
Für beide Parteien ein Gewinn: Die Doktorandin Kardelen Gökçedağ wohnt in Leipzig bei der Rentnerin Dorothea Stier.
Foto: Martin Reischke
Ein Einfamilienhaus am südöstlichen Rand von Leipzig, der Wohnzimmertisch ist gedeckt. Es gibt Kaffee, Tee und selbstgemachten Apfelsaft. Am Tisch sitzen Kardelen Gökçedağ, langes, dunkles Haar, offener Blick, und Dorothea Stier, eine schlanke Frau, der man ihre 75 Jahre nicht ansieht. Vor mehr als 30 Jahren ist sie mit ihrem Mann und den drei Kindern hierhergezogen. Sie blättert in einem alten Fotoalbum: »Das Haus ist handgestrickt, das ist immer gewachsen«, erzählt die Rentnerin. »Wir haben die Türen eingebaut, wir haben die Fenster eingebaut, wir haben fast alles selbst gemacht.« Doch die Kinder sind längst fort, ihr Mann vor einigen Jahren gestorben. »Ich bin kein Mensch fürs Alleinsein«, sagt Stier. »Es ist schöner, wenn man nach Hause kommt, und es ist jemand da.«
Kardelen Gökçedağ hat gerade ihr Studium in Budapest beendet. Nun will die Türkin in Leipzig promovieren. Die Zusage von der Uni für ihre Doktorandinnenstelle in Kommunikations- und Medienwissenschaften hat sie schon. Jetzt braucht sie nur noch eine Wohnung. Also schreibt sie der Hochschule. »Ich habe mir die Optionen angeguckt, aber die waren alle zu teuer«, erzählt die 33-Jährige. »Deswegen habe ich noch mal gefragt, was ich machen sollte.«
So erfährt sie vom »RaumTeiler«-Projekt des Studentenwerks: Leipziger*innen teilen ihre Wohnung oder ihr Haus mit Studierenden gegen eine günstige Miete oder Hilfe im Alltag. Zuerst muss Gökçedağ Fragen beantworten zu ihren Interessen und Vorlieben: Welche Fremdsprachen spricht sie? Hat sie selbst Haustiere? Ist es für sie ok, wenn die andere Seite ein Haustier hat? Und: Welche Hilfeleistungen würde sie übernehmen?
Das Projekt ist bitter nötig: Erst am Montag veröffentlichte das Moses Mendelssohn Institut aktuelle Zahlen, denen zufolge die Mieten für WG-Zimmer erneut gestiegen sind. 83 Prozent der Studierenden leben in Universitätsstädten, in denen die Mieten über der Bafög-Wohnkostenpauschale von 380 Euro liegen. Zu Beginn des Sommersemesters lag die Miete für ein WG-Zimmer demnach im Bundesdurchschnitt bei 512 Euro monatlich, ein Plus von knapp vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Vielerorts ist sie noch weit höher.
Kardelen Gökçedağ hat Glück: Sie bekommt den Kontakt zu Dorothea Stier. Die beiden Frauen tauschen sich per Mail aus, um sich kennenzulernen und Details zu klären. Schließlich kommt Gökçedağ im Frühjahr 2025 nach Leipzig. Ihre Mutter begleitet sie. Doch zuerst geht alles schief – Stier steht am Bahnhof, aber der Zug hat Verspätung. Schließlich fahren Gökçedağ und ihre Mutter mit dem Taxi zum Haus von Stier, wo die Rentnerin schon aufgeregt wartet.
Zu Beginn des Sommersemesters lag die Miete für ein WG-Zimmer im Bundesdurchschnitt bei 512 Euro monatlich – ein Plus von knapp vier Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Jetzt können sie darüber lachen. Am Anfang muss Gökçedağ erst einmal Deutsch lernen. Zunächst verständigen sich die Frauen vor allem mit Übersetzungsprogrammen, manchmal hilft auch eine Nachbarin, die Englisch spricht. Heute reden Stier und Gökçedağ Deutsch miteinander.
Die Frau, ohne die Stier und Gökçedağ sich wohl nie begegnet wären, heißt Celina Bohmann. Sie arbeitet für das Studentenwerk Leipzig und hat das Projekt »RaumTeiler« aufgebaut. Es gab Zeiten, da herrschte viel Leerstand in Leipzig, doch die sind in der größten Stadt Sachsens lange vorbei. »Das Thema steigende Mieten ist in den vergangenen fünf Jahren für die Studentinnen und Studenten immer wichtiger geworden«, sagt Bohmann. »Auch die Wartezeiten für Plätze in den Wohnheimen des Studentenwerks sind oft sehr lang.«
Inzwischen haben Studentenwerke in mehreren Bundesländern das Modell »Wohnen für Hilfe« etabliert, über das Studierende bei Privatleuten – vor allem Familien, Alleinstehenden und älteren Menschen – unterkommen. Im Gegenzug leisten sie abhängig von der Zimmergröße eine bestimmte Stundenanzahl an Unterstützung im Alltag – etwa Hilfe beim Einkauf, im Garten oder bei Arztbesuchen. In Leipzig hätten sie das Konzept etwas angepasst, erzählt Bohmann, »so dass man sowohl gegen eine günstige Miete als auch gegen Unterstützung kurz- oder längerfristig zusammenwohnen kann«. Vielen Studierenden hilft das Modell auch als Übergangslösung, bis sie eine WG oder eine bezahlbare Wohnung gefunden haben.
Mittlerweile hat Bohmann schon 29 »Wohnpaare« vermittelt. Am Anfang steht immer ein Hausbesuch bei den Wohnraumgebern. »Da schaue ich mir dann an, ob das Zimmer in Ordnung ist und bespreche die rechtlichen Rahmenbedingungen«, sagt Bohmann – etwa, dass die Erlaubnis zur Untervermietung an die Studentinnen und Studenten von der Hausverwaltung oder dem Vermieter bestätigt werden muss, wenn der Wohnraumgeber selbst in einer Mietwohnung lebt.
Manche Interessenten muss Bohmann auch ablehnen – zum Beispiel, wenn die Wohnung nicht den Hygienestandards des Studentenwerks entspricht oder wenn von den Studierenden Pflegeaufgaben erwartet werden, da diese grundsätzlich ausgeschlossen sind. »Auch wenn sich ein älterer Herr explizit eine junge Studentin als Mitbewohnerin wünschen würde und sich nicht von diesem Gedanken abbringen ließe, wäre er für das Projekt nicht der Richtige«, sagt Bohmann. Mit Dorothea Stier dagegen ist sie sich schnell einig geworden.
Zurück zum Einfamilienhaus im Südosten von Leipzig. Draußen scheint die Wintersonne, Kardelen Gökçedağ und Dorothea Stier gehen raus in den großen Garten mit den vielen Obstbäumen. Viele Äpfel, Birnen und Pflaumen hätten sie im vergangenen Jahr geerntet, erzählt Stier. Gökçedağ gelangt durch einen separaten Eingang in ihr Zimmer: ein paar Stufen hinab, vorbei an einer Vorratskammer mit Konserven und einem Trockenraum gelangt man zu ihrem Zimmer, das rund 15 Quadratmeter groß ist: ein Kleiderschrank, ein großes Bett, ein Bücherregal, am Fenster ein gemütlicher Sessel. Auf dem Regal steht ein Minetta-Radio aus DDR-Zeiten, auch die Möbel sind in die Jahre gekommen. »Manchen alten Kram von mir muss sie halt erdulden«, sagt Stier und lacht. Nur den Flachbildfernseher gegenüber vom Bett hat Gökçedağ mitgebracht.
300 Euro Miete zahlt die Doktorandin pro Monat – und damit deutlich weniger als für die meisten WG-Zimmer in Leizpig. Neben dem Zimmer gibt es Dusche und Toilette, außerdem eine kleine Küche. Aber lieber kocht sie eine Etage höher, in der hellen Küche neben dem Wohnzimmer. »Das ist mein Lieblingsplatz«, sagt Gökçedağ und weist mit der Hand auf den Tisch mit der Bank und den Holzstühlen: »Der Blick ist sehr schön, besonders wenn es Schnee gibt.« Am Wochenende sitzen die beiden hier, trinken Kaffee, essen zusammen – oder spielen mit Stiers Enkeln Malefiz auf einem selbst gebastelten Spielbrett. Sie sind auch schon zusammen weggefahren, waren auf einem Festival im benachbarten Leipziger Ortsteil Liebertwolkwitz.
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Wenn Gökçedağ Besuch mitbringt, sprechen sich die Frauen ab. »Es ist wunderschön, jemanden im Haus zu haben«, sagt Stier. »Es knackt oft im Gebälk. Und als ich allein war, war das für mich ganz schlimm. Ich bin dann nachts aufgestanden, habe gehorcht und geguckt. Das ist jetzt viel besser, weil ich weiß, dass ich nicht alleine bin.« Auch Gökçedağ ist zufrieden: »Es ist gut, wenn ich nach Hause komme, die Lichter sehe und weiß, dass jemand zu Hause ist«, sagt sie.
In der Woche fährt die Doktorandin jeden Morgen eine halbe Stunde in die Stadt. Abends auf dem Rückweg muss sie für die letzten Kilometer einen Rufbus nehmen. Dass sie am Stadtrand wohnt, weit weg vom Zentrum, vor dem Haus nur noch das Feld, stört sie nicht: »Mit fünf oder sechs Leuten eine WG zu teilen, ist nicht mein Ding«, sagt die ruhige Frau. »Hier habe ich meine Privatsphäre.«
Gökçedağ hat einen unbefristeten Mietvertrag – und will bleiben, bis die Doktorarbeit fertig ist. Hilfe im Alltag braucht Dorothea Stier noch keine. Aber das Wissen um die Anwesenheit der jungen Mitbewohnerin gibt ihr Sicherheit. »Ich gucke nach ihr, wenn ich denke, es geht ihr nicht gut – und sie guckt nach mir, wenn sie denkt, dass es mir nicht gut geht«, sagt Stier. »Im Moment bin ich froh, dass ich alles noch gut kann, aber wenn Kardelen drei Jahre hier bleibt, weiß ich nicht, wie ich mich entwickele. Wenn man älter ist, dann ist das ja doch alles ein bisschen fraglich.«
Aber statt voll Sorge in die Zukunft zu schauen, freut sich die Rentnerin über die vielen neuen Eindrücke und Erlebnisse, die ihr das Zusammenleben mit der jungen Frau beschert. Sogar Silvester haben sie gemeinsam gefeiert. Eines von Stiers Kindern war mit den Enkeln zu Besuch, und Gökçedağs Mutter, die auch angereist war, hat für alle gekocht. Noch heute stehen die Gewürze aus der Türkei im Küchenschrank in Leipzig: Paprika und Minze. Dorothea Stier denkt gerne an diesen Abend zurück: »Man lernt da so vieles Neues kennen. Das finde ich toll.«