Schwäbisch Gmünd. Wer Mario im Raum der Gmünder Sozialberatung trifft, sucht vergeblich nach Bitterkeit. Seine Finger streichen über die Tischplatte, als suchten sie dort Halt, während er von dem Mann erzählt, der ihm vor 15 Jahren das erste Mal Heroin anbot. „Ich denke über niemanden etwas Böses“, sagt der 37-Jährige. Selbst dem Dealer von damals begegnet er heute ohne Missgunst. Man grüßt sich, wenn man sich sieht. Mehr nicht. „Ich hoffe einfach, dass auch er irgendwann damit aufhören kann.“
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Es sind Sätze wie diese, die Marios Wesen offenlegen: Er kehrt den Schmerz lieber nach innen, statt die Schuld anderen aufzubürden. Zehn Jahre ist er nun im Substitutionsprogramm, er steht wieder im Berufsleben. Der 37-Jährige möchte seine Geschichte teilen, er möchte erzählen, doch sein Name soll im Verborgenen bleiben. Denn da gibt es die Angst vor Stigmatisierung, Ausgrenzung, eine Scham, die ihn begleitet. Selbst heute, da er nach zehn Jahren im schützenden Hafen des Substitutionsprogramms längst wieder im Berufsleben Fuß gefasst hat, bleibt die Furcht vor dem Urteil der Welt.
Der Marktplatz Gmünd
Hanga Gelli Calzetta, Fachbereichsleitung der Suchthilfe, kennt Biografien wie die von Mario. Seit 13 Jahren beobachtet sie die Szene in Schwäbisch Gmünd. Für sie ist Mario kein Einzelfall, sondern Teil eines Gefüges, das die Stadt seit Jahrzehnten prägt. Gmünd, so erklärt sie, sei ein Ort der Transitwege, ein historischer Knotenpunkt. Die alten Kasernen und die Verkehrslage machten die Stadt über Jahrzehnte zu einem unsichtbaren Marktplatz für Drogen. „Schon als ich noch in Stuttgart arbeitete, fuhren Konsumenten zum Einkaufen nach Gmünd“, erinnert sie sich.
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Der Grund für diesen Drogentourismus ist profan: die Reinheit. Der Wirkstoffgehalt sei hier höher als in der Landeshauptstadt. Doch die Gefahr wächst: Auf dem Weg zum Endverbraucher wird der Stoff gestreckt – zunehmend mit hochpotenten synthetischen Opioiden wie Fentanyl oder Nitazenen. „Dabei ist der Körper schlichtweg überfordert“, warnt Gelli Calzetta. Es ist ein chemisches Glücksspiel um das eigene Leben.
Wenn alles zu spät ist
Mario kennt die Gesetze der Straße. Er spricht nüchtern über Preise und Reinheitsgrade. „Heroin, das mit Fentanyl versetzt ist, kostet momentan etwa 40 bis 50 Euro das Gramm“, rechnet er vor. „Sauberes Heroin liegt bei 100 Euro.“ Es ist eine tödliche Arithmetik: Wer weniger Geld hat, kauft das höhere Risiko. Ein Rechenbeispiel, das am Ende oft mit dem Leben bezahlt wird. Das Problem: Man sieht dem Stoff die Gefahr nicht an. Wer raucht, spürt die Übermacht der Chemie sofort; wer spritzt, merkt es erst, wenn die Atmung aussetzt.
Ein Spray gegen den Tod
Wo früher das Heroin in einer fast berechenbaren Grausamkeit regierte, drängen nun die hochpotenten, synthetischen Opioide in die Szene. Substanzen, die keine Fehler verzeihen, Rausch und Tod auf einen scharfen Grat verengen. Um die Gefahr zu verstehen, muss man die biochemische Mechanik betrachten, die sich bei einer Überdosis im Körper abspielt.
Heroin, Fentanyl und andere Opioide funktionieren wie Schlüssel, die ins Schloss von sogenannten Opioid-Rezeptoren im Gehirn passen. Einmal ins Schloss gesteckt, lösen sie eine Kaskade von Reaktionen aus: Schmerz wird unterdrückt, Euphorie flutet das System, gleichzeitig wird das Atemzentrum im Stammhirn massiv gedämpft. Bei einer Überdosierung vergisst der Körper schlichtweg zu atmen – der Tod tritt durch Atemstillstand ein. Je hochpotenter die Substanzen, desto schneller und unkontrollierbarer ist die Grenze zwischen Rausch und Tod.
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Was in einem akuten Fall hilft? Naloxon. Man kann sich den Stoff wie einen kräftigeren Konkurrenten vorstellen, der die berauschenden Moleküle buchstäblich von den Rezeptoren verdrängt und deren Platz besetzt. Das Entscheidende dabei: Naloxon selbst löst keine berauschende Wirkung aus. Es besetzt das Schloss, ohne den Mechanismus zu aktivieren. Sobald Naloxon – meist als Nasenspray über die Schleimhäute oder als Injektion – verabreicht wird, setzt die Wirkung innerhalb kurzer Zeit ein.
Realität hinter dem Bedarf
Mario hat den Tod gesehen. Im Treppenhaus. „Ich habe dort einen Mann mit einer Überdosis gefunden“, erzählt er. Er habe ihn wiederbelebt, zurückgeholt, bevor der Notarzt eintraf, „mit einem Naloxon-Spray wäre das viel einfacher und schneller gegangen“. Das Paradoxe: Nur wer wie Mario in einem offiziellen Ersatzprogramm ist, bekommt das Spray auf Rezept. Die „normalen“ Konsumenten auf der Straße, die am meisten gefährdet sind, bleiben außen vor.
Die Forderung der Sozialberatung ist deshalb so klar: eine flächendeckende Versorgung mit Naloxon und alle „im Umgang zu schulen“, sagt Hanga Gelli Calzetta. Doch die Realität hinkt dem Bedarf hinterher. Momentan übernehme niemand die Kosten dafür. Auch wenn Rettungswägen mit Naloxon-Injektionslösungen ausgestattet sind, sind in den entscheidenden ersten Minuten meist Laien oder die Mitkonsumenten, die helfen können. Und das wortwörtlich. „Man achtet in der Szene aufeinander“, beobachtet die Gmünder Suchtberaterin. Die Konsumenten seien oft erstaunlich versiert in Erster Hilfe, aus purer Notwendigkeit.
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Sucht, Depression und Stille
Marios Weg in die Sucht beginnt lange vor der ersten Begegnung in Gmünd. Es ist eine Jugend, die von Rückzug geprägt ist. Sozialphobie und Depressionen bestimmen seinen Alltag, lange bevor er einen Namen für sie hat. „Ich konnte nicht einmal mehr essen“, erinnert er sich. Tage, an denen das Aufstehen zur unüberwindbaren Hürde wird; Nächte, in denen der Schlaf einfach nicht kommen will.
Schon mit 13 Jahren versucht er, die innere Unruhe mit Cannabis zu betäuben. Doch ein Missverständnis mit Folgen verändert alles: Ein Nachbar, den er um Gras bittet, bringt stattdessen zwei weiße Kügelchen mit. Mario nimmt zwei Züge – und übergibt sich sofort. Es ist Heroin. Es ist furchtbar. Er rührt es jahrelang nicht mehr an.
Nach außen hin scheint sein Leben später zu gelingen. In der Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik glänzt er mit 99 Punkten. Doch während die Fassade hält, bricht das soziale Netz hinter ihm weg. Seine Familie ist mit seiner psychischen Instabilität überfordert. Statt Nähe gibt es Distanz: „Sie haben mir eine Therapiestelle im Norden gesucht – weit weg, damit sie sich nicht mit mir auseinandersetzen mussten“, sagt er.
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Diese Isolation führt ihn mit 22 Jahren zurück nach Gmünd. In der Einsamkeit der Stadt trifft er auf jemanden, der ihm zuhört. Ein vermeintlicher Freund, der ihm nicht nur Aufmerksamkeit schenkt, sondern auch das Pulver, das den Schmerz sofort verstummen lässt. Es ist der Moment, in dem die Droge zur einzigen Antwort auf eine unbehandelte Krankheit wird.
Grippesymptome mal einhundert
Was folgt, ist die Geschichte eines jungen Mannes, der nur noch funktioniert. Er arbeitet als Maschinenanlageführer, nach außen hin merkt niemand, was in ihm brodelt. „Morgens nach dem Aufstehen war der erste Gedanke: Hab ich genug da, um den Tag zu überstehen?“ Zwei bis drei „Plomben“ braucht er am Tag, etwa 0,4 bis 0,6 Gramm. Die Angst vor dem Entzug ist groß. Schwitzen, frieren, Knochenschmerzen, Durchfall – die Symptome einer Grippe, mal einhundert. Er nimmt das Heroin mit in den Betrieb, raucht es auf der Toilette. „Immer nur so viel, dass ich nicht dicht war.“ Jahrelang geht das so. Depression, Heroin, der Sog nach unten, bis irgendwann die Droge die Seele nicht mehr zu betäuben vermag. Mario kann nicht mehr. Er will sterben.
Er überlebt. Er will Hilfe. „Gottseidank“, sagt Mario heute. Heute blickt er klarer auf seine Geschichte. Auch wenn es ihn Kraft kostet, darüber zu reden, hilft es ihm, das Erlebte zu verarbeiten.
Der Weg in die Normalität führt für Mario über das Haus der Gesundheit. Dort, wo das medizinische System auf das menschliche Schicksal trifft, hört man ihm zu. „Ein Oberarzt hat mich ausgefragt, wir haben über meinen Lebenslauf gesprochen“, erinnert er sich. Nach nur einer Woche des Zitterns und der Ungewissheit hielt Mario seine erste Dosis Methadon in den Händen. Es war der Tag, an dem das Heroin seine Herrschaft verlor.
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Die trübe Freiheit
Heute, zehn Jahre später, ist Mario stabil. Er arbeitet wieder vier Stunden am Tag, ein Rhythmus, der ihm Halt gibt. Doch es ist eine Freiheit in trübem Licht. „Methadon macht müde. Es gibt keine Glücksgefühle, es nimmt nur den Entzug weg“, beschreibt er seinen Zustand. Das Leben findet seither in einer Grauzone statt, flankiert von ärztlich abgestimmtem medizinischem Cannabis, um die schlaflosen Nächte der Depression zu besiegen.
Sein Ziel bleibt die Unabhängigkeit, doch der Weg dorthin ist steinig. Der Entzug von Methadon ist kein Sprint, sondern ein quälender Marathon, oft schmerzhafter als der radikale Bruch mit dem Heroin selbst. „Manchmal ist es, als sei die Batterie einfach leer“, sagt er leise. „An einem Tag geht es, am nächsten schaffe ich es kaum aus dem Haus.“ Er hat gelernt, mit der Depression zu leben, die wie ein unaufhörliches Grundrauschen in seinem Kopf geblieben ist. „Sie geht nicht weg. Man lernt nur, damit umzugehen.“
Kontakt
Die Sozialberatung Schwäbisch Gmünd bietet Betroffenen und Angehörigen Unterstützung in allen Fragen der Sucht. Informationen gibt es unter sozialberatung-gmuend.de oder direkt im Milchgässle 11.
Mario hat den Absprung geschafft, doch der Weg bleibt ein täglicher Kampf gegen die bleierne Schwere des Methadons. Wenn er heute jenem Mann begegnet, der ihm vor 15 Jahren das erste Mal Heroin reichte, verspürt er keinen Hass – nur das Wissen darum, dass der Ausstieg im Kopf beginnt. „Man muss wollen, nicht nur müssen“, sagt er. Es ist eine Hoffnung, die er auch für jenen Mann hegt, der ihm in Gmünd den Stoff verkauft, der Mario fast das Leben kostete.
RZ