Das MARKK, ehemals Museum für Völkerkunde in Hamburg.

AUDIO: Bibliotheken, Museen, Theaterfoyers – Dritte Orte in Norddeutschland (4 Min)

Stand: 24.03.2026 15:54 Uhr

„Dritte Orte“ sind Räume die jeder besuchen kann – auch ohne eine Eintrittskarte gelöst oder etwas gekauft zu haben. Orte, die als zwanglose Treffpunkte außerhalb der Wohnung oder des Arbeitsplatzes für alle offenstehen. Über ein Konzept, das Schule macht und immer wichtiger zu werden scheint.

von Jens Büchsenmann

In Großstädten wie Hamburg sind es zentrale Orte, wie die Zentralbibliothek am Hauptbahnhof, wohin täglich bis zu 4.000 Menschen kommen. Hier lesen sie, lernen für die Schule oder Uni, hören einfach Musik oder schauen einen Film. Die Bücherei bezeichnet sich als „das öffentliche Wohnzimmer der Stadt“. Bei freiem Eintritt. Ohne Konsumzwang.

Neues Rathaus Kiel

Das Neue Rathaus in Kiel

Solche „Dritten Orte“ werden von immer mehr Menschen genutzt, und immer mehr öffnen ihre Häuser, wie in Kiel, wo man im „Neuen Rathaus“ solch einen Treffpunkt mit Hilfe der Bundeskulturstiftung umgesetzt hat. „Wegen der zentralen Lage, sicher aber auch weil die meisten Angebote hier kostenfrei sind, kommen wirklich alle Menschen ins Haus – unabhängig vom Alter, Bildungsstand, Einkommen oder kulturellem Background. Und das ist so unglaublich wertvoll“, sagt Johanna Göb, die Leiterin des Kieler Kulturamtes.

Sozialer Zusammenhalt braucht Diskussionsräume

Wertvoll für das, was Soziologen die Stadtgesellschaft nennen. Und die braucht Orte, die über Treffpunkte wie Café und Kneipe oder den Sportverein hinausgehen. „Im Alltag umgeben wir uns ja ganz überwiegend mit Menschen, die unser Weltbild teilen. Für den sozialen Zusammenhalt in der Stadt brauchen wir aber eine Diskussion mit unterschiedlichen Perspektiven und Meinungen“, erklärt Göb.

Personen sitzen in einer Sofaecke

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema „Postpopulismus“ durch das Programm am Hamburger Thalia Theater.

Die Kulturamtsleiterin bespielt in Kiel etliche Häuser unter einem Dach: Stadtgalerie und Stadtarchiv, Bücherei und Musikschule, das Schifffahrtsmuseum und die VHS-Kunstschule. Und ein kleines Café – das „Statt-Café“ – gibt’s auch. Ganz besonders wichtig sei es, so Göb weiter, dass die Nutzenden spüren, dass sie hier „sowohl kulturell als auch sozial auftanken können“ und es „ihr Haus, ihr Ort“ sei.

Latin Dance und Wohnzimmercharakter

Wie im „MARKK„, dem Museum am Rothenbaum in Hamburg. Gabriel Schimmeroth hat dort den „Zwischenraum“ geschaffen, in dem er exklusive Blicke hinter die Kulissen und in die Sammlung gewährt, Hintergründe laufender Ausstellungen erlebbar macht.

„Wir sagen immer: mehr Wohnzimmer statt Labor! Es ist nicht so sehr, dass man hier zum Arbeiten und zum Experimentieren kommt, sondern das Experimentelle soll gleichzeitig einen Wohnzimmercharakter, einen Wohlfühlcharakter haben“, sagt Schimmeroth.

Im Hamburger Stadtteil Bergedorf steht, von Wasser umgeben, das Körber-Haus, wo sich in den gemütlichen Lern- und Leseecken gerade Schülerinnen auf eine Matheklausur vorbereiten. Nicole Becker-Kloth und Anja Rastetter organisieren hier ein Programm, wo man an einem Tag Latin Dance, Gitarrenunterricht und digitales Lesen von Zeitungen lernen kann. Und am Abend ins Kino geht.

Uta Mach, Leiterin der Stadtbibliothek Wismar

Bibliotheksleiterin Uta Mach zieht ein positives Fazit nach vier Monaten für das neue Konzept. Immer Samstag wird das Zeughaus zur Open Library.

„Dritte Orte“ bieten aber viel mehr als normale Kinos. Die Kieler Kulturamtsleiterin Johanna Göb hat das große Ganze im Blick, die gesellschaftliche Aufgabe. In den Städten erlebe man hautnah, was passiere, wenn Menschen nicht mehr zusammenkommen und sich mit unterschiedlichen Meinungen auseinandersetzen, sagt Göb. „Vereinsamung, Polarisierung, und heftige Konflikte. Deswegen denken alle Kommunen aktuell über dieses Thema nach. Die Kulturstiftung des Bundes hat sogar ein eigenes Förderprogramm mit diesem Thema aufgesetzt. Weil uns klar ist: Wir können den demokratischen Zusammenhalt sichern, wenn wir diese Orte schaffen.“

Ein Haus auf dem Land mit der Aufschrift "Lesefutter"

Im alten Futterspeicher in Kleeth bei Neubrandenburg öffnet Norbert Plate jeden Sonnabend sein liebevoll gefülltes Antiquariat.