Irgendwann mitten in der Nacht hämmerte es laut an ihrer Tür, erinnert sich die Frau. „Ich blickte durch das kleine Guckloch und sah einen Mann in einer Uniform der russischen Armee.“

Es war ein sturzbetrunkener Soldat, der sich gewaltsam Zugang zu ihrer Wohnung verschaffen wollte. Offenbar, so schlussfolgerte sie später, hatte er sich in der Etage geirrt und hielt ihre Wohnung für die seinige. „In so einem Moment fühlst du dich vollkommen schutzlos“, erzählt sie heute. „Weil du verstehst, dass dieser Mensch buchstäblich unter demselben Dach lebt wie du.“

Bei der Frau handelt es sich um eine unabhängige russische Journalistin aus einer Großstadt im Ural. Ihren Namen und den ihres Wohnorts nennt sie aus Sicherheitsgründen nicht.

Dass sie zumindest anonymisiert vor wenigen Tagen bei einer Online-Veranstaltung der Deutschen Sacharow Gesellschaft ihre Erlebnisse schilderte, hat einen einfachen Grund: Die Journalistin will der Außenwelt zeigen, wie der brutale Krieg gegen die Ukraine nach und nach auch ihre Heimat verändert.

Kriegsrückkehrer plötzlich überall

Ihre Erfahrung, betont die Frau, sei kein Einzelfall: Mehr als vier Jahre nach Beginn der Vollinvasion ins Nachbarland kehren immer mehr russische Soldaten in die Dörfer und Städte ihres Riesenlandes zurück – und mit ihnen Trauma, Gewalt und Entsetzen.

Während viele Bewohner der westlicheren Großstädte Moskau und St. Petersburg die Folgen der Kämpfe nach wie vor verhältnismäßig leicht ausblenden können, gehören sie in vielen ärmeren oder militärisch geprägten Regionen längst zum Alltag. „Hier im Ural sind wir leider permanent vom Krieg umgeben“, erzählt die Frau.

Einmal sei sie beruflich unterwegs gewesen und in ein Flugzeug gestiegen: „Da waren rund 70 Prozent der übrigen Passagiere Soldaten.“ Ein anderes Mal saß sie in einem Taxi, dessen Fahrer ihr erzählte, dass er erst kürzlich von der Front zurückgekehrt sei. Psychologen hätten ihm „eine Arbeit mit Menschen“ empfohlen, um zurück in die zivile Gesellschaft zu finden.

Doch so einfach funktioniert Resozialisierung nicht – das weiß die Frau aus eigener, leidvoller Erfahrung. Denn die Gewaltbereitschaft vieler Kriegsrückkehrer ist hoch, der Alkoholpegel oft auch. „Man fühlt sich ziemlich unsicher, weil das Aggressionspotenzial dieser Menschen groß ist“, sagt sie.

Zehntausende Straftäter in russischer Armee

Wie viele russische Soldaten in den vergangenen vier Jahren bereits aus dem Kriegsdienst zurückgekehrt sind, ist nicht bekannt. Kremlangaben zufolge waren es im vergangenen Sommer knapp 140.000. Unabhängige Beobachter wie der im österreichischen Exil lebende Politologe Kirill Rogow gehen hingegen von deutlich höheren Ziffern aus. Allein die Zahl der verwundet aus dem Kampfeinsatz ausgeschiedenen Männer schätzt Rogow auf rund 600.000. Viele von ihnen seien jedoch auch abseits der Front weiter in der Armee aktiv.

June 24, 2023, Rostov-on-Don, Donetsk Oblast, Ukraine: A screen grab of Russian Yevgeny Prigozhin, owner of the Wagner Group of mercenaries threatening to march his soldiers to Moscow, June 24, 2023 outside Rostov-on-Don, Russia. Prigozhin launched a rebellion against Moscow accusing the government of lying to the nation and corruption. Rostov-on-Don Ukraine - ZUMAp138 20230624_zaa_p138_007 Copyright: xPoolx/WagnerxGroupx Im Sommer 2023 meuterte Söldnerchef Prigoschin gegen Russlands Militärführung – und starb wenig später unter mysteriösen Umständen bei einem Flugzeugabsturz.

© IMAGO/ZUMA Wire/IMAGO/Pool /Wagner Group

Verschärft wird die Situation dadurch, dass neben regulären Berufs- und Zeitsoldaten auch viele verurteilte Gewalttäter für die russischen Streitkräfte kämpfen – und nun teilweise zurückkehren.

Immer wieder verspüre ich Frustration darüber, dass Menschen, die einst für reale Verbrechen bestraft wurden, nun wieder auf freiem Fuß sind.

Journalistin aus dem Ural

Angeworben wurden viele von ihnen ursprünglich für die Privatarmee des 2023 ums Leben gekommenen Söldnerchefs Jewgeni Prigoschin. Nach dessen Tod wurde die sogenannte Wagner-Gruppe offiziell aufgelöst und viele Kämpfer in die offiziellen Streitkräfte umgesiedelt. Mittlerweile rekrutiert auch das russische Verteidigungsministerium in Gefängnissen.

Auch hier gehen die Zahlen stark auseinander: Mal ist in Schätzungen von rund 50.000 über die Jahre angeworbenen Kriminellen die Rede, mal von bis zu 180.000.

A woman walks past a gallery of portraits of Russian service members involved in the country's military campaign in Ukraine, that is placed in a street near the office of a charity fund collecting donations on vehicles for the use of Russia's army during a conflict against Ukraine, in Saint Petersburg, Russia, October 6, 2025. A slogan on the board reads: "Our dear ones. Our heroes. God bless you!"  REUTERS/Anton Vaganov

Plakat in St. Petersburg: „Unsere Helden. Möge Gott euch schützen!“

© REUTERS/ANTON VAGANOV

So oder so sind es offenbar deutlich mehr als in der Ukraine, wo laut Justizministerium bis zum vergangenen Herbst rund 10.100 Ex-Insassen für einen Einsatz an der Front vorzeitig aus der Haft entlassen wurden. Und es gibt noch einen weiteren entscheidenden Unterschied: In dem angegriffenen Land sind von einer solchen Amnestie durch Militärdienst alle Männer und Frauen ausgeschlossen, die wegen besonders schwerer Gewalttaten verurteilt wurden.

Mörder und Vergewaltiger auf offener Straße

Nicht so in Russland, wo nachweislich verurteilte Mörder, Totschläger und Vergewaltiger in Soldatenuniformen gelandet sind. Und zurück in der Heimat erst recht für Probleme sorgen.

Das unabhängige Investigativ-Portal „Wjorstka“ dokumentierte zwischen Anfang 2022 und Ende vergangenen Jahres mehr als 1000 Fälle, in denen aus dem Krieg heimgekehrte Kämpfer in Russland Zivilisten angriffen. In mindestens 240 Fällen handelte es sich demnach um Morde, wovon wiederum der Großteil von Ex-Häftlingen begangen worden sein soll.

Auch andere russische Exil-Medien sind seit Langem voll von Horrorgeschichten über gewalttätige Frontrückkehrer. Sie handeln von Männern, die in einem Anfall von Eifersucht ihre Partnerin erwürgen, die Rentnerin von nebenan erstechen oder kleine Mädchen vergewaltigen. Von den vielen Kriegsverbrechen, die sie in der Zwischenzeit mutmaßlich in der Ukraine begangen haben, ganz zu schweigen.

Das Gefühl der Unsicherheit ist ständig präsent.

Anonyme Journalistin aus dem Ural

Die anonym auftretende Journalistin aus dem Ural hat mit Ex-Insassen ebenfalls schon Erfahrungen gemacht: Aus einer früheren Recherche habe sie die Kontaktdaten eines Mannes gehabt, der 2021 wegen Mordes zu zwölfeinhalb Jahren Straflager verurteilt worden sei, erzählt sie. Zwei Jahre später habe sie erfahren, dass ebenjener Mann wieder auf freiem Fuß war: „Ich habe ihm dann eine Nachricht geschrieben und gefragt, wie das sein kann“, berichtet sie. „Er antwortete: ,Ich habe alles mit meinem Blut gesühnt.‘“ In anderen Worten: Er hatte zeitweise für die russische Armee in der Ukraine gekämpft – und war nun zurückgekehrt.

Members of the Youth Army military-patriotic movement attend a ceremony of projecting portraits of Russian service members killed in Russia-Ukraine conflict and the symbol "Z" onto the State Council building in Simferopol, Crimea April 8, 2024. REUTERS/Alexey Pavlishak Offiziell werden die russischen Soldaten in der Gesellschaft als Helden verehrt. Hinter vorgehaltener Hand äußern viele Menschen Angst.

© REUTERS/Alexey Pavlishak

„Solche Geschichten häufen sich“, sagt die Frau. „Immer wieder verspüre ich Frustration darüber, dass Menschen, die einst hinter Gittern gelandet sind und für reale Verbrechen bestraft wurden, nun wieder auf freiem Fuß sind.“ Sie fügt hinzu: „Es scheint, als herrsche in Russland absolute Straflosigkeit. Deshalb ist ein Gefühl der Unsicherheit ständig präsent.“

Gemischte Emotionen in der Bevölkerung

Trotzdem begehrt kaum jemand öffentlich auf. Das liegt zum einen an den massiven Repressionen in Wladimir Putins Reich – aber zum anderen auch daran, dass viele Menschen den Krieg gegen das Nachbarland nach wie vor unterstützen.

Letzteres führe nicht selten zu einer Art Doppeldenken, erklärt die Journalistin. „Die Logik ist ganz einfach“, führt sie aus: „Stellen wir uns eine 50 Jahre alte Frau vor, die eine Tochter hat. Die erzählt dann in aller Ruhe, wie richtig das alles ist und dass Wladimir Putin ein Prachtkerl sei – zugleich rät sie ihrer Tochter davon ab, auf Dates mit Soldaten zu gehen.“

Putins ideologische Kriegsnarrative sind nichts als Dekoration und Fiktion. Und die russische Bevölkerung weiß das.

Kirill Rogow, Politologe

Auch Politologe Kirill Rogow beobachtet widersprüchliche Haltungen unter seinen Landsleuten. Er verweist auf eine Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada aus dem vergangenen Oktober, der zufolge nur rund 40 Prozent der Russen die in der Ukraine kämpfenden Soldaten als Helden wahrnehmen. „Weitere 40 Prozent sagten, dass das Leute mit einer verkrüppelten Seele seien, dass also der Krieg ihre Seelen zerstört hat“, sagt Rogow.

Kirill Rogow

Kirill Rogow ist russischer Politologe im Exil. Er arbeitet von Wien aus.

Dass das Helden-Narrativ des Kremls in der Bevölkerung nicht recht verfange, sei einer der Hauptgründe dafür, dass sich kaum ein Mann freiwillig für den Kriegseinsatz melde und Moskau die Rekruten mit hohen Geldprämien locken müsse, meint der Experte.

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Das ändert zwar erst einmal nichts an Russlands Kriegstauglichkeit – und auch nichts an der grundsätzlichen gesellschaftlichen Unterstützung für die Kämpfe gegen das Nachbarland.

Dennoch sei diese Erkenntnis unangenehm für Putin, sagt Rogow: „Seine ideologischen Kriegsnarrative sind nichts als Dekoration und Fiktion. Und die russische Bevölkerung weiß das.“