In Berlin hat man sich an den Gedanken gewöhnt, keinen Bürgermeister zu haben. Zumindest niemanden, der dieser Bezeichnung gerecht würde. Es gibt einen Regierenden, der regiert. Aber reicht das? Wann gingen von dem Mann oder der Frau im Roten Rathaus überhaupt zuletzt Impulse für die Zukunft aus?
Das letzte Leitbild stammt von Klaus Wowereit, als er Berlin „arm, aber sexy“ aussehen ließ. War nicht toll. Hat aber funktioniert.
In New York, Paris und München sind zuletzt Personen an die Spitze von Millionenstädten gewählt worden, die man vorher kaum kannte. Der New Yorker Zohran Mamdani, 34, gilt als linker Demokrat. Dominik Krause, der Aufsteiger und Wahlsieger in München, ist 35 und eher links-grün. Und in Paris hat sich ein enger Mitarbeiter der grün-sozialistischen Bürgermeisterin Anne Hidalgo durchgesetzt. Emmanuel Grégiore, mit 48 nicht eben jung, fuhr mit dem Leihfahrrad zur Siegesfeier.
Großstädte werden immer jünger
Früher wären solche Kandidaten wohlwollend betrachtet, aber aussortiert worden. Erfahrung wog mehr als jugendlicher Eifer. Das ist heute anders. Wer links oder grün oder beides ist und was reißen will, hat reelle Chancen. Das zeigt, wie dynamisch Großstädte sein wollen.

Kai Müller Seit 1998 war Kai Müller zunächst im Kultur-Ressort tätig und für Pop- und Berlin-Kultur mit zuständig. Er wechselte zur Dritten Seite und später als Reporter ins Story-Ressort. 2013 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis. Er ist regelmäßiger Gast im „musikalischen Quartett“ (Soundcheck) auf Radioeins. Neben Reportagen, Porträts und Berichten schreibt er politische Essays und Rezensionen.
Denn Großstädte werden immer jünger. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung New Yorks beträgt 38 Jahre, in Paris liegt es bei 39, in München bei 30,7 und damit weit unter dem Durchschnitt der jeweiligen Länder. Die bayerische Hauptstadt hat zudem die höchste Bevölkerungsdichte in Deutschland. Das sind Rahmenbedingungen für eine Produktivität, die sich in hoher Kaufkraft, viel Kultur und starken Universitäten ausdrückt.
Der US-Ökonom Edward Gleaser hält Städte für „die größte Erfindung der Menschheit“. Mit wachsender Bevölkerungsdichte, so sein Argument, erhöhe sich auch die Produktivität, und zwar schlicht deshalb, weil Menschen besser voneinander lernen. Junge Menschen suchen das, weshalb ihnen – aber nicht nur ihnen – Städte nicht genügen, die nur verwaltet werden.
Dass 56 Prozent der Berliner Bevölkerung jünger als 45 sind, macht allerdings auch die wachsende Kluft zwischen Stadt und Land deutlich. Während große Städte zu Orten werden, an denen zu viele Menschen leben, wird das Land zu wenige Menschen haben. Beides ist mit manifesten Versorgungsproblemen verbunden. Und für beides müssen Lösungen her.
Stadtgesellschaften neigen teils zu radikalen Lösungen
Auch Berlin bietet von allem mehr: Karriere, Chancen an sozialem Austausch, Kultur, Geld. Die Abdeckung durch medizinische Einrichtungen ist größer und besser, Schulen und Kitas sind einfacher zu erreichen. Man kann sich entscheiden, das Fahrrad, das Auto, ÖPNV oder ein anderes Verkehrsmittel zu nehmen. Denn Städte sind vor allem Orte, an denen man die Wahl hat.
Wenn Möglichkeiten jedoch eingeschränkt werden und man das Gefühl hat, dass eine Stadt nicht mal mehr die Basics geregelt bekommt, tendieren Stadtgesellschaften zu radikalen Lösungen. Denn dafür, bloß verwaltet zu werden, sind die Kosten und persönlichen Mühen, unter zu vielen Menschen zu leben, zu hoch.
Mag die romantische Sehnsucht nach einer Führungsfigur auch zuweilen in die Irre führen, Gleaser berührt einen wichtigen Punkt, wenn er mit Blick auf die Bürgereister von Chicago in einem Interview sagt: „Wenn man die machtvollen Kräfte des NIMBYismus (Nicht in meinem Garten) überwinden will, die für entwickelte Städte normal sind, braucht man jemanden, der eine große Breite an Interessen vertritt und versteht, dass Nachbarschaften nicht das Wichtigste sind, sondern welche Auswirkungen Siedlungsprojekte auf die ganze Stadt haben.“
Das grüne Wunder von München Was können die Berliner Grünen lernen? Mit dem Fahrrad ins Rathaus Wer ist der Mann, der Paris jetzt regiert? Porträt Linker Favorit für New Yorks Rathaus: Das ist Zohran Mamdani
Ist dergleichen von Kai Wegner (CDU) zu erwarten? Brodelt es unter der Oberfläche Berlins so stark, dass hier womöglich der nächste Verwalter aus dem Amt gejagt wird, weil eine Stadt dynamischer sein will als das politische Personal?
Unter den Herausforderern des regierenden 53-jährigen Wegner findet sich (noch) kein Wunderkind. SPD-Mann Steffen Krach, Elif Eralp von der Linken sowie der Grüne Werner Graf sind mit Mitte, Ende vierzig zwar jünger als Wegner, aber zu alt für eine Stadt, deren Durchschnittsalter 41,4 Jahre beträgt. Es sind die Jungen unter 30 Jahren, die 37 Prozent der Bevölkerung stellen und sich Hoffnungen auf eine lebenswerte Zukunft in Berlin machen, während ältere versteinert am Bestand festhalten.