Ein Mann in einem Bilderrahmen schaut zu einer an der Seite stehenden Frau während er von einer jüngeren stürmisch geküsst wird.

AUDIO: „Das Bildnis des Dorian Gray“ packend inszeniert in Hamburg (4 Min)

Stand: 21.03.2026 11:42 Uhr

Unzählige Male ist „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde schon für die Bühne adaptiert, auch verfilmt worden. Auf der kleinen Bühne des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg hat Tristan Linder den Stoff jetzt inszeniert – ein Glücksfall!

von Katja Weise

Die Faszination für die Geschichte über den schönen jungen Mann, dessen Bildnis statt seiner altert, ist ungebrochen. Für Tristan Linder, der im vergangenen Jahr sein Studium an der Hamburger Theaterakademie abgeschlossen hat, ist es die erste Arbeit am Schauspielhaus und die kommt an beim Publikum. „Die Story wurde auf sehr ungezwungene, unfassbar natürliche Art und Weise sehr bunt erzählt“, sagt eine Besucherin.

Bühne von goldenem Bilderrahmen umschlossen

Als würde sie uns heute passieren. Ohne jede gewollt aktuelle Anbiederei. Yorck Dippe steckt sogar in historisierendem Kostüm, als er das Publikum in Empfang nimmt. Vor dem noch geschlossenen, üppigen Vorhang stehend, betrachtet er die Menschen im Saal, zwischen leichter Verzückung, Wohlwollen und Kritik schwankend. Was sieht er? Ein Bild, wie sich herausstellt. „Das Bildnis des Dorian Gray“, sagt er auf der Bühne.

Ein junger Mann steht im Vordergrund dahinter zwei Frauen. Die ältere stützt sich an einem übergroßen Bilderrahmen, die jüngere hält einen Bilderrahmen.

Die Schauspieler Christiane von Poelnitz, (v.l) Joseph Jöde und Henni Jörissen sind auf der Bühne von einem goldenen Bilderrahmen umschlossen.

Eine erste, schöne Pointe, das Publikum als Spiegel für das, was den ganzen Abend nicht gezeigt wird: Das Bildnis des unschuldigen, schönen Dorian Gray. Der sitzt noch mitten im Saal, tritt nun nach vorn und findet seinen Platz im Bilderrahmen auf der Bühne. Denn kaum ist der Vorhang gefallen, zeigt sich, dass die von einem großen, goldenen Rahmen umschlossen ist. In dem will Dorian das Leben entdecken.

Das wahre Ziel des Lebens ist die Selbstentfaltung. Ich glaube, wenn ein einziger Mensch sein Leben voll und ganz ausleben wollte, jedem Traum Wirklichkeit geben wollte, ich glaube, die Welt erhielte einen solchen Schwung von Freudigkeit, dass wir alles Vergangene vergäßen, der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist ihr nachzugeben.

Bühnenzitat

Um den Mund entwickelt sich grausamer Zug

Eine Frau im Vordergrund hat den Kopf nach hinten geneigt und spricht. Die jüngere Frau im Hintergrund hat die Arme nach vorn gestreckt.

Christiane von Poelnitz und die anderen Darstellenden spielen mit großer Leidenschaft.

Hedonismus ohne Rücksicht auf Verluste, dazu ewige Jugend, nur das Bildnis altert. Dorian wird erst spät merken, dass Lord Henry nicht der beste Ratgeber ist. Aber einer, der wie der Maler, der das besondere Porträt schuf, verrückt nach ihm ist. Dumm nur, dass Dorian sich in eine junge Schauspielerin verliebt. Die Geschichte geht allerdings nicht gut aus: Er lässt sie fallen, sie bringt sich um. Auf dem Bildnis zeigt sich ein grausamer Zug um den Mund, stellt Dorian fest, er selbst hingegen bleibt unverändert und überzeugt von seinem Weg.

Ich bereue nichts von dem, es hat mich gelehrt, mich selbst besser kennenzulernen.

Bühnenzitat

Slapstick und Leidenschaft

Tristan Linder sprüht vor Ideen. Er nimmt den Stoff ernst und doch wirkt der Abend leicht, wie aus dem Augenblick heraus improvisiert. Es gibt bezaubernde Slapstickmomente, daneben zu Herzen gehende Szenen, die nie „das Leben“ sein wollen, sondern immer: Spiel. Christoph Jöde, Henni Jörissen, Yorck Dippe und Christiane von Poelnitz, die alle mit großer Leidenschaft dabei sind, sind jederzeit Schauspielerin, Schauspieler, die immer wieder die Rollen wechseln. Dabei läuft die Story wie geschmiert.

Szene aus "Das Bildnis des Dorian Gray"

Der Kultroman kommt am Freitag in Hamburg auf die Bühne des Malersaals im Deutschen Schauspielhaus – inszeniert von Regisseur Tristan Linder.

„Ich war überrascht, wie die Schauspieler sich immer wieder verändert haben und insgesamt zu viert und zwischendurch auch einfach zu zweit innerhalb von wenigen Minuten eine Vielzahl von Persönlichkeiten dargestellt haben, das war toll“, freut sich ein Besucher. „Und ich hatte das Gefühl, dass die Person, die hier Regie geführt hat, das Theater als Medium so gut verstanden hat, das war eine Freude das anzugucken, wirklich“, erklärt eine Zuschauerin.

Geist des Stücks unverkrampft aktualisiert

Tristan Linder fängt den Geist von Wildes Roman ein und überträgt ihn unverkrampft in unsere Zeit. Konsumhölle, Schönheitswahn, ewige Jugend, die Themen sind da. Und die romantische Sehnsucht nach einem erfüllten Leben. Linder gelingt ein Abend mit einer ganz eigenen Aura. Von diesem Regisseur möchte man unbedingt noch viel sehen.

Julia Wieninger auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses

Das Jahrhundertgedicht „alphabet“ der Schriftstellerin Inger Christensen läuft derzeit als Theaterstück in Hamburg. Funktioniert das?

Der Leiter des Jungen SchauSpielHaus Hamburg, Klaus Schumacher mit blauem Hemd und Blazer.

Seit 20 Jahren bringt Klaus Schumacher mit dem Jungen Schauspielhaus die Lebenswelten von Jüngeren auf die Bühne.

Cover - Oscar Wilde: "Das Bildnis des Dorian Gray"

Oscar Wildes Buch „Das Bildnis des Dorian Gray“ verkörpert das Gewissen, von dem Dorian Gray sich loszusagen versucht. Hanjo Kesting stellt ihn in der Reihe „Große Romane der Weltliteratur“ vor.

Ein Mann in einem Bilderrahmen schaut zu einer an der Seite stehenden Frau während er von einer jüngeren stürmisch geküsst wird.

Mit ganz eigener Aura: „Das Bildnis des Dorian Gray“ in Hamburg

Der Kultroman hat am Freitag im Deutschen Schauspielhaus Premiere gefeiert – inszeniert von Regisseur Tristan Linder.

Datum:
20.03.2026, 19:30 Uhr
27.03.2026, 20:00 Uhr
19.04.2026, 18:00 Uhr
21.04.2026, 18:00 Uhr
Ort:

Deutsches Schauspielhaus

Kirchenallee 39

20099

Hamburg

In meinen
Kalender eintragen

Schlagwörter zu diesem Artikel

Theater