Wenn es um eine Ausbildung im Handwerk geht, dürften viele an Kfz-Mechatroniker oder Elektronikerinnen denken. Vielleicht auch an Anlagenmechanikerinnen, Friseure oder Zimmerinnen. Kein Wunder, waren das doch zuletzt die fünf beliebtesten handwerklichen Ausbildungsberufe in Baden-Württemberg.
Bei der Messe Hands Up auf dem Stuttgarter Marktplatz sind aber auch ganz andere Jobs anzutreffen. Noch bis 14 Uhr an diesem Samstag informieren dort 40 Stände in einem Zelt über Ausbildungmöglichkeiten im Handwerk. Mehr als 130 Berufsbilder werden vorgestellt – darunter einige außergewöhnliche.
Steinmetz/in, Steinbildhauer/in
Ein brauner Dreiteiler mit Cord-Sakko über der Cord-Weste, dazu ein Filzhut – Christian Schulz ist in Zunftkleidung auf die Hands Up gekommen. Der 45-Jährige stellt bei der Ausbildungsmesse der Kreishandwerkerschaft Stuttgart gleich zwei – wenn auch eng verwandte – Berufe vor: den Steinmetz und den Steinbildhauer. Vereinfacht ausgedrückt kümmert sich ersterer eher um Bauliches, zweiterer um Künstlerisches. Zusammengefasst sagt Schulz über beide: „Wir machen alles, was mit Stein zu tun hat.“
Das reiche vom Denkmalschutz bis zum Neubau, von der riesigen Werkhalle mit automatischen Sägen bis zur kleinen Grabstätten-Bude auf dem Land. Dabei könne man durchaus Karriere machen. „Wer eine Weiterbildung zum Steintechniker dranhängt, plant ganze Fassaden durch“, sagt Schulz, der für den Stuttgarter Betrieb Schönfeld arbeitet. Auch der Job des Steinbildhauers habe sich gewandelt. „Nur wenige Kunden wollen sich heute noch einen Jupiter für den Garten anfertigen lassen.“ Statt Neuschöpfungen kopiere man deshalb häufiger historische Werke. Weiterhin aber stark nachgefragt: die individuelle Gestaltung von Grabsteinen.
Mediangehalt für den Beruf „Steinmetz/in (Industrie)“ in Baden-Württemberg: 3.544 Euro brutto (Angaben aus dem Entgeltatlas der Agentur für Arbeit)
Christian Schulz ist Steinmetz und Steinbildhauer. Foto: Valentin Schwarz
Schornsteinfeger/in
Mit einer groß angelegten Kampagne werben Schornsteinfeger-Betriebe derzeit um Nachwuchs. „Komm ins Team Schwarz“ lautet der Slogan der deutschlandweiten Ausbildungsoffensive. Lana Osterkamp fallen bei der Hands Up einige Gründe ein, der Aufforderung nachzukommen. „Man hat mit unfassbar verschiedenen Menschen zu tun, kein Arbeitstag ist wie der andere“, sagt die 22-Jährige. Und natürlich: „Man kann die schöne Aussicht auf dem Dach genießen.“
Osterkamp ist bei Feger Schulz in Kornwestheim angestellt, dort seit Anfang des Jahres ausgelernt. Obwohl gerade erst mit der Ausbildung fertig, weiß sie Bescheid über die Veränderungen in ihrer Branche. Ganz klassisch Schornsteine zu putzen und Heizanlagen zu überprüfen, gehöre zwar weiterhin zum Aufgabenbereich. „Wir machen aber auch Energieberatung und befassen und mit der Reinigung von Lüftungsanlagen oder Wärmepumpen“, sagt Osterkamp.
Mediangehalt „Schornsteinfeger/in“: 4.019 Euro
Schätzt ihren abwechslungsreichen Beruf: Schornsteinfegerin Lana Osterkamp (links), hier mit ihrer Chefin Alina Schulz. Foto: Valentin Schwarz
Sattler/in
Wer einen Sattler sofort mit Pferdesätteln verbindet, ist nur bedingt auf der richtigen Fährte. Denn bei einer Ausbildung in diesem Beruf gilt es, sich zunächst zwischen drei Fachrichtungen zu entscheiden:
- Ein S attler in der Feintäschnerei stellt feine Lederwaren her.
- Ein Sattler in der Fahrzeuginnenausstattung kümmert sich um alles, was im Innenraum von Fahrzeugen mit Leder, Stoff oder Kunststoff bezogen ist.
- Ein Sattler im Reitsport produziert Ausrüstung für – hier passt die Assoziation – Pferde.
Unabhängig von der Spezialisierung aber sei der Beruf „pures Handwerk“, sagt Andreas Schremmer, Geschäftsführer der Landesinnung des Raumausstatter- und Sattlerhandwerks. „Man arbeitet als Sattler fast nur mit den Händen. Automatisierung und Digitalisierung sind da nur bedingt möglich.“ Schremmer gibt zwar zu, dass es sich beim Sattlerjob um eine Nische handle. „Aber um eine sehr gute“, fügt er hinzu.
Mediangehalt „Fahrzeuginnenausstatter/in“: 3.309 Euro
Müller/in
Auf der Mühle zu arbeiten, das klingt nach Abenteuer, nach Otfried Preußlers Jugendbuchklassiker „Krabat“ – aber nicht unbedingt nach einem Ausbildungsberuf im Jahr 2026. Doch wenn Sam Kalenda (19) von seiner Müller-Lehre erzählt, hört sich das überhaupt nicht aus der Zeit gefallen an. So steuere er zum Beispiel die Maschinen der Störrmühle in Knittlingen von einer digitalen Schaltzentrale aus. Und das Ergebnis teste er dann im Labor. „Damit wir auch gescheites Mehl produzieren“, ergänzt Yassin Mayer (18), im zweiten Lehrjahr bei der Mayer Mühle seines Onkels in Orsingen bei Konstanz.
Die beiden Teenager verarbeiten in ihrer Ausbildung Getreide zu feinem Pulver. In seiner Altersgruppe wüssten viele allerdings gar nicht, „was zwischen Landwirt und Bäcker passiert“, sagt Kalenda. Dabei schwärmt Mayer von dem Moment, das fertige Mehl auszuliefern: „Beim Bäcker merke ich immer wieder, dass ich gebraucht werde.“
Mediangehalt „Müller/in“: 3.799 Euro
Arbeiten auf der Mühle, aber ohne Raben und Zaubersprüche: Sam Kalenda (links) und Yassin Mayer. Foto: Valentin Schwarz
Ausbildungsberufe im Staatstheater
Gleich 16 verschiedene Ausbildungen bieten die Württembergischen Staatstheater in Stuttgart an. Dazu zählen einige handwerkliche Berufsbilder, die anderswo kaum noch zu finden sind: die Modisterei – die Herstellung von Kopfbedeckungen – und die Schuhmacherei etwa, oder auch die Maske, dazu Bühnenmalerei und Bühnenplastik. Andere Ausbildungen wie die als Metallbauer oder als Schreinerin haben Theater, Oper und Ballett natürlich nicht exklusiv. „Aber auch dann kann ich in der Vorstellung auf die Bühne zeigen und sagen, das habe ich gebaut“, sagt Staatstheater-Schreiner Boris Oswald.
Noch mehr Berufe gibt es am Samstagabend im Handwerkszelt auf dem Marktplatz zu entdecken. Unter dem Titel „Handwerk X Kunst“ zeigen regionale Betriebe bei der Langen Nacht der Museen, was ansonsten hinter Werkstatttüren passiert.
Infos zu „Handwerk X Kunst“:
- Wann: Samstag, 21. März, 18-1 Uhr
- Wo: Marktplatz Stuttgart (Handwerkszelt)
- Eintritt: Zutritt mit Ticket der Langen Nacht der Museen
- Veranstalter: Handwerkskammer Region Stuttgart