Mal ganz ehrlich: Mehr als „träum‘ mit mir diesen Traum“ dürfte sich Dominik Krause vor ein paar Wochen nicht davon versprochen haben, wenn es um seine Chancen auf den Chefposten im Münchner Rathaus ging. Am Sonntagabend, kurz nach 18 Uhr, hörte man in München aber immer wieder, „ein Gefühl liegt im Wind“, bevor es nicht nur „ein bisschen Glück“ war, das Krause gefunden hatte. Als erster Grüner, offen schwuler und jüngster Amtsinhaber in der Geschichte der Stadt wird der 35-Jährige Oberbürgermeister Münchens. Und die Musik wird mit der Geschichte des Abends eng verbunden bleiben.

Lieder und Politik, das hat eine Vergangenheit. Zum Beispiel als 2013 die CDU bei ihrer Wahlparty „Tage wie diese“ spielte und damit nebenher die Toten Hosen endgültig aus dem Kreise der Punker verstieß. Oder im Wahlkampf 2025, als erst die Union und dann die Grünen Ärger mit Herbert Grönemeyer bekamen, weil sie „Zeit, dass sich was dreht“ nutzten. In München sind es hingegen zwei verfeindete Fanlager, die sich immer wieder um die Farben der Stadt streiten. Weder blau noch rot, sondern grün, scheint seit Sonntagabend festzustehen. Doch weit gefehlt: Blau soll es wieder sein, sagt der neue Oberbürgermeister gleich musikalisch. „Bella Napoli“ schallte bei seinem Triumphmarsch aus den Boxen.

FC-Bayern-Nebeneinkünfte bringen Dieter Reiter in Bedrängnis

Nicht politisch, versteht sich freilich, bekommt die AfD doch nur fünf der 80 Sitze im neuen Stadtrat. Aber um Politik ging es bei dieser Wahl ja auch nie. Dass seit Jahren die Preise in der Stadt ins Astronomische steigen, Wohnraum kaum noch bezahlbar ist und es von Baustellen nur so wimmelt, wurde Noch-Amtsinhaber Dieter Reiter nicht gefährlich. Tatsächlich ging es immer nur um Fußball. Reiter dürfte letztlich darüber gestolpert sein, dass er sich seine üppigen Nebeneinkünfte als Aufsichtsratsmitglied des FC Bayern – ausgerechnet der Roten also – nicht vom Stadtrat genehmigen ließ. Verlieren, das kannte er als Roter einfach nicht mehr und unterschätzte die Gefahr. Wieder einmal waren es übrigens unerwartet die Augsburger, die die Roten zu Fall brachten.

So wie im Januar, als der FC Augsburg den Bayern ihre bislang einzige Bundesliga-Niederlage zufügte, war es nun ausgerechnet die Augsburger Band Roy Bianco und die Abbrunzati Boys, die mit ihrer Musik im entscheidenden Moment an Krauses Seite waren – zumindest akustisch vom Band – und „meine Stadt liegt im blau“ sangen. Für die Unterlegenen umso schmerzhafter, weil die Verbindung von Musik und Moment tatsächlich nicht zu leugnen ist.

Italo-Schlager in der Stadt, die sich für die nördlichste Italiens hält, ein ungewöhnliches junges Schlager-Publikum für den Mann, der sich von seinen Gegenkandidaten auch durch seine Jugend abhob. Und ein Text, der eine Fülle von allzu gewollt passenden Zitaten für Texte liefert, die Partymusik mit schwerer Bedeutung für eine politische Betrachtung auflädt. Denn eine Analyse würde sicher zu kurz greifen: Dass man in München zu „Bella Napoli“ vor allem deshalb feiert, weil es im vergangenen Herbst der Wiesn-Hit schlechthin war, den kaum noch jemand nicht mitgrölen kann. Das wäre dann doch zu einfach.

  • Christof Paulus

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