Seit dem Beginn des Iran-Kriegs ist die Ukraine ein Stück weit aus den Schlagzeilen verdrängt worden. Daher fand ein militärischer Erfolg der Verteidigungsarmee wenig Beachtung: Im Februar eroberten Kiews Soldaten mehr Land zurück, als sie andernorts verloren – zum ersten Mal seit 2023. Doch die russischen Invasoren sind damit keinesfalls gestoppt.
Was Moskaus Ziele für 2026 angeht, prognostizierte Militärexperte Gustav Gressel die Gefahr einer Einkesselung des sogenannten „Festungsgürtels“ im Osten. Gemeint sind vier gut verteidigte Städte im bisher nicht eroberten Teil der Region Donezk (siehe Karte). Wenn Russland sie einnehmen würde, wäre der größte Schritt zur Eroberung des Industriegebietes Donbas getan. Dann wäre zumindest eines der Kriegsziele erfüllt.
Die Experten des US-Instituts für Kriegsstudien (ISW) stellen dazu in einem aktuellen Bericht fest: „Die russischen Streitkräfte haben vermutlich ihre für Frühjahr/Sommer 2026 angekündigte Offensive gegen den ukrainischen Festungsgürtel begonnen“. Demnach haben die Russen ihre Bodenoperationen im Norden des „Festungsgürtels“ verstärkt, in Richtung der Stadt Slowjansk.
Einkesselung vom Norden aus
Bemerkenswert sei in diesem Zusammenhang ein Angriff vom 19. März in auffälliger Zusammensetzung. 500 Fußsoldaten wurden offenbar von dutzenden gepanzerten Fahrzeugen sowie mehr als 100 Motorrädern, Buggys und Geländefahrzeugen begleitet. Dieser Vorstoß sei „deutlich größer“ als die meisten anderen, vergleichbaren Attacken der vergangenen Monate. Generell war zuletzt festzustellen, dass die russische Armee mit relativ wenigen schweren Fahrzeugen angriff. Vermutlich, um sie für die nun beginnende Offensive zurückzuhalten.
Das ISW verweist auf Angaben einer in der Region aktiven ukrainischen Brigade. Demzufolge griffen die Russen im Norden des „Festungsgürtels“ insbesondere mit einer hohen Zahl Soldaten und schwerem Gerät an. Auch die Anzahl von Gleitbomben sei demnach erhöht worden. Das ISW stellt fest: Die Luftangriffe sollen wahrscheinlich die ukrainischen Verteidigungsmöglichkeiten im Vorfeld von Bodenoperationen schwächen.
Einkesselung vom Süden aus
Für eine Einkesselung des „Festungsgürtels“ sind auch russische Vorstöße aus südlicher Richtung – auf die Stadt Kostjantyniwka zu – notwendig. Dafür sieht das ISW ebenfalls erste Anzeichen. Die ukrainische Armee beobachtet demnach die Verlegung von Soldaten sowie schwerem Gerät und eine zunehmende Zahl von Attacken mit Drohnen und Artillerie.
Wie weit wird Russland in diesem Jahr mit der Einkesselung des „Festungsgürtels“ kommen? Das ISW hält eine Einnahme der Städte für unwahrscheinlich und geht stattdessen von „einigen taktischen Erfolgen unter erheblichen Verlusten“ aus.
Zu diesen Verlusten dürfte auch das offenbar miserable Training der russischen Soldaten beitragen. Laut ukrainischer Angabe hat Russland die Grundausbildung seiner für Bodenangriffe vorgesehenen Truppen verkürzt – von einem Monat auf eine Woche. Das geschah vermutlich, um den Einsatz neuer Rekruten an der Front zu beschleunigen und so die hohen Verluste bei Angriffen auszugleichen, schreibt das ISW.
Ukrainische Gegenangriffe erschweren russisches Ziel
Der russische Vormarsch wird nicht allein von den eigenen, schlecht ausgebildeten Männern behindert. Auch die ukrainische Armee trägt ihren Teil dazu bei. Dazu zählen dem ISW zufolge Angriffe auf russische Mehrfachraketenwerfer im Norden des „Festungsgürtels“, Luftattacken ungefähr hundert Kilometer hinter der Frontlinie zur Schwächung des Nachschubs – und ukrainische Gegenangriffe am südlichen Teil der Front.
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Genau dort also, wo die Ukraine zuletzt Land zurückerobern konnte. Wobei es offenbar weniger um Gebietsgewinne ging. Das Ziel dürfte sein, die russische Armee vom Angriff auf den „Festungsgürtel“ abzulenken.