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Die Realität scheint bisweilen zu verrückt, um wahr zu sein – von Donald Trumps Äußerungen zu schweigen. Prominente Autoren sehen einen Effekt.

Leipzig – Krieg in der Ukraine, im Iran, Sorge vor einem Dritten Weltkrieg, autoritäre Regime und Tendenzen fast überall: Die Realität, könnte man meinen, ist so irrsinnig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Aber was wir sehen und hören, setzt dem oft genug noch die Krone auf. „Wir werden nicht mehr glauben, was wir sehen. Das ist ein fundamentaler Wandel in der Menschheitsgeschichte“, sagte zuletzt Janis Sarts, NATO-Direktor für Strategische Kommunikation, unserer Redaktion.

Donald Trump auf einem TV-Bildschirm – ein Archivbild aus dem Jahr 2016.Donald Trump auf einem TV-Bildschirm – ein Archivbild aus dem Jahr 2016. © kornienko/imago-images.de

Sarts spielte auf KI und „kognitive Kriegsführung“ an. Aber es gibt auch sehr menschliche Faktoren: US-Präsident Donald Trump und seine Behauptungen etwa. Diese Wirklichkeit führte ein hochkarätig besetztes Panel bei der Leipziger Buchmesse am Wochenende zu einer scheinbar irrwitzigen Überlegung: Ist Fiktion mittlerweile realer als Realität? Und was würde es bedeuten, wenn es so wäre? Die französische Iran-Korrespondentin und Autorin Delphine Minoui schilderte ihre Sorgen drastisch.

Groteske Realität im Ukraine-Krieg – weniger glaubwürdig als sprechende Fische?

„Wir kämpfen mit so vielen Fake News, so vielen Lügen; so vielen Lügen, die bisweilen völlig unnötig sind“, sagt Minoui mit Blick auf Trump. Das Mullah-Regime im Iran etwa sei bereits „fürchterlich und teufelsgleich“, 30.000 Menschen habe es im Januar getötet. Trump aber füge noch Nonsens hinzu, etwa wenn er von geköpften Kindern spreche. „Warum macht er das? Es verzerrt die Realität.“ Lesende bezweifelten wegen solchen Übertreibungen auch ihre Berichte.

Minoui, selbst Halb-Iranerin, hat mit „Badjens“ einen Roman über eine 16-jährige Protestierende im Iran geschrieben. Das sei ein Weg, den Getöteten Gerechtigkeit zu verschaffen, erklärte sie. „Weil sie nicht mehr hier sind, um selbst ihre Geschichten zu erzählen, stelle ich mich selbst an ihre Stelle, fast, um wie ein Arzt die Realität zu heilen.“ Auf diese Weise werde die Realität „unsterblich“ – selbst, wenn es nur eine Fiktion sei.

Israel und USA attackieren Mullah-Regime – Bilder aus dem Iran-KriegRauchsäule in teheranFotostrecke ansehen

Mit auf dem Podium saß auch Dmitrij Kapitelman, der für die Arbeit an seinem Buch „Russische Spezialitäten“ in die Ukraine gereist war. Der Roman beinhaltet Elemente des magischen Realismus, sprechende Fische etwa. In Zweifel hätten einige Leserinnen und Leser aber ein ganz reales Element gezogen: eine ukrainische Warn-App, die zwischen einem Luftalarm und der Wegleitung zum nächsten Schutzraum Werbung schaltete, wie er erzählte: für „Designer-Toaster, Partys, Event-Management, solche Dinge“.

„Die Leute denken, ich habe das zur Unterhaltung oder als groteskes Element eingefügt, aber es ist tatsächlich wahr“, sagte Kapitelman. In den FAQs der durchaus weitverbreiteten App habe er die Erklärung gefunden: Die Werbung finanziere die Arbeit an der App. 

Trump, KI und Krieg: „Etwas funktioniert nicht mehr“

Dorota Maslowska, eine der prominentesten Gegenwartsautorinnen Polens, stimmte zu. Beim Schreiben ihres Buches „Im Paradies“ sei sie auf ein Problem gestoßen: „Realismus genügt nicht mehr. Die Realität erfüllt buchstäblich die Realität nicht mehr.“ Das liege womöglich am Effekt von Social Media und Künstlicher Intelligenz auf den Verstand. „Als ich begonnen habe, meine Erzählung eher in die Richtung von Magie zu lenken, habe ich festgestellt, dass das realistischer wirkt als die Realität selbst.“

Der Ukraine-Krieg etwa habe nur indirekt eine Rolle gespielt: Eine Erzählstimme des Buches habe die Geflüchteten beschuldigt, den Menschen in Polen Jobs wegzunehmen. „Solch ein zynischer und gleichgültiger Kommentar fasziniert mich am meisten“, erklärte sie. „Dass dieser Krieg, diese Apokalypse, die hinter unserer Grenze stattfindet, in solch banalen, praktischen Begriffen betrachtet werden kann. Das macht es so real.“

Karolina Golimowska, Delphine Minoui, Dmitrij Kapitelman und Dorota Maslowska bei der Leipziger BuchmesseDeutsch-französisch-polnische Debatte bei der Leipziger Buchmesse: Moderatorin Karolina Golimowska, Delphine Minoui, Dmitrij Kapitelman und Dorota Maslowska (v.li.) © Florian Naumann

Kapitelman überlegte laut, ob die verrückte Realität bereits einen Einfluss auf die Erwartungen an Autorinnen und Autoren haben könnte. „Vielleicht liegt es daran, dass uns der US-Präsident, der mächtigste Mann der Welt, mit Bullshit füttert. Vielleicht liegt es an der Überinformation: Irgendwie scheinen sich die Menschen Autoren als Anbietern von Realität zuzuwenden.“

Diese Rolle sei allerdings unmöglich auszufüllen. Er selbst sei an dem Versuch gescheitert, sagte Kapitelman, selbst bei der Beschreibung seiner eigenen Umgebung. „Was ich ausdrücken will: Wenn sich die Gesellschaft uns Fiktionalisten und Autoren zuwendet, um vielleicht nicht unbedingt Realität, aber doch Sicherheit zu geben, dann bedeutet das, dass etwas anderes nicht funktioniert“, warnte er. Offenbar „lieferten“ die üblichen Quellen von Sicherheit nicht mehr. Auch mit Blick in die Zukunft – „für die nächsten Generationen“. (Aus Leipzig berichtet Florian Naumann)