Werther. In einer Bibliothek kann man nur Bücher ausleihen. Vollkommen falsch. In der Wertheraner Stadtbibliothek spielen Bücher zwar eine große Rolle, aber viel mehr geht es darum, einen Raum für Begegnungen verschiedenster Menschen zu schaffen. Wie kreativ die Mitarbeiterinnen der Bibliothek dabei sind, das machte Bibliotheksleiterin Susanne Damisch bei der Vorstellung des Jahresberichts deutlich.

Wann haben Sie zuletzt ganz in Ruhe ein gutes Buch gelesen? Wenn es schon etwas länger her ist, liegt das vielleicht gar nicht daran, dass Sie nicht lesen möchten, sondern dass es zu Hause einfach nicht möglich ist. Sei es, weil ständig jemand da ist, der etwas will. Sei es, weil im Hintergrund der Fernseher läuft. Sei es, weil man nicht guten Gewissens lesen kann, wenn einen noch der Wäscheberg anlacht. Oder – und das ist vielleicht der häufigste Grund -, weil man zum Handy greift, sobald man endlich auf dem Sofa sitzt.

So ging es auch Julia Sandmann. Deshalb hat die Mitarbeiterin der Wertheraner Stadtbibliothek nun eine Veranstaltung ins Leben gerufen, die sich an alle wendet, die sich gerne mal ohne Störung und Ablenkung in ein Buch vertiefen wollen. „Silent Reading“ heißt der Trend, der vor gut zwei Jahren aus den USA kam.

Zeit zum Lesen ohne Ablenkung


Julia Sandmann (l.) und Susanne Damisch vom Team der Stadtbibliothek Werther sind nicht nur Expertinnen für die Saatgutbibliothek. Sie arbeiten auch viele andere Ideen aus. - © Stadt Werther

Julia Sandmann (l.) und Susanne Damisch vom Team der Stadtbibliothek Werther sind nicht nur Expertinnen für die Saatgutbibliothek. Sie arbeiten auch viele andere Ideen aus.
| © Stadt Werther

Menschen, die sich nicht kennen – und in der Regel auch gar nicht kennenlernen wollen – treffen sich abends in der Bibliothek. Jeder sucht sich eine gemütliche Ecke für sich alleine und schmökert in Ruhe. Das Handy bleibt natürlich in der Tasche.

Im Februar hatte Julia Sandmann diese Veranstaltung zum ersten Mal angeboten. „Ich wusste nicht, ob überhaupt jemand kommen würde, und habe maximal mit zwei Personen gerechnet“, sagt sie. Dass es dann sogar acht waren, war für sie ein Erfolg. „Wir haben ja Sofas hier in der Bibliothek und ich hatte Tee, Wasser und Wein hingestellt“, beschreibt Julia Sandmann den ersten Abend.

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Von 19.30 bis 21 Uhr wurde schweigend gelesen. Das Feedback der sieben Besucherinnen und des einen Besuchers beim Rausgehen sei durchweg positiv gewesen. Am Freitag, 17. April, wird es um 19.30 Uhr die nächste Silent-Reading-Runde geben. „Ich bin aber auch offen für andere Uhrzeiten oder Wochentage“, sagt Julia Sandmann.

Die Wollzeit fand sofort großen Anklang

Wie alle Angebote der Bibliothek ist das Silent Reading kostenlos und unabhängig von einem Leseausweis. Das gilt auch für das zweite neue Angebot. Auch die Wollzeit ist entstanden aus der Idee einer Mitarbeiterin. Stefanie Freiberger hatte dazu alle eingeladen, die gerne stricken oder häkeln.

„Zusammen mit anderen könnt ihr euer Projekt voranbringen, euch austauschen, Fragen stellen und euch gegenseitig unterstützen“, hatte sie in der Ankündigung für die erste Wollzeit im Februar geschrieben. Dass dann sofort 23 Handarbeitsbegeisterte kamen, damit hatte sie nicht gerechnet. Sogar mit einem Spinnrad war jemand da. Die Altersspanne reichte von 14 bis 84 Jahren. Die nächste Auflage ist ebenfalls am Freitag, 17. April, von 16 bis 18 Uhr.


Bibliotheksmitarbeiterin Stefanie Freiberger hat mit der Wollzeit einen Nerv der Besucherinnen getroffen. - © Anja Hanneforth

Bibliotheksmitarbeiterin Stefanie Freiberger hat mit der Wollzeit einen Nerv der Besucherinnen getroffen.
| © Anja Hanneforth

Mit Bibliotheksausweis kann man jetzt auch streamen

„In unserem Beruf geht es schon längst nicht mehr nur um Bücher, sondern um Veranstaltungen und die Begegnung mit Menschen“, sagt Susanne Damisch, Leiterin der Stadtbibliothek. 160 Veranstaltungen, zu denen 3.730 Menschen kamen, gingen im Jahr 2025 auf das Konto der Bibliothek.

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Natürlich wird auch noch ausgeliehen, aber schon lange nicht mehr nur Bücher. Die Bibliothek der Dinge verleiht digitale Mikroskope, Musikinstrumente, Kugelbahnen, Seifenblasenmaschinen oder Energiemessgeräte und Ferngläser. Hinzu kommt die gut etablierte Saatgutbibliothek.

Analog zu Streamingdiensten wie Netflix oder Spotify bieten die Bibliotheken nun auch solche Dienste an. Kostenlos für alle, die einen Bibliotheksausweis haben. Bei FreegalMusic gibt es mehr als 20 Millionen Titel aus den Bereichen Musik und Hörspiele. Bei Filmfriend gibt es das gleiche Angebot für Filme, allerdings keine Massenware, sondern Filme, wie sie auch in Programmkinos laufen, erläutert Susanne Damisch.

Aufenthaltsort ohne Konsumzwang

Zahlen gehören natürlich auch zu einem Jahresbericht. Im vergangenen Jahr zählte die Bibliothek 55.855 Ausleihen. Zum Vergleich im Coronajahr 2022 waren es 6.500 weniger. Von den ausgeliehenen Medien sind rund 46.700 über die Ausleihtheke an der Schlossstraße gegangen. Rund 9.000 wurden online entliehen. Insgesamt haben die Nutzerinnen und Nutzer die Wahl zwischen 13.000 Medien vor Ort und 93.000 Online-Medien.

Neben den Funktionen als Ausleihe und Veranstaltungsort gibt es noch eine dritte, die Susanne Damisch ganz wichtig ist. Die Wertheraner Bibliothek ist ein „Wohnzimmer der Gesellschaft“. „Das sind Orte, an denen man sich ohne Konsumzwang aufhalten und treffen kann“, erklärt sie. Denn eine gelebte Demokratie brauche analoge Räume der Begegnung.

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