesichert. Kein Vergleich zu den Arbeitern, die den Fernsehturm vor über 70 Jahren bauten. Niemand trug damals einen Helm, nur ein paar dünne Stangen als Absperrung sollten sie vom Sturz in die Tiefe bewahren. Größere Arbeitsunfälle gab es auf der Fernsehturm-Baustelle aber trotzdem nicht.
Der Architekt Kai Krümmel betreut für den SWR die Sanierung. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Kai Krümmel ist mit dem langen Betonlulatsch inzwischen gut vertraut. Der 55-jährige Architekt betreute für den SWR schon den Umbau der Gastronomie für die „Bravo Charlie“-Macher im Jahr 2011 und die Brandschutzsanierung, als der Turm 2013 für fast drei Jahre schließen musste. Die Planung der aktuellen Sanierung hat Leonhardt, Andrä und Partner (LAP) übernommen, das Architekturbüro, das Fritz Leonhardt, der „Vater“ des Fernsehturms, einst gründete.
Das richtige Fernsehturm-Grau zu finden – eine Herausforderung
Involviert sind auch das Regierungspräsidium und die Untere Denkmalschutzbehörde, denn der Fernsehturm ist seit 1986 Kulturdenkmal. Besonders lange dachte man vorab über die Farbe der Beschichtung nach. Am Schaft des Turms sind rund 20 kleine Felder mit verschiedenen Grautönen bemalt, um die Farbe zu finden, die der Beschichtung aus den 1990er Jahren am nächsten kommt.
Wenn die Arbeiten außen abgeschlossen sind, werden die Risse von innen mit Stahl verklammert. Ende 2026 soll alles fertig sein. Die Baukosten belaufen sich laut SWR auf rund zwei Millionen Euro, davon übernimmt die Denkmalstiftung Baden-Württemberg 500.000 Euro.
Während der gesamten Sanierungsarbeiten kann der Turm für Besucherinnen und Besucher geöffnet bleiben. Dass der Stuttgarter Fernsehturm just in seinem Geburtstagsjahr eine Schönheits-OP bekommt, war nicht getimt, sondern den Umständen geschuldet, sagt Krümmel: „Aber das ist doch schön, dass er zu seinem Geburtstag jetzt auch ein neues Kleid kriegt.“