Ein Mann hält ein Messer in der Hand. (Themenbild)

AUDIO: Kriminologe Thomas Bliesener: Die Zahlen sind nicht aussagekräftig (1 Min)

Stand: 17.03.2026 11:43 Uhr

Der polizeilichen Kriminalstatistik Niedersachsens zufolge ist die Zahl der Messerangriffe gestiegen. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) warnt vor einer Überinterpretation der Zahlen.

Der Direktor des KFN, Thomas Bliesener, hält die Zahlen aus methodischen Gründen für nicht für sehr aussagekräftig. Die Zahl der Gewalttaten insgesamt gehe zurück, einen Anlass für große Ängste sieht er nicht.

Laut der am Montag vorgestellten Statistik des Innenministeriums ist die Zahl der Messerangriffe in Niedersachsen auf einen neuen Höchststand gestiegen. Herr Bliesener, wie schätzen Sie diese Zahlen ein?

Ein Portraitfoto von Thomas Bliesener, Direktor Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V.

Thomas Bliesener, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

Thomas Bliesener: 2020 hat die Polizei begonnen, Angriffe mit Messern getrennt auszuweisen, hat also eine neue Kategorie aufgemacht. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass solche Erfassung sich erst mal einrütteln muss. Da gibt es im Laufe der Zeit Nachjustierungen und die führen dann zu Veränderungen. Insofern wäre ich bei der Interpretation dieser Zahlen sehr vorsichtig.

Ich könnte mir vorstellen, dass viele schnell interpretieren: Es gibt Menschen, die kommen zu uns nach Deutschland und kommen aus Kulturkreisen, wo Messerkriminalität möglicherweise mehr verbreitet ist als bei uns. Dem würden Sie sich nicht anschließen?

Bliesener: Wir wissen, dass es in anderen Kulturen eine Nähe zu der Durchsetzung eigener Interessen gibt, also insbesondere der Ehre der Familie. Dass da auch eine größere Nähe vorliegt, dann diese Familienehre mit Gewalt zu sichern und dass dabei dann auch ein Messer eingesetzt werden kann, auch das ist bekannt. Das will ich gar nicht verhehlen. Gleichwohl müssen wir bei der Interpretation der Zahlen vorsichtig sein. Und wir sollten uns auch vor Übergeneralisierungen schützen oder dabei zurückhaltend sein, weil es natürlich auch deutsche Messer-Täter gibt und nicht alle Messerangriffe jetzt nur von Personen mit Zuwanderungshistorie begangen werden.

Heute hat die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens, SPD, angekündigt, dass man weitere Messerverbotszonen einführen will. Kann man denn solche Verbotszonen überhaupt kontrollieren? Da bräuchte man doch wahrscheinlich noch viel mehr Sicherheitspersonal, noch mehr Polizei?

Bliesener: Ja, das ist richtig. Das ist ein Stück weit Symbolpolitik. Man führt diese Verbotszonen ein, um dann auch in diesen Orten oder in diesen Regionen kontrollieren zu können. Ja, das ist auch ein Teil des Problems. Da, wo ich mehr kontrolliere, finde ich natürlich auch mehr Messer.

Haben Sie das Gefühl, dass wir überhaupt alle angesichts der schwierigen Lage allgemein, angesichts der weltweiten Kriege, Krisen, aber auch dem inneren Druck in Deutschland, egal, woher wir kommen, aggressiver geworden sind in den letzten Jahren?

Bliesener: Das wird vielfach behauptet aber ich kann dafür eigentlich keine passenden Daten liefern, die das bestätigen würden. Wir sehen ja, dass auch im Bereich der Körperverletzungsdelikte, bei der einfachen und auch bei der schweren gefährlichen Körperverletzung, die Zahlen zurückgehen. Gleichwohl haben wir im Bereich der verbalen Aggression, jetzt auch internetbasierten Aggression, also in den sozialen Medien, da stellen wir schon eine Verrohung der Umgangsformen fest. Aber das schlägt sich jetzt nicht in tatsächlicher Gewalt auf der Straße unbedingt nieder.

Einsatzkräfte von Bundespolizei und Ordnungsdienst gehen durch den Hauptbahnhof Hannover.

Niedersachsens Innenministerin hat die Kriminalitätsstatistik vorgestellt. Auch häusliche Gewalt bleibt ein Problem.

Trotzdem fühlen sich immer mehr Menschen nicht sicher auf den Straßen. Was können wir aus Ihrer Sicht dagegen tun?

Bliesener: Zunächst einmal natürlich Aufklärung. Es ist wichtig, eben auch solche Zahlen, die ja guter Grund zu einer Beruhigung sind, dann auch mitzuteilen und zu veröffentlichen und nicht immer nur davon zu berichten, dass alles immer schlimmer wird. Das ist nicht der Fall. Und man muss dann auch Personen, die eine große Furcht haben, von Kriminalität betroffen werden zu können, denen auch zuraten, sich nicht unbedingt in ein Vermeidungsverhalten zu begeben. Also abends nicht mehr rauszugehen oder auch tagsüber öffentliche Plätze zu meiden. Dann kann ich nicht lernen, dass es mir eigentlich dort gut geht, dass mir da nichts passiert, dass ich da nette Kontakte habe, freundliche Begegnungen habe, die dann diese Furcht vielleicht doch abbauen können.

Kommen wir aber noch zu einem anderen Punkt. Die häusliche Gewalt hat auch zugenommen. Es gibt auch mehr Vergewaltigungen bei uns, in Bremen und Niedersachsen. Worauf führen Sie das zurück?

Bliesener: Ein Teil dieses Anstiegs mag dadurch zustande kommen, dass viel mehr Personen bereit sind, sich auch an die Polizei zu wenden. Wir dürfen nicht vergessen: Die polizeiliche Kriminalstatistik ist eine Statistik der Polizei über die ihr bekannt gewordenen Fälle. Etwa neun von zehn Straftaten werden durch Zeugen, durch Opfer oder Dritte der Polizei zur Anzeige gebracht. Wenn niemand eine Straftat anzeigt, dann kann die Polizei nur das registrieren, was sie selbst durch eigene Kontrollen erfährt. Wir wissen aber, dass durch öffentliche Diskussion von bestimmten Kriminalitätsphänomenen die Bereitschaft in der Bevölkerung steigt, wenn sie dann einen Vorfall erleben, beobachten oder selbst davon betroffen sind, ihn auch zur Anzeige zu bringen. Insofern ist das immer so ein selbstverstärkender Prozess, wenn etwas intensiv diskutiert wird, wie zum Beispiel häusliche Gewalt in den letzten Jahren im Zuge der MeToo-Debatte, jetzt auch mit den Epstein-Files, und das umfänglich diskutiert wird, dann motiviert das Betroffene, das zur Anzeige zu bringen.

Das Interview führte Andreas Kuhnt.

Ein Beschäftigter am Steintor spricht in die Kamera.

Die meisten Gewaltdelikte in Hannover passieren unter anderem hier. Partygäste, Kioskbesitzer und Türsteher berichten.

Eine Demonstrantin hält ein Schild mit der Aufschrift "Töchter für ein buntes Stadtbild" hoch.

Kriminalwissenschaftlerin Susanne Beck plädiert im Interview mit NDR Niedersachsen für eine Rückkehr zu einer sachlichen Debatte.

Auf dem Bildschirm eines Smartphones sieht man die Hashtags Hass und Hetze in einem Twitter-Post.

Die zuständige Behörde in Niedersachsen sieht als Grund unter anderem eine zunehmende Verrohung des Sprachgebrauchs im Netz.

Ein Polizist zählt 50er-Geldscheine, auf einem Tisch liegen Utensilien aus Durchsuchungen.

Die Bundespolizei hat am Wochenende Hunderte Personen kontrolliert, unter anderem in Hannover, Bremen und Hamburg.