Sie sind jetzt seit Ende Mai 2025 in New York Botschafter für die Vereinten Nationen. Was können Sie hier für Ihr Land ausrichten? Russland kann als ständiges Mitglied des Sicherheitsrates die Tätigkeiten der UN blockieren.

Sie haben recht: Dass Russland als ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats einen verbrecherischen Krieg führt und gleichzeitig das Vetorecht zynisch missbraucht, ist es eine riesige Herausforderung für die internationale Gemeinschaft. Das darf man nicht einfach schlucken. Moskau muss in die Schranken gewiesen werden. Leider fehlt dafür noch der politische Wille. Aber die UN sind Gott sei Dank größer als der Sicherheitsrat. In der UN-Vollversammlung halten wir die russische Aggression trotz Kriegsmüdigkeit weiter hoch auf der Tagesordnung. Wir bringen wichtige Resolutionen ein und versuchen zu verhindern, dass dieser Krieg zu einer Normalität wird. Vor einem Monat konnten wir für eine Waffenruhe-Resolution 107 Stimmen mobilisieren, wobei in den letzten drei Jahren diese Mehrheit bei 80 bis 90 Stimmen lag.

imago images 0842529334Vergrößern des BildesAndrij Melnyk bei den Vereinten Nationen: „Die UN sind Gott sei Dank größer als der Sicherheitsrat.“ (Quelle: IMAGO/Lev Radin/imago)

Sie waren vor Ihrer Zeit in New York Botschafter in Brasilien. Sie sagten damals dem „Spiegel“, dass Sie sich manchmal wie auf einem „Abstellgleis im Abseits“ fühlten. Geht es Ihnen hier auch so?

Ich habe in Brasilien schnell gemerkt, dass unsere diplomatischen Möglichkeiten, den heutigen quasineutralen Kurs von Präsident Lula gegenüber Putin zu verändern, begrenzt sind. Überzeugungsarbeit alleine reicht nicht aus. Man hätte mit viel härteren Bandagen agieren müssen, damit Brasilien einen Preis für seine de facto prorussische Politik zahlt. Dazu war man in Kiew leider nicht bereit. Da muss man eine klare Kante und die Zähne zeigen.

imago images 0365312981Vergrößern des BildesAndrij Melnyk und Brasiliens Präsident Lula da Silva: „Man hätte mit viel härteren Bandagen agieren müssen.“ (Quelle: Andre VIOLATTI/Ato Press/imago-images-bilder)

So wie man Sie in Deutschland erlebt hat, dürfte Ihnen das eigentlich nicht schwerfallen.

Ich war in Brasilien auf einsamem Posten. Auch unsere europäischen Verbündeten waren und sind immer noch nicht dazu bereit, größeren Druck auf Brasilien auszuüben, obwohl sie über viele Instrumente verfügen. Das ist ein Riesenfehler. Auch in der Vollversammlung enthält sich Brasilien seiner Stimme bei Resolutionen, wenn es um territoriale Integrität der Ukraine geht.

Und wie nehmen Sie Ihren Posten in New York wahr?

Er ist garantiert kein Abstellgleis. Unter Diplomaten gilt das Amt als UN-Botschafter sicher als eines der wichtigsten Jobs, die man haben kann. Es mag viel Skepsis gegenüber den UN geben. Trotzdem gehen viele Blicke hier nach New York, das nach wie vor die Hauptstadt der Weltdiplomatie bleibt

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„Ehrlich gesagt möchte ich mich nicht bei Herrn Mützenich entschuldigen.“

Andrij Melnyk

Zurück zur klaren Kante: In Deutschland waren Sie für Ihre bisweilen undiplomatischen Worte bekannt. Den damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz nannte Sie etwa eine „beleidigte Leberwurst“. Konnten Sie sich mit ihm aussprechen?

Persönlich konnte ich das mit Herrn Scholz vor meiner Abreise nach Kiew im Oktober 2022 nicht ausräumen. Ich habe mich damals um ein Abschiedsgespräch mit dem Kanzler bemüht, aber dazu kam es nicht, weil er vielleicht wirklich beleidigt war. Ich bin sehr gespannt auf seine Memoiren, die er 2027 veröffentlichen will und ob er die Fehler der Russlandpolitik einräumen wird.

Wie ist es mit Rolf Mützenich? Sie nannten den Sozialdemokraten mal den „widerlichsten deutschen Politiker“, nachdem er ins Gespräch gebracht hatte, den Krieg in der Ukraine „einzufrieren“.

Ehrlich gesagt möchte ich mich nicht bei Herrn Mützenich entschuldigen. Es ging mir ja nicht um ihn persönlich, sondern um seine politische Einstellung als damaliger SPD-Fraktionschef, die er weiterhin vertritt. Es ging mir auch nicht darum, dass er sich für Friedensverhandlungen eingesetzt hat.

Wäre es nach ihm gegangen, wäre die Ukraine von Deutschland wohl nie militärisch unterstützt worden. Mit mehr Waffenlieferungen wäre es 2022 und 2023 möglich gewesen, dass die Ukraine mehr besetzte Gebiete hätte befreien können. Als einer der einflussreichsten Politiker der Ampelkoalition hat Herr Mützenich eine größere Unterstützung Kiews aktiv verhindert. Dass er meine Kritik zu nah ans Herz genommen hat, tut mir leid. Aber an dessen Inhalt nehme ich nichts zurück.

Sie hoffen weiterhin auf ein Ende des Krieges in diesem Jahr. Was muss passieren, dass es nicht zu einem Diktatfrieden kommt, den Russland zur Vorbereitung weiterer Angriffe nutzen könnte?

Die Ukrainer hoffen nicht nur, sondern tun alles, was in unserer Macht steht, dass es zu einem möglichst baldigen Friedensschluss kommt. Präsident Selenskyj würde sich schon morgen mit Putin treffen, um zu verhandeln. Dieser barbarische Krieg muss aufhören, weil der menschliche Preis so hoch ist. Jetzt ist die Stunde der Diplomatie. Gleichzeitig sind sich viele Ukrainer bewusst, dass auch wenn es uns 2026 gelingt, einen Friedensvertrag mit Russland zu unterzeichnen, wir uns wahrscheinlich wie Israel in einem Dauerkonflikt befinden werden, um unser Existenzrecht gegenüber den imperialistischen Politik Moskaus durchzusetzen.

Herr Botschafter, vielen Dank für das Gespräch.