Ein Gespenst kommt ja gerne auf leisen Sohlen daher, höchstens mit schauerlichem Heulen oder ein wenig Kettenrasseln. Die Augsburger Band Ghostlike nennt sich gespensterhaft, doch klamm- wie unheimlich um die Ecke zu schleichen, das entspricht nicht ihrem Stil. „Deep Blue Sea“, der erste Song ihrer Debut-EP „The Quiet Collapse“, braucht exakt 15 Sekunden, um zu zeigen, wie der Hase bei Ghostlike läuft: laut und massiv, mit einer Wand aus zwei bis zu den Kniekehlen tiefer gestimmten, achtsaitigen Gitarren, wuchtigen Drums und dem generellen Gefühl, von der Turbine eines startenden Jumbojets geföhnt zu werden.

Metalcore ist eben wenig dafür geeignet, das nächste Kaffeekränzchen mit Tante und Onkel zu beschallen, dafür stabil genug, seit guten 20 Jahren den Staub aus dem traditionell konservativen Metal-Genre zu pusten. Modisch eher Sneakers als Patronengürtel, musikalisch eher Pop-Refrains als Richard-Wagner-Referenz, textlich eher Persönliches als Drachentöterei. Ghostlike liefern fünf auf den Punkt gespielte, hochtechnische aber gleichzeitig äußerst eingängige Brecher, die alle Elemente mitbringen, die von der Szene geschätzt werden.

Ghostlike begeistert mit neuer Single über Landesgrenzen hinweg

Die Resonanz ist schon seit der Veröffentlichung der ersten Single „Nothing‘s Okay“ über die Landesgrenzen hinaus überaus wohlwollend, auch wenn es laut Sänger Robin Andrews „heutzutage gar nicht so leicht ist, sein Publikum zu finden, weil es einfach so übersättigt ist. Vor allem als Newcomer ist es schwierig, da irgendwie seinen Weg zu finden. Aus reinem Gefallen promotet dich niemand, die wollen alle erst einmal Kohle sehen.“ Doch einmal bewegt sich die Band innerhalb einer Szene, die „sich für neue Bands interessiert und auch mehr dahinter ist, wie man die Metalcore-Community nach vorne bringen kann“, wie Gitarrist Silvan Lackerschmid beobachtet – Metal ist schließlich für viele nicht nur ein musikalisches Genre, sondern eine Lebenseinstellung.

Die Hingabe geht also vom Publikum in gleichem Maße aus wie von den Bands selbst. Und ihren Weg haben Ghostlike in einem Ethos gefunden, der für einen wichtigen Einflussgeber des Metalcore, dem klassischen Hardcore-Punk, ebenfalls essenziell ist: alles selber machen. Andrews ist professioneller Videograf und verantwortlich für das eindrückliche Video zu „Nothing‘s Okay“ aus dem Inneren des Gaskessels, Bassist Alex Höfle verantwortet die glasklare Produktion der Songs, die sich vor keiner internationalen Metalband verstecken muss, Andrews und Schlagzeuger Valentin Scherer, die schon bei der Band About an Author gemeinsam Krach gemacht haben, kümmern sich um die Promotion.

Songwriting bei Ghostlike beginnt am Computer

Nichts, was man von Ghostlike sieht oder hört, lässt darauf schließen, dass diese Band erst seit ein paar Monaten existiert. Es ist fast nicht zu glauben, dass die Band in dieser Form tatsächlich noch nie live gespielt hat. Gelegenheit hätte es dazu schon zur Genüge gegeben, doch Ghostlike zähmen das Pferd sozusagen von hinten auf und machen alles anders, als es in einer klassischen Band passiert.

Normale Bands sperren sich zum Jammen im Proberaum ein und probieren die so entstandenen Songs auf lokalen Kleinstbühnen das erste Mal vor Publikum aus. Andrews schreibt die Songs am Computer und schickt die Vorproduktion an die anderen Bandmitglieder, damit die wissen, was sie in der Probe zu spielen haben. Von den drei bis vier Stunden, die eine Probe dauert, „stecken wir die Hälfte der Zeit Kabel, machen Monitormixing und hauen irgendwo drauf und schauen, wo ein Ton rauskommt,“ wie Scherer erzählt, denn sie spielen „silent“, also nicht über klassische Verstärker, sondern digital direkt in die Kopfhörer – auch wenn es Gitarrist Andreas Acher sichtlich in den Fingern juckt, die Nummern auch mal in angemessener Lautstärke durch die Röhren zu jagen.

Vor dem ersten Konzert soll erst einmal die erste LP im Kasten sein und bis dahin kann man sich bestens die Zeit damit vertreiben, die zahlreichen Details der EP zu entdecken. „Ich mache nicht mein persönliches Tagebuch auf und erzähle jedem, wie es bei mir daheim läuft, aber es gibt eben in vielen Bereichen Grund zur Sorge“, sagt Andrews zum Titelmotiv des stillen Zusammenbruchs, und Scherer bescheinigt seinem Sänger, die Texte so abstrakt zu halten, dass sie sich fast auf alle Lebensrealitäten übersetzen lassen. Lackerschmid nennt die Songs mit ihren harten Breakdowns, kalten Industrial-Vibes und Geschrei über intensiver Double-Time-Raserei ein Ventil, um Dampf abzulassen. Es ist heftige Musik, in die sich aber ganz geisterhaft Melodie und Melancholie schleichen und der vermeintlichen Kälte des Metalcore eine Seele geben.

  • Sebastian Kraus

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