Stille Not im Stuttgarter Varieté: Gesang gegen Armut:  Countertenor macht die Welt für zwei Stunden schön Der international gefeierte Sänger Nils Wanderer bei seinem Auftritt der Stillen Not im Friedrichsbau. Foto: Stille Not

Wenn das Geld nicht reicht, bleibt oft nur Verzicht. Der Verein Stille Not bringt Senioren im Friedrichsbau Varieté mit Kaffee, Kuchen und dem Countertenor Nils Wanderer zum Strahlen.

Niedrige Renten, steigende Mieten, immer teurere Lebensmittel – für viele ältere Menschen reicht das Geld im Alltag kaum noch. Auch in einer als wohlhabend geltenden Stadt wie Stuttgart wächst die Altersarmut. Der Traum vom schönen Lebensabend erfüllt sich für viele nicht. Wer keinen eigenen Wohnraum besitzt, muss oftmals so hohe Summen für die Miete aufbringen, dass dafür ein Großteil der Rente draufgeht.

Laut Statistischem Bundesamt waren im vergangenen Jahr bundesweit etwa 3,5 Millionen Rentnerinnen und Rentner armutsgefährdet – das sind 19,4 Prozent. Jeder Fünfte ist also betroffen. „Es trifft zunehmend Menschen, die ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet haben“, sagt Gudrun Nopper, die Vorsitzende des Vereins Stille Not.

Noppers Verein schenkt Senioren besondere Kulturerlebnisse

Um Menschen zu unterstützen, die im Alter mit wenig Geld auskommen müssen, hat die Ehefrau des Stuttgarter Oberbürgermeisters vor fünf Jahren den Verein Stille Not gegründet. Etwa alle zwei Monate lädt Nopper sozial benachteiligte oder einsame Seniorinnen und Senioren zu Kaffee, Kuchen und Kultur ein. Diese Treffen haben sich längst herumgesprochen – viele Gäste kommen regelmäßig, weil sie dort Gemeinschaft und Wertschätzung erleben.

Zum fünften Geburtstag des Vereins geht’s zu einem Konzert des international gefeierten Countertenors Nils Wanderer ins Friedrichsbau Varieté. Eingeladen sind Menschen über 65, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, sowie Unterstützer des Vereins. Der in Ludwigsburg geborene Sänger gehört zu den spannendsten Countertenören seiner Generation. Sein Aufstieg verlief geradezu kometenhaft: Er gewann unter anderem den Bundeswettbewerb Gesang und erhielt als erster deutscher Countertenor den zweiten Preis beim internationalen Opernwettbewerb Operalia von Plácido Domingo.

Wanderers Auftritt verzaubert und lässt Alltagssorgen schwinden

Inzwischen steht Wanderer auf großen Bühnen weltweit. Kritiker schwärmen von der „überirdischen Leichtigkeit“ seiner Phrasierung und seiner „magnetischen Bühnenpräsenz“. Auch im Friedrichsbau zieht er das Publikum sofort in seinen Bann – für einen Moment scheinen die Sorgen des Alltags weit entfernt.

Die Vereinsvorsitzende Gudrun Nopper Foto: Stille Not

Wanderers künstlerische Bandbreite reicht dabei weit über die Oper hinaus. Der Sänger arbeitet auch als Schauspieler, Choreograf und Regisseur und hat ein ausgeprägtes Faible für Popkultur. In seinem Projekt „Wanderer zwischen den Welten“ verbindet er elektronische und barocke Musik. Auch im Musicalbereich ist er aktiv: Gemeinsam mit Peter Plate und Ulf Leo Sommer wirkte er an dem Musical „Romeo & Julia – Liebe ist alles“ am Berliner Theater des Westens mit, in dem er den Todesengel verkörperte. Zudem entstand mit dem Komponisten-Duo der Song „St. Petersburg“ für die Deutsche Aids-Stiftung – ein musikalisches Zeichen für LGBTIQ-Rechte.

Der Andrang ist groß. Foto: Stille Not Geschenktüten als Zeichen der Wertschätzung für Senioren

Liebe ist alles, heißt es im Musicaltitel – und Nächstenliebe vielleicht auch. Für die Gäste gibt es nach dem umjubelten Konzert die beliebten Geschenktüten, die Gudrun Nopper mit Hilfe von Sponsoren zusammengestellt hat. Diesmal sind unter anderem Gutscheine für einen Friseur- oder einen Frühstücksbesuch drin. Kleine Aufmerksamkeiten – und doch ein wichtiges Zeichen: dass Menschen, die im Alltag oft übersehen werden, nicht vergessen sind. Das nächste Treffen der Stillen Not ist am 27. April, um 14 Uhr, beim Frühlingsfest in der Almhütte Royal von Wirtin Nina Renoldi.