. Mit einer exzellenten „Götterdämmerung“ erlebte die konzertante Aufführung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ jetzt ihr großes Finale in der Historischen Stadthalle Wuppertal. Unter der Leitung von Patrick Hahn machte das Sinfonieorchester Wuppertal (SOW) den letzten Teil von Wagners „Bühnenfestspiel“ zu einem musikalisch und atmosphärisch überwältigend schönen Konzerterlebnis. Großartige Solisten mit Wagner-Erfahrung wie Ain Anger, Joachim Goltz, Karen Cargill und Sofia Fomina agierten vor dem Orchester auf der Bühne. In der Rolle der Brünnhilde konnte man die wunderbare „Wagner-Ikone“ Catherine Foster erleben.

In „Siegfried“ – aufgeführt vier Wochen zuvor – hatten Siegfried und Brünnhilde jubelnd ihre Liebe besungen. In der besonders handlungsdichten „Götterdämmerung“ werden sie zum Opfer einer perfiden Intrige. Zu Beginn hört man das fließende Rheinmotiv, das Erda-Motiv klingt an. Dann erzählen drei Schicksalsgöttinnen – die Nornen – was bisher geschah. Bekannte Motive lassen die Handlung Revue passieren.

Zur Frage „Weißt du wie das wird?“ dämmert das Ende der Götter hörbar herauf. Das Schicksalsseil der Nornen reißt, das Motiv der Todesverkündigung erklingt. Selten wurde das so packend erzählt wie in dieser konzertanten Aufführung. Mit Deniz Uzun (Alt), Edith Grossman (Mezzo) und Sofia Fomina (Sopran) sind die Nornen stimmlich exzellent besetzt, das SOW begleitet sie behutsam, die Lichtregie verstärkt die hohe dramaturgische Dichte.

Brünnhilde erwacht neben Siegfried. Bevor er zu neuen Heldentaten aufbricht, gibt er der Geliebten den Ring des Nibelungen. Das Ring-Motiv erklingt, ein Zwischenspiel des SOW verkündet Unheil. Hagen, der Sohn des Nibelung Alberich, will den Ring für seinen Vater zurückgewinnen.

Am Königshof der Gibichungen erklärt er seinen Halbgeschwistern Gunther und Gutrune seinen Plan. Wagner hat in seiner Musik Gefühle, Charaktere, Orte und sogar Gegenstände eng verwoben. So kann man hören, wie zwielichtig die Gibichungen sind, welche Ziele Hagen verfolgt und dass Gunther und Gutrune es als Schmach empfinden, unvermählt zu sein. Mit tiefer, klangschöner und sehr beweglicher Stimme singt Ain Anger den Hagen, als mache er nie etwas anderes.

Wagner hat die Rolle vielschichtig gestaltet

Er ist bestimmend, lässig, berechnend, aber auch nachdenklich. Stimmlich und darstellerisch ist der Bass Ain Anger zurzeit wahrscheinlich der beste „Hagen“ weltweit. Wagner hat diese Rolle in seiner Musik vielschichtig gestaltet: Hagen kann Menschen manipulieren. Er ist gefährlich und böse, doch in der Musik, die ihn charakterisiert, klingt auch Einsamkeit an. Mit Joachim Goltz und Sofia Fomina sind die Geschwister Gunther und Gutrune stimmlich ebenfalls hervorragend besetzt und sie agieren mit großer Spielfreude.

Sie geben Siegfried einen Trank, durch den er Brünnhilde vergisst und sich in Gutrune verliebt. Gunther soll die im Feuerkreis schlafende Brünnhilde für sich gewinnen. Siegfried naht – immer erkennbar am Hornruf, Hagen lockt ihn herbei. Der naive Held vertraut den Gibichungen und wird ihr Opfer. Benjamin Bruns als Siegfried ist eine Entdeckung. Sein Rollen-Debüt singt er am Notenpult, agiert dennoch immer glaubhaft. Sein klangschöner, heller Tenor wirkt klar, voller Leichtigkeit und bleibt doch über die lange Strecke kräftig.

Auf dem Walkürenfelsen erscheint Waltraute. Sie berichtet vom desolaten Zustand der Götter und drängt ihre Schwester Brünnhilde zur Rückgabe des Rings an die Rheintöchter, um den Fluch zu beenden. Die Mezzosopranistin Karen Cargill und Catherine Foster brillieren mit exzellenten Stimmen im hochdramatischen Dialog der Walküren-Schwestern. Brünnhilde gibt Siegfrieds Liebespfand nicht her. Langsam und intensiv erklingen aus dem Orchester bekannte Motive. Vier Hörner lassen von der Empore Siegfrieds Ruf erschallen, zu Brünnhildes Entsetzen durchdringt aber ein Fremder das Feuer. In Gunthers Gestalt entreißt Siegfried Brünnhilde den Ring. Catherine Foster ist eine großartige Brünnhilde. Mit ihrem Sopran verfügt sie über eine ungeheuer starke Ausdruckskraft. Voller Entsetzen muss sie dem vermeintlich Fremden folgen.

Das Vorspiel zum 2. Aufzug ist ein flirrendes Nachtstück – zart und doch akzentuiert. Machtvoll, von Hass und Gier getrieben, fordert Alberich seinen Sohn Hagen auf, den Ring zurückzugewinnen. Auch in der Rolle des Alberich singt und agiert Bariton Joachim Goltz fabelhaft. Schlafend entzieht sich Hagen den Forderungen seines Vaters.

Später ruft er alle Gibichsmannen zur Doppelhochzeit zusammen. Der gut 70-köpfige Chor aus Opernchor der Wuppertaler Bühnen und Kartäuserkantorei Köln präsentiert sich klangstark und gut vorbereitet. Brünnhilde sieht Siegfried als Gutrunes Bräutigam, wutentbrannt entdeckt sie den Ring an seinem Finger. Sie wähnt sich betrogen und bestohlen. Hagen fordert sie zur Rache auf und Brünnhilde verrät ihm die einzige Stelle, an der Siegfried verletzbar ist. Hagen motiviert auch Gunther zur Rache. Die Hörner rufen zur Jagd – hier bietet sich die Gelegenheit, den Helden hinterrücks mit dem Speer zu ermorden. Brünnhilde und Gunther stimmen dem zu.

Siegfried trifft
auf die Rheintöchter

Das Vorspiel zum 3. Aufzug bringt das Rheingold in Erinnerung. Siegfried trifft auf die Rheintöchter, die ihm den Tod vorhersagen, falls er den Ring nicht abgibt. Edith Grossman, Mezzosopranistin vom Ensemble der Oper Wuppertal, sowie Marta Herman (Alt) und Juliana Zara (Sopran) singen die Rheintöchter verführerisch und ausdrucksstark mit exzellenten Stimmen. Siegfried weigert sich, den Ring zurückzugeben.

So führt sein Tod schließlich zum Untergang der Alten Welt – der Fluch des Rings zeigt Wirkung. Das letzte Wort hat Brünnhilde mit einer atemberaubend schönen Schlussarie. Sie gibt den Rheintöchtern den Ring zurück und wählt für sich den Tod. Zu großem Orchesterklang gehen Götter und Welt unter. Die Natur holt sich zurück, was ihr gehört. Schon seit dem Rheingold sagt die Musik, dass die Sache nicht gut ausgehen kann, doch Streicher und Harfen lassen Hoffnung durchschimmern.

Unter der hochkonzentrierten, fein abgewogenen Leitung von Generalmusikdirektor Patrick Hahn präsentiert das Sinfonieorchester Wuppertal die unendlich vielen musikalischen Farben und Facetten der „Götterdämmerung“ erstklassig und brillant. Zarteste piano pianissimo Phasen und große Tuttiklänge, Tempi und Übergänge – alles stimmt bei diesem Konzert.

Den 3. Aufzug dirigiert Patrick Hahn deutlich entspannter, lockerer, bewegter und noch zugewandter – so als sei der Druck des großen Ring-Projektes von ihm abgefallen.

Sein gigantisches Vorhaben ist eindeutig gelungen. Die genialen szenischen Ideen von Fabio Rickenmann, deren Umsetzung durch Sängerinnen und Sänger sowie stets perfekt passende Lichtstimmungen lassen Wagners Musik, die handelnden Personen und ihre Charaktere sowie die Handlung besser verstehen als manche Ring-Aufführung auf der Opernbühne.

Nach mehr als sechs Stunden gibt es für diesen Hochgenuss äußerst langandauernden Applaus, großen Jubel und viele Bravorufe vom begeisterten Publikum.