Der DTB-Pokal steht weiter unter dem Eindruck des Turn-Skandals in Stuttgart – bei dem auch Verbandschef Alfons Hölzl angesichts der Ermittlungen gegen ihn eine Rolle einnimmt.
Zu Beginn der Abschlusspressekonferenz am Sonntagvormittag gab es ein paar Zahlen, die zumindest die Veranstalter zufrieden stimmten. „Wir können ein positives Fazit ziehen“, sagte Markus Frank, der Präsident des Schwäbischen Turnerbunds (STB), über die diesjährige Auflage des DTB-Pokals in der Porsche Arena. Mehr als 20 000 Fans habe man an den vier Veranstaltungstagen begrüßen können. Allerdings: An drei von vier Tagen waren die Wettbewerbe und damit die Hallenöffnungen in jeweils zwei Teile gesplittet. Und: Am Donnerstagabend, beim Auftritt des Lokalmatadors Timo Eder (MTV Ludwigsburg) im Team-Wettbewerb der Männer, war die mehr als 5500 Zuschauer fassende Halle im Grunde leer.
Apropos Leere: Die herrschte in diesem Jahr auch in Sachen Titelsponsor. Fast 20 Jahre lang war die EnBW Hauptsponsor und damit Mit-Namensgeber des DTB-Pokals. Das Unternehmen zog sein Engagement zurück – die Veranstalter standen in diesem Jahr also ohne solch einen Geldgeber da. „Ich hoffe, dass es im nächsten Jahr wieder anders aussieht“, sagte STB-Geschäftsführer Matthias Ranke am Sonntag dazu, ohne weiter ins Detail gehen zu wollen.
Die große Sponsorenfrage
Die EnBW hatte mitgeteilt, dass der Rückzug in keinem Zusammenhang mit den öffentlich gemachten Missständen am Stuttgarter Kunstturnforum gestanden habe.
Ehemalige und aktuelle Sportlerinnen hatten die Zustände in der Trainingsarbeit am KTF angeprangert, die Vorwürfe mündeten in „systematischem körperlichem und mentalem Missbrauch“. Der STB kündigte einer Trainerin und einem Trainer, die vorher unter anderem die 18-jährige deutsche Spitzenturnerin Helen Kevric (MTV Stuttgart) betreuten. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt seit mehr als einem Jahr.
Kevric trainiert inzwischen regelmäßig auch in Italien, in Marlene Gotthardt verließ kürzlich eine weitere ambitionierte Turnerin das KTF. Die 17-jährige Schülerin aus Bad Cannstatt wechselte an den Bundesstützpunkt nach Chemnitz. Aktuell also steht das KTF und damit der Schwäbische Turnerbund ohne eine deutsche Spitzenturnerin da – ein Szenario, das am renommierten Bundesstützpunkt früher undenkbar gewesen wäre.
Vor einigen Tagen gab der Deutsche Turnerbund (DTB) bekannt, dass die Zusammenarbeit mit der von ihm verpflichteten US-Trainerin Aimee Boormann, die im Zuge der Kündigungen der beiden Ex-Trainer am KTF als Nachfolgerin engagiert wurde, beendet ist. Weshalb sich die Frage aufdrängt, wie die Verantwortlichen gewährleisten wollen, dass das KTF im weiblichen Spitzenturnen künftig nicht den Anschluss verliert – auf Athletinnen- und Trainerseite.
DTB-Präsident Alfons Hölzl stand am Sonntagvormittag bei der Pressekonferenz neben den STB-Chefs Ranke und Frank. Er betonte, dass das Training am KTF durch die bestehenden Coaches abgesichert sei und es aktuell nicht angedacht sei, einen Ersatz für Aimee Boorman zu verpflichten.
STB-Geschäftsführer Ranke sagte, dass es in den nächsten Wochen Gespräche über die Trainer-Thematik gebe – und es von deren Inhalt abhänge, „ob es in diesem oder im nächsten Jahr eine Ergänzung geben wird“.
Es sei durch die publik gewordenen Vorwürfe und die Kündigungen gegen die beiden Ex-Trainer zum Ende des Jahres 2024 eine Situation eingetreten, „über die man von außen vielleicht sagen kann, dass wir uns künstlich geschwächt haben auf der Trainerseite“, so Ranke weiter: „Aber es ist mit Blick auf die Kündigungen alternativlos gewesen, so zu handeln.“
Angesprochen auf den aktuellen Mangel an weiblichen Spitzenturnerinnen am Standort Stuttgart betonte Ranke, dass gewisse Täler normal seien: „Im männlichen Bereich waren wir vor zwei Jahren gefühlt gar nicht mehr auf der Landkarte – das ist jetzt, auch dank Timo Eder, wieder anders.“ Ihm sei also nicht bange, so der STB-Geschäftsführer, „dass wir auch im weiblichen Bereich wieder Spitzenstatus erlangen.“
DTB-Präsident Hölzl lauschte diesen Worten aufmerksam – ehe er sich auf Nachfrage auch in eigener Sache äußerte. So erfassen die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft inzwischen auch die Spitze des DTB und Verantwortliche des STB. Wie der DTB mitteilte, richten sich die Ermittlungen auch gegen Hölzl und den Sportvorstand Thomas Gutekunst. Dabei geht es um eine mögliche Unterlassung – also darum, ob und inwieweit die Verantwortlichen bei den angeblichen Verfehlungen der beschuldigten Trainer am KTF hätten einschreiten oder sie verhindern können. Alle Beteiligten betonen die Unschuldsvermutung.
Hölzl hatte einen Rücktritt schon vor ein paar Wochen abgelehnt – und begründete dies nun am Sonntag so: „Ich bin im Amt geblieben, weil ich die Auffassungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft nicht teile – ich bin als Präsident gewählt, wir haben eine gemeinsame Aufgabe und eine gemeinsame Vorstellung über die Zukunft.“
Man dürfe, so Hölzl, „nicht betriebsblind werden“. Vielmehr müsse man sich immer die Frage stellen, was man tun könne, „damit Athleten in einem sicheren und gewaltfreien Umfeld erfolgreich sein können“.
Der STB hat Einsicht in die Akten
Der STB indes bestätigte unserer Redaktion am Sonntag, dass er seit knapp eineinhalb Wochen Einsicht in die kompletten Ermittlungsakten der Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat. Dabei geht es grob geschätzt um knapp 50 000 Seiten. Der STB interessiert sich insbesondere um die arbeitsrechtlich relevanten Inhalte. Denn die zwei beschuldigten Trainer am KTF hatten am Stuttgarter Arbeitsgericht erfolgreich gegen ihre Kündigungen geklagt. Der STB hat daraufhin beim Landesarbeitsgericht Berufung eingelegt – die Prozesse werden noch in der ersten Jahreshälfte erwartet.