Die „Rudimania“ hat Berlin erfasst. Schon vor der Premiere waren alle 12 Vorstellungen des Balletts „Nurejew“ von Kirill Serebrennikov und Yuri Possokhov ausverkauft. Christian Spuck, dem Intendanten des Staatsballett Berlin, ist tatsächlich ein Coup gelungen. Dank einer gewaltigen Kraftanstrengung aller Beteiligten konnte das in Moskau verbotene Tanzstück seine glanzvolle Auferstehung feiern – und ist damit erstmals außerhalb von Russland zu sehen.

Den Rahmen bildet eine Auktion von Nurejews Nachlass. Kostbare Möbel und Gemälde, vornehmlich männliche Akte, kommen unter den Hammer. Nurejews Hang zu Prunk und Luxus wird hier schon angedeutet.

Das Stück

Rudolf Nurejew war einer der größten Tänzer des 20. Jahrhunderts. Das Ballett zu Musik von Ilya Demutsky feierte seine Premiere im Dezember 2017 am Bolschoi-Theater in Moskau. Wegen politischen Drucks wurde das Skandalstück, das auch die Homosexualität des Ballettstars thematisierte, 2023 abgesetzt. Alle weiteren Vorstellungen bis 26.4. sind ausverkauft.

In der Waganowa-Schule wird das Bild von Lenin durch ein Konterfei Stalins ersetzt. Rudi ist natürlich der Klassenbeste und erntet bewundernde Blicke, ignoriert aber seine Partnerin oder schubst sie fort. David Soares verkörpert den Tanzgott mit viel Sexappeal, zeichnet ihn aber auch als schwierigen Charakter.

In der nächsten Szene marschiert die Komsomol-Jugend auf, ein Chor schmettert ein patriotisches Lied, dazu werden Geheimdienstberichte über den aufmüpfigen Jungstar verlesen: Dessen spektakuläre Flucht 1961 am Pariser Flughafen, der legendäre „Sprung in die Freiheit“, wird zum furiosen Solo von Soares. Er springt gleich über zwei Absperrungen, wirft dann eines der Gitter zu Boden und versetzt sich in eine Raserei, bevor er zusammenbricht.

Ilya Demutskys dramatische Orchesterklänge weichen Jazz-Klängen, wenn der Emigrant das Pariser Nachtleben erkundet. Sehr putzig wirken die Drag-Queens, die ihm Avancen machen. Die offene Darstellung von Nurejews Homosexualität war der Grund, warum das Skandalstück 2023 vom Spielplan des Bolschoi-Theaters genommen wurde.

Für ein westliches Publikum sind die Szenen, die den Tanzstar als offen queeren Künstler zeigen, alles andere als skandalös. Bei aller Deutlichkeit sind immer dezent, auch wenn Serebrennikov auf queere Ästhetiken anspielt. Ein Höhepunkt ist das spannungsreiche Duett, das Nurejew Beziehung zu Erik Bruhn beleuchtet. Der dänische Danseur noble war seine große Liebe. David Soares und der fulminante Martin ten Kortenaar fordern sich gegenseitig heraus, umwerben einander. Soares stoßt den Partner von sich, umarmt ihn dann innig. Das hat psychologische Tiefe und ist meisterhaft choreografiert.

Hinreißend ist auch der Pas de deux mit Iana Salenko, die Nurejews langjährige Partnerin Margot Fonteyn verkörpert. Der sensible Antony Tette leiht den Nurejew-Protégés Charles Jude und Laurent Hilaire seine Gestalt. Berührend sind die Briefe der Ballerinnen Natalia Makarova und Alla Osipenko. Letztere schrieb den Satz, der wie das Motto der Aufführung klingt: „Ein Land, das seine Helden nicht wertschätzt – das ist bitter.“

Nurejew wurde im Westen wie ein Popstar gefeiert. Im Stück wird etwa die Fotosession mit dem Fotografen Richard Avedon nachgespielt, bei der er die Hüllen fallen liess. Soares leiht Es zeigt Nurejew aber auch als egomanischen Ballettchef, als prunksüchtigen Sonnenkönig, als . . verletzlichen Pierrot Lunaire, umringt von Lederschwulen. Der von Aids Gezeichnete tanzt sich am Ende ins Delirium; mit dem Schattenakt aus „La Bayadère“ wird sein Tod angedeutet. Auch die Tänzer tragen Trauer.

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Das Stück erinnert daran, dass Nurejew den männlichen Tanz aufgewertet hat; Yuri Possokhov unterstreicht das in seiner ebenso fordenden wie feinfühligen Choreografie. Serebrennikov zeigt ihn aber auch als Rebellen und Kämpfer für künstlerische Freiheit.

Die bejubelte Aufführung ist ein Triumph für Serebrennikov und sein Team – und für das Ensemble des Staatsballetts. Fast zehn Jahre nach der Premiere in Moskau ist das Ballett von ungebrochener Aktualität. Die Mission aller war es, das Vermächtnis der queeren Tanzikone lebendig zu halten. Das ist gelungen, wie das Nurejew-Fieber in Berlin zeigt.