Historische Zäsur in München: Der grüne Bürgermeisterkandidat Dominik Krause hat die Stichwahl in der bayerischen Landeshauptstadt gewonnen. Nach dem vorläufigen Endergebnis holte Krause 56,4 Prozent der Stimmen. Er löst damit Dieter Reiter von der SPD ab, der seit 2014 im Amt war. In der Münchener Muffathalle brandete bei der Wahlparty der Grünen Jubel auf. „Es ist wirklich irre, man hat gemerkt, dass in der Stadt ein Aufbruch war. Es ist der Wahnsinn, dass die Münchener genau so abgestimmt haben“, sagte Dominik Krause. „Die Rückmeldung in den letzten Wochen war fantastisch.“ Die Amtszeit beginne am 11. Mai, „wir müssen dann den Aufbruchsgedanken in die Stadt bringen.“ Ab Tag eins will sich Krause vor allem der Wohnungsnot widmen.
Enttäuschung dagegen bei den Sozialdemokraten. „Ein bitterer Abend für mich heute“, sagte Dieter Reiter. „Ich habe es verbockt“, sagte er. „Das ist heute der letzte Tag meiner politischen Karriere.“ Das Wahlergebnis wird absehbar ein historischer Einschnitt für die SPD. „Sehr bedauerlich, das Problem ist hausgemacht“, sagte SPD-Landesvorsitzender Sebastian Rohloff. Seit 1948 war fast immer ein Sozialdemokrat Münchner Oberbürgermeister – mit Ausnahme der Jahre 1978 bis 1984, als CSU-Mann Erich Kiesl den Posten innehatte.
Zwei Wochen nach der ersten Runde der Kommunalwahl in Bayern fanden am Sonntag zahlreiche Stichwahlen im Freistaat statt. In vielen Landkreisen, Städten und Gemeinden konnten die Bürger Landräte, Oberbürgermeister und Bürgermeister aus noch verbliebenen zwei Kandidaten wählen. Insgesamt wurden noch etwa 300 Posten per Stichwahl vergeben.

Niedrige Wahlbeteiligung bei Stichwahlen in Bayern
Das schöne Wetter in Bayern hielt allerdings offensichtlich viele Leute davon ab, ihre Stimme abzugeben. In den drei größten bayerischen Städten blieb die Wahlbeteiligung auch am Nachmittag auf vergleichsweise niedrigem Niveau. So meldete in München das Kreisverwaltungsreferat Stand 17.30 Uhr eine Wahlbeteiligung von 42,9 Prozent inklusive Briefwählern, 5.1 Prozent weniger als vor zwei Wochen.

Gibt seine Niederlage zu: Dieter Reiter (SPD), Oberbürgermeister von München.
© Karl-Josef Hildenbrand/dpa | Karl-Josef Hildenbrand
Die Wiederwahl des seit zwölf Jahren amtierenden Reiter schien hier eigentlich sicher. Doch kurz vor der ersten Wahlrunde geriet er wegen geheim gehaltener Einnahmen als Funktionär beim FC Bayern München und der Benutzung des N-Worts in einer Stadtratssitzung so massiv in die Kritik, dass die Wähler sich in Scharen abwandten. Am Ende kam er in der ersten Runde auf nur 35,6 Prozent, Krause auf 29,4 Prozent.
Der 67-jährige Reiter versuchte bis zur Stichwahl, das verheerende öffentliche Bild zu korrigieren, das er kurz vor der Kommunalwahl abgegeben hatte. Seine Ämter beim FC Bayern München gab er auf. Die insgesamt kassierten 90.000 Euro an Zuwendungen des FC Bayern will er zurückzahlen. Doch die Wähler konnte er offenbar nicht umstimmen.
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Krause setzt auf Cannabislegalisierung im Rennen ums Rathaus
Krause dagegen tat alles, um die Anti-Reiter-Stimmung aufzugreifen. Der 35-jährige gebürtige Münchner ist bereits seit 2023 Zweiter Bürgermeister in München. Er ist studierter Physiker, mit seinem Freund verlobt und sitzt seit zwölf Jahren im Stadtrat. Dass er in der Lage ist, Schlagzeilen zu produzieren, zeigte Krause schon 2023. Damals bezeichnete er München als die „Stadt mit der weltweit größten offenen Drogenszene, nämlich dem Oktoberfest“, und warb so für eine Cannabislegalisierung.
Schlappen für die CSU
Ansonsten gab es diverse Schlappen für die CSU: Während sich in Nürnberg Amtsinhaber Marcus König (CSU) noch gegen SPD-Herausforderer Nasser Ahmed mit 55,5 Prozent durchsetzen konnte, gewann in der drittgrößten bayerischen Stadt Augsburg SPD-Kandidat Florian Freund mit 56,6 Prozent überraschend gegen Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU).
Schlappe auch in Schweinfurt: Die SPD hat mit ihrem Oberbürgermeister-Kandidaten Ralf Hofmann das Rathaus nach mehr als 30 Jahren zurückerobert. Damit wird die derzeit arg gebeutelte Industriestadt im Norden Bayerns erstmals seit 1992 wieder von einem Sozialdemokraten regiert. Hofmann kam laut vorläufigem Endergebnis bei der Stichwahl auf 67,7 Prozent der Stimmen. Oliver Schulte von der CSU konnte nur 32,3 Prozent auf sich vereinen.
In Rosenheim hat die CSU nach mehr als 60 Jahren den Oberbürgermeister-Posten verloren. SPD-Kandidat Erdogan Abuzar gewann die Stichwahl um den Chefsessel im Rathaus gegen Amtsinhaber Andreas März (CSU). Der Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion überzeugte laut dem vorläufigen Ergebnis zufolge 53,4 Prozent der Wähler. März erzielte 46,6 Prozent. Die CSU stellte nach Angaben des Stadtarchivs seit 1961 durchgehend den Oberbürgermeister.
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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CSU-Generalsekretär Martin Huber hat den Stichwahlabend der bayerischen Kommunalwahl „durchaus etwas durchwachsen“ genannt. Er resümierte für seine Partei: „Wir haben schöne Erfolge, aber auch schmerzhafte Verluste.“ Gerade bei Stichwahlen verbündeten sich häufig alle anderen Parteien gegen die CSU.
mit dpa/AFP