Die Umwandlung von Gotteshäusern geht weiter: In der früheren Christus-Erlöser-Kirche in Botnang werden nun Second-Hand-Schätze verkauft – ein sozialer Gedanke steckt dahinter.

In der ehemaligen katholischen Christus-Erlöser-Kirche in Botnang ist neues Leben eingezogen – Gottes Nachmieter starten in ein neues Kapitel mit Second-Hand-Schätzen. Dort, wo bis vergangenen November noch Gottesdienste gefeiert wurden, stehen heute Sofas, Schränke, Teppiche und Lampen. Das frühere Gotteshaus in der Hochhaussiedlung Laihle nahe der Leharstraße wird ab sofort als Lagerverkauf für gebrauchte Möbel und Haushaltswaren genutzt.

Der neue Mieter ist der Stuttgarter Auktionator Andreas Graf von Brühl. Er hat die Firma Nimm’s mit beim Schmidt gekauft und betreibt nun in der profanierten Kirche einen Second-Hand-Verkauf für Möbel und Wohnaccessoires aus Haushaltsauflösungen. Geöffnet ist das Geschäft dienstags, donnerstags, freitags und samstags jeweils von 12 bis 16 Uhr.

„Alles rund ums Wohnen“: Second-Hand-Schätze in Botnang

Zwischen den früheren Bankreihen und dem Altar finden Besucher nun „alles rund ums Wohnen“, wie es auf der Internetseite des Unternehmens heißt: Möbel, Haushaltswaren, Elektrogeräte, Teppiche, Dekoration sowie Antiquitäten und Sammlerstücke. Auch einzelne Ersatzteile und kleinere Wohnaccessoires gehören zum Sortiment. Zudem kauft die Firma gebrauchte Möbel und Antiquitäten an, bietet Lieferung nach Hause und – nach Absprache – auch einen Aufbauservice. Parkplätze gibt es vor Ort.

„Nachhaltigkeit ist sehr wichtig“: Second-Hand als Umweltschutz

Für Graf von Brühl hat das Konzept neben dem wirtschaftlichen auch einen sozialen und ökologischen Gedanken. „Nachhaltigkeit ist sehr wichtig“, sagt der Auktionator. „Es gibt viele Menschen, die sich neue Möbel nicht leisten können.“ Für sie biete der Lagerverkauf günstige Alternativen. Gleichzeitig würden Gegenstände weiterverwendet, statt im Müll zu landen. „Wenn Sie bei uns etwas finden, was Ihnen gefällt, retten Sie es vor dem Abfall und tragen aktiv zum Umweltschutz bei“, sagt Graf von Brühl. Wiederverwenden sei immer besser als Recycling.

Der letzte Gottesdienst in der Christus-Erlöser-Kirche in Botnang fand im vergangenen November statt. Foto: Jan Sellner

Die Gegenstände stammen meist aus Entrümpelungen und Haushaltsauflösungen. Viele Stücke hätten eine eigene Geschichte, sagt der Unternehmer. „Alle diese Dinge haben eine Seele – und oft einen Charme, der neu produzierten Möbeln fehlt.“ Für die früheren Besitzer sei es oft tröstlich zu wissen, dass vertraute Gegenstände ein neues Zuhause finden.

Zweiter Standort: Vintage-Design-Store in ehemaliger Kirche im Westen

Für Graf von Brühl ist es nicht das erste Projekt dieser Art. Bereits zuvor hatte er zusammen mit Florian Vornberger eine andere entwidmete Kirche angemietet: die ehemalige Kirche St. Stefan an der Rotenwaldstraße im Stuttgarter Westen. Dort betreiben die beiden einen Vintage-Design-Store. Mit der Christus-Erlöser-Kirche kommt nun ein zweiter ungewöhnlicher Standort hinzu. Da wie dort schlagen im Winter hohe Energiekosten zu Buche.

Der Auktionator betont, dass der respektvolle Umgang mit dem Gebäude wichtig sei. „Einer ehemaligen Kirche muss man mit Respekt begegnen“, sagt er, „man kann dort nicht alles machen.“ Eine Diskothek etwa komme für ihn nicht infrage.

Auch von kirchlicher Seite wird genau geprüft, welche Nutzungen in einem ehemaligen Gotteshaus möglich sind. Grundsätzlich dürften profanierte Kirchen auch für kommerzielle Zwecke vermietet werden, erklärt die katholische Kirche. Entscheidend sei, dass die neue Nutzung dem Charakter des Gebäudes nicht widerspreche.

Kirchenschwund und hohe Kosten zwingen zur Umnutzung

Dass überhaupt neue Nutzungen gesucht werden müssen, hat strukturelle Gründe. Sinkende Mitgliederzahlen und rückläufige Kirchensteuereinnahmen setzen die katholische Kirche zunehmend unter finanziellen Druck. In Botnang gehören derzeit noch rund 2560 Menschen der katholischen Kirche an, 2019 waren es noch etwa 3110. Gleichzeitig sind die Energiekosten hoch und viele Gebäude verursachen erhebliche Unterhaltskosten.

Die Entscheidung, kleinere Standorte aufzugeben, reicht daher bereits Jahre zurück. Schon 2011 beschloss der Stuttgarter Stadtdekanatsrat, kirchliche Zweitstandorte aus Kostengründen aufzugeben. 2014 folgte eine umfassende Analyse aller Immobilien mit weitreichenden Konsequenzen.

Kirche in Botnang nach 54 Jahren entweiht und umgenutzt

Die Christus-Erlöser-Kirche, ein Bau aus den 1970er Jahren inmitten der Botnanger Hochhaussiedlung, wurde schließlich im November nach 54 Jahren offiziell entweiht. Das Aus kam für die Gemeinde nicht überraschend – es war das Ergebnis eines langen Prozesses der Umstellung und Vorbereitung.

Was aus ehemaligen Kirchen wird, ist sehr unterschiedlich. Manche Gebäude werden abgerissen, andere durch Neubauten ersetzt oder in größere Gemeinden integriert. Einige jedoch finden eine neue kulturelle oder wirtschaftliche Nutzung. Die Christus-Erlöser-Kirche gehört nun zu dieser letzten Gruppe. Statt Predigten und Orgelmusik prägen heute Möbel, Lampen und Teppiche den Raum. Die Neunutzung bleibt dem ursprünglichen Gedanken eines Treffpunkts für Menschen vielleicht sogar treu: Das frühere Gotteshaus bleibt ein Ort, an dem Dinge weitergegeben werden, Geschichten erhalten bleiben und Menschen zusammenkommen.