
Noch verhüllt: 27 Jahre nach dem Beschluss des Bezirksparlaments dazu erinnert in Schöneberg eine Plakette an die Verstrickungen der Kori GmbH mit dem NS.
Foto: nd/Günter Piening
Es ist einer dieser Frühlingstage, an denen sich der Gleisdreieckpark von seiner schönsten Seite zeigt. Radfahrer*innen kreuzen die Wege von Jogger*innen, Kinder toben auf dem Spielplatz und Spaziergänger*innen strömen von der Dennewitzstraße ins Grüne. Nur wenigen dürfte auffallen, dass es hier Hausnummern 34 und 36 gibt – aber keine Nummer 35.
Das soll sich nun ändern. 81 Jahre nach der Befreiung bekommt Tempelhof-Schöneberg eine Gedenktafel, die an die Rolle der Ofenbaufirma Kori bei den systematischen Massentötungen des NS-Regimes erinnert. Ihr Firmensitz befand sich in der Dennewitzstraße 35.
Bis Ende der 1930er Jahre war Kori ein unauffälliger Betrieb. Das Unternehmen produzierte Heizungsanlagen und industrielle Verbrennungsöfen. Das große Geschäft begann mit dem nationalsozialistischen Programm zur Vernichtung des sogenannten »unwerten Lebens«. Kori-Öfen galten als effizient und preiswert. Firmengründer Heinrich Kori forcierte die Lockerung der strengen Vorschriften für Krematorien. Diese sollten nicht primär nach pietätvollen Kriterien betrieben werden, sondern nach wirtschaftlichen.
Effizienz für den Massenmord
Diese Haltung traf auf die Interessen des NS-Regimes. Man suchte nach technischen Lösungen, um die steigende Zahl der Ermordeten in den Tötungsanstalten und Lagern verschwinden zu lassen. Städtische Krematorien beschwerten sich bereits über die enorme Zahl angelieferter Leichen.
Massenmord scheut Öffentlichkeit. Tötung und Verbrennung direkt auf dem Gelände der Anstalten erschienen deshalb als praktikable Lösung. So drang aus den Lagern möglichst wenig nach außen. Auch Kori-Beschäftigte, die die Öfen einbauten, wurden zu »besonderer Verschwiegenheit über die auszuführende Arbeit« verpflichtet, wie die Geschäftsleitung der SS-Neubauleitung zusicherte.
Kori entwickelte ein Modell, das sich für einen dauerhaften Massenbetrieb eignete. Der erste Großkunde war die »Aktion T4« in der Berliner Tiergartenstraße 4, die das sogenannte »Euthanasieprogramm« organisierte.
Kori belieferte fast alle Heil- und Pflegeanstalten im Deutschen Reich, zunächst mit mobilen, später mit fest installierten Verbrennungsöfen. Rund 70 000 Menschen wurden bis August 1941 in den sechs von Kori belieferten T4-Anstalten ermordet und verbrannt. Aufgrund öffentlicher Proteste wurde die systematische Ermordung durch Gas offiziell eingestellt. Die Öfen blieben in Betrieb, denn weitere rund 200 000 Patient*innen starben bis 1945 durch Überdosierungen, Hunger und »Vernachlässigung«. Die durch Kori ermöglichte reibungslose »Abwicklung« der T4-Morde gilt Historiker*innen heute als wichtiger Probelauf für die Konzentrationslager.
Das Berliner Unternehmen verdiente weiter. Bergen-Belsen, Dachau, Flossenbürg, Majdanek, Mauthausen, Melk, Mittelbau-Dora – diesseits der Oder gab es kaum ein Konzentrationslager ohne Kori-Öfen. Teilweise standen sie dicht nebeneinander, etwa in Sachsenhausen, wo fünf Anlagen installiert wurden.

Öfen der Kori GmbH standen in fast jedem KZ, wie im niederländischen Vught.
Foto: Wikimedia Commons/Sterkebak CC BY 2.5
Für Annegret Schüle, Leiterin des Erinnerungsortes Topf & Söhne in Erfurt und eine der wenigen Expertinnen für die Geschichte der Leichenverbrennung in den T4-Anstalten und KZs, hatte Kori »eine Schlüsselfunktion im systematischen Mordprogramm«. Koris Anlagen waren billig und weit verbreitet, »Topf & Söhne konzentrierte sich dagegen auf die Steigerung der Leistungsfähigkeit der Öfen und sorgte damit für den reibungslosen Ablauf der Massenvernichtung in den Krematorien von Auschwitz-Birkenau.«
Die treibenden Kräfte hinter den Geschäften mit dem NS-Tötungssystem waren Hugo Heßler, der ab 1936 die Geschäftsführung übernahm, und Georg Kori, ein Neffe des Firmengründers. Heßler trat 1933 der NSDAP bei, Georg Kori 1934 der SS. Diese Nähe zum Berliner Machtapparat verschaffte dem Unternehmen wirtschaftliche Vorteile.
Nach 1945: das große Vergessen
Trotz der engen Verstrickung überstand Heßler die sogenannte Entnazifizierung weitgehend unbeschadet. Die Alliierten konzentrierten ihre Ermittlungen auf unmittelbare Täter sowie auf große Rüstungs- und Chemiekonzerne. Mittelständische Betriebe, die das NS-System technisch am Laufen gehalten hatten, gerieten selten ins Visier.
Kori wurde zunächst unter alliierte Verwaltung gestellt, Heßler vorübergehend seines Postens enthoben. Doch Untersuchungen zur Rolle des Unternehmens in den T4-Tötungsanstalten oder den Konzentrationslagern fanden nicht statt. Die Produktion lief weiter – nun allerdings mit Kirchenheizungen statt Krematorien.
1948 kehrte Heßler rehabilitiert an die Spitze des Unternehmens zurück. Den eigentlichen Zweck der Öfen nicht gekannt zu haben, konnte er behaupten, weil das Firmenarchiv durch eine Bombe zerstört war. Erst viel später fanden sich Vertragsunterlagen, die das Wissen der Verantwortlichen über den Einsatz der Anlagen belegten.
Mit der Rückkehr Heßlers begann das große Vergessen. Kori konnte ungestört weiterarbeiten. 1976 verlagerte das Unternehmen seinen Sitz nach Neukölln. 1998 ging Kori in Konkurs und verschwand aus dem öffentlichen Gedächtnis. 1999 beschloss die Bezirkverordnetenversammlung Schöneberg zwar, eine Mahntafel anzubringen. Mehr als 25 Jahre wurde die Umsetzung auf die lange Bank geschoben mit dem Hinweis, es fehle noch an historischer Forschung.
Erinnerung – anderswo
Anders verlief die Auseinandersetzung in Erfurt. Bereits in den 1990er Jahren begann eine Diskussion darüber, wie dieser Teil der lokalen Geschichte sichtbar gemacht werden kann. Auch wenn es lange Widerstand dagegen gab, am ehemaligen Unternehmensstandort einen Erinnerungsort zu schaffen, so war doch die Firmenbrache wie eine »offene Wunde, an der sich immer wieder die Diskussion entzündete«, so Annegret Schüle. Sie begann 2002 an der Gedenkstätte Buchenwald die Rolle der Firma im NS-Mordprogramm systematisch zu erforschen. Daraus entstand schließlich die heutige Erinnerungs- und Bildungsstätte.
Schon die erste Wanderausstellung zu Topf & Söhne ging auch auf die Geschäfte des Berliner Konkurrenten Kori ein, erinnert sich Schüle. Doch die Quellenlage war schwieriger. Seit 2011, als der Erinnerungsort Topf & Söhne eröffnet wurde, in der auch Koris Rolle dokumentiert wird, bestand dort das Interesse, auch die Forschung zur Bedeutung des Schöneberger Unternehmens für das NS-Vernichtungsprogramm voranzutreiben.
»Was hätte ich in dieser Situation getan? Diese Auseinandersetzung kann eine einzelne Gedenktafel nicht leisten.«
Annegret Schüle
Leiterin Erinnerungsort Topf & Söhne
2022 erschien der von der Stadt Erfurt in Auftrag gegebene Sammelband »Die H. Kori GmbH«. Im Vorwort steht eine klare Botschaft in Richtung Berlin: Man hoffe, dass das Buch »den politischen und zivilgesellschaftlichen Prozess unterstützt, den von Kori aufgegebenen Standort Dennewitzstraße 35 zu einem sichtbaren Ort der Erinnerung zu machen«.
Vier Jahre später weiht der Bezirk am 20. März nun eine Gedenktafel in der Dennewitzstraße ein. Aber reicht eine etwa 100 mal 50 Zentimeter große Metallplatte für einen »Ort der Erinnerung« an ein Unternehmen, das das System der Massentötungen perfektioniert hat? »Historische Orte zu markieren, ist ein wichtiger Anfang«, sagt Annegret Schüle. Für eine weitere Auseinandersetzung brauche es jedoch Räume der Dokumentation, Bildung und Diskussion. Die Besucher*innen des Erfurter Erinnerungsortes seien immer wieder erschrocken, wenn sie an Dokumenten nachvollziehen, mit welcher Selbstverständlichkeit Ingenieure, Kaufleute und Verwaltungsangestellte zu Tätern wurden. »Und sie fragen sich: Warum ist das so und wie ist es heute? Was hätte ich in dieser Situation getan? Diese Auseinandersetzung kann eine einzelne Gedenktafel nicht leisten.«
Dass in Berlin ein solcher Lernort entstehen wird, ist derzeit unwahrscheinlich. Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann (Grüne) sieht für »weitergehende Formen des Gedenkens« das Land Berlin in der Pflicht. Bei der zuständigen Senatsverwaltung für Kultur heißt es, man sei »2023 und 2024 beratend« tätig gewesen – eine Förderung sei nicht geplant.
Es ist wieder ein sonniger Märztag im Gleisdreieckpark. In der Dennewitzstraße 35 erinnert nun eine Tafel aufmerksame Passant*innen an den Ofenbauer Kori. Aber warum übernahm ein bürgerliches mittelständisches Unternehmen so widerspruchslos eine Schlüsselfunktion im Vernichtungssystem? Warum konnten die Verantwortlichen nach 1945 weitgehend unbehelligt weiterarbeiten? Und was sagt uns das heute, wo Ausgrenzung und Entmenschlichung wieder akzeptabel und ethische Grenzen löchrig werden? Wer Antwort auf diese Fragen sucht, wird sie auch künftig nicht in Berlin finden. Er wird nach Erfurt fahren müssen.
Annegret Schüle (Hg.), Die H.Kori GmbH. Eine Berliner Ofenbaufirma und der nationalsozialistische Massenmord. Leipzig 2022