Es lief die 83. Minute in der ausverkauften WWK-Arena, als sich alles, was an diesem schmerzhaften Abend für den FC Augsburg schiefgelaufen war, in einer Szene verdichtete. 2:4 lag der FCA nach einer grauenvollen ersten Halbzeit gegen den VfB Stuttgart zurück, als sich die Gäste mit einem einfachen Einwurf ihrem fünften Tor näherten.
Ex-FCA-Stürmer Ermedin Demirovic erzielt den fünften Stuttgarter Treffer
Ramon Hendriks nahm an der Mittellinie den Ball, warf ihn in Richtung des eingewechselten Ermedin Demirovic. Keven Schlotterbeck kümmerte sich um den Ex-FCA-Stürmer. Der Ball flog über den FCA-Innenverteidiger, der drehte sich, der Ball fiel auf Schlotterbecks Kopf und von dort auch noch über den heranstürmenden Cedric Zesiger. Deniz Undav nahm das Geschenk dankend an, bediente dann Demirovic, der unhaltbar für FCA-Torhüter Finn Dahmen zum finalen 5:2 für den VfB einschob.
Es hatte schon slapstickartige Züge, wie leicht es der FCA an diesem Abend dem VfB Stuttgart machte, um seine fünf Tore zu erzielen. Stuttgarts Doppelpacker Deniz Undav und dessen Offensiv-Kollegen müssen überrascht gewesen sein, wie wenig Gegenwehr die Augsburger teilweise zeigten.
Keven Schlotterbeck: „Fünfe Gegentore sind ein Brett“
„Fünf Gegentore sind ein Brett. So gewinnst du kein Bundesligaspiel“, sagte Innenverteidiger Keven Schlotterbeck. Unter Baum hatte sich die Defensivzentrale zu einem stabilen Bollwerk entwickelt. Das blieb sie auch nach den langwierigen Verletzungen von Chrislain Matsima und Jeffrey Gouweleeuw. Das Quartett Arthur Chaves, Noahkai Banks, Cedric Zesiger und eben Kapitän Schlotterbeck, egal in welcher Kombination, schien stabil. Doch in Leipzig und dann auch in Dortmund zeigten sich erste Haarrisse, die sich gegen Stuttgart zu richtigen Löcher ausweiteten.
„Wir waren heute nicht eng genug, haben die Tiefenläufe nicht gut aufgenommen“, begann Schlotterbeck mit der Fehleranalyse direkt bei sich und seinen Kollegen. „Wir haben einfach zu viel zugelassen. Da müssen wir mit dem Finger darauf zeigen. Ich bin der Erste, der seine Fehler eingesteht.“
Doch alle Schuld wollte der 28-jährige Abwehrchef, der sich den Journalisten gleich nach Schlusspfiff stellte, dann aber auch nicht auf sich und die Defensive aufladen. „Wir sind in Konter reingelaufen. Natürlich brauchst du da einen Mann in der Box, aber auch eine gute Restverteidigung, um das zu unterbinden.“ Das beginnt schon weit vor dem eigenen Strafraum. Schlotterbeck zählte weiter auf: „Du musst Fouls machen, du musst die Konterangriffe unterbinden.“
Das gelang dem FCA am Sonntagabend gar nicht. Und plötzlich tauchen wieder dunkle Wolken am FCA-Horizont auf, stehen erneut Themen im Mittelpunkt wie Naivität und Sorglosigkeit. Worte, die man nach der Wagner-Ära geglaubt hatte, abgelegt zu haben. Die Bundesliga ist aber ein schnelllebiges und vor allem unbarmherziges Geschäft.
FCA war unter Trainer Manuel Baum zu Hause ungeschlagen
Schließlich galt der FCA bis dahin als Heimmacht. Augsburg hatte nach der Rückkehr von Manuel Baum als Bundesliga-Trainer keines der sieben Heimspiele verloren (vier Siege, drei Remis). Insgesamt war der FCA sogar seit acht Heimspielen ungeschlagen (fünf Siege, drei Remis). Bis Sonntag.
Nach einem Zwischenhoch in der Rückrunde, das den FCA in Reichweite der internationalen Startplätze brachte, hat sich der Trend komplett gedreht. Die erste Heimniederlage unter Trainer Manuel Baum war ein schriller Weckruf.
Den hat auch Schlotterbeck nicht überhört: „Ich habe vor ein paar Wochen schon gesagt: Es ist noch nicht vorbei. Wir brauchen noch Punkte für den Klassenerhalt. Der erste Blick muss beim FC Augsburg immer nach unten gehen. Es hilft nichts, außer Punkte zu holen und den Klassenerhalt aus eigener Kraft zu schaffen.“
Sieben Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz wirken noch beruhigend. Trotzdem muss sich beim FCA dringend wieder etwas ändern. Die Spiele gegen die Top-Teams Leipzig (1:2), Dortmund (0:2) und Stuttgart (2:5) haben gezeigt: nur wenn die FCA-Profis 90 Minuten an ihre Leistungsgrenze gehen und auch 90 Minuten ihre Aufgaben erfüllen, können sie gegen solche nationalen Schwergewichte bestehen.
FCA-Kapitän Keven Schlotterbeck: „Es geht um das gemeinsame Verteidigen!
Doch jetzt ist erst einmal Länderspielpause. Gut so, meint Schlotterbeck: „Die Pause ist wahrscheinlich perfekt, um zu analysieren, was gut und was schlecht gelaufen ist. Dann geht der Blick nach vorn.“ Und da warten dann die Spiele beim Hamburger SV und zu Hause gegen die TSG 1899 Hoffenheim. Wieder ein Flutlichtspiel. Droht wieder die Gefahr, wie gegen den VfB, im Hurrastil in die Niederlage zu rennen? Schlotterbeck mahnt: Es geht um das gemeinsame Verteidigen. Solange du kein Tor bekommst, spielst du 0:0. Erst kommt die Defensive und dann können wir zaubern.“
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Robert Götz
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