Sinfonieorchester Wuppertal/GÖTTERDÄMMERUNG/Foto: Sinfonieorchester Wuppertal / Yannick Dietrich
Patrick Hahn triumphierte mit der semi-konzertanten Aufführung der „Götterdämmerung“ als Dirigent, der einen kompletten „Ring“ mit seinem Sinfonieorchester Wuppertal in einem halben Jahr aus dem Boden stampfte. Mit einem Ensemble aus Weltstars wie Catherine Foster und bewährten Wagner-Spezialisten wie Joachim Goltz und Ain Anger sowie einem sensationellen Rollendebut von Benjamin Bruns als Siegfried brachte Patrick Hahn die „Götterdämmerung“ in bemerkenswerter Qualität auf das Podium der beeindruckenden Historischen Stadthalle Wuppertal. Langanhaltender Beifall und stehende Ovationen des restlos begeisterten Publikums belohnten den Einsatz des Projekt-Ensembles samt zwei Chören. (Rezension der Aufführung v. 22. März 2026)
Das 150-jährige Bayreuth-Jubiläum 2026 hat viele Intendant:innen animiert, einen „Ring des Nibelungen“ aufzulegen oder wieder aufzuführen. Patrick Hahn hat den „Ring des Nibelungen“ vom Orchester her gedacht und führte ihn in der historischen Stadthalle Wuppertal im Rahmen von vier sinfonischen Konzerten auf. Im Programmheft sind fünf namhafte Sponsoren aufgeführt, die diese Produktion gefördert haben, ein Zeichen dafür, dass den Wuppertalern ihr GMD, der mit diesem Projekt auch überregionales Publikum anzog, eine besondere Förderung wert war.
Eigentlich dachte man, nach „Siegfried“ sei kaum noch eine Steigerung möglich, aber die „Götterdämmerung“ bot mit dem Einsatz des groß besetzten Chores aus dem Opernchor des Theater Wuppertal unter der Leitung von Ulrich Zippelius, ergänzt um die Kartäuserkantorei Köln in der Einstudierung von Paul Krämer 60 Männerstimmen und 30 Frauenstimmen auf, die die Dramatik einzelner Szenen erheblich verstärkten. In der „Götterdämmerung“ prallen die höfische Welt der Gibichungen, verkörpert durch klassische Formate der Grand Opéra, wie Chöre und Terzette, auf den naiven Naturbuschen Siegfried mit seinem Hornmotiv.
Sinfonieorchester Wuppertal/GÖTTERDÄMMERUNG/Foto: Sinfonieorchester Wuppertal / Yannick Dietrich
Catherine Foster und Benjamin Bruns sind Brünnhilde und Siegfried in der „Götterdämmerung“ in Wuppertal. Catherine Foster kann als die derzeit erfahrenste und berühmteste Brünnhilde gelten, denn sie hat die Brünnhilde bereits seit 2013 bei den Bayreuther Festspielen in zwei verschiedenen „Ring“-Produktionen bis 2025 gesungen. In Wuppertal trat sie mit roter Kurzhaarfrisur auf und agierte, als hätte sie die Rolle völlig verinnerlicht: die liebende verlassene Frau, die Betrogene, die Rächerin und am Schluss die Retterin der Welt, die endlich den verfluchten Ring den Rheintöchtern zurückgibt. Mit selbstverständlich klingenden exponierten Spitzentönen überstrahlte sie scheinbar mühelos das Orchester, und mit gereifter Gestik verlieh sie Wotans Lieblingstochter, die ihren eigenen moralischen Kompass über die Konventionen stellt, beeindruckendes Profil. Benjamin Bruns dagegen debütierte am 22. März 2026 als Siegfried in der „Götterdämmerung“ in Wuppertal, noch bevor er sein Debut als Siegfried in „Siegfried“ gibt, das für die Spielzeit 2026/27 in München geplant ist. Bereits 2015 habe ich ihn in Bayreuth als Erik erlebt. Er lässt sich mit den Schritten vom perfekten Mozart-Gesang eines lyrischen Tenors ins schwere Heldenfach Zeit. Hier nutzte er die Chance, in einer einmaligen konzertanten Produktion in einem Haus mit perfekter Akustik sein musikalisches Rollendebut als Siegfried zu geben. Bruns bewies enorme Ausdauer, denn selbst am Schluss klang seine Stimme ausgeglichen und frisch, sehr gute Textverständlichkeit und Durchschlagskraft über das groß besetzte, hinter ihm aufgestellte Orchester, enorme technische Brillanz in der Szene, in der er mit leichter Kopfstimme das Waldvöglein imitierte und ein echtes makelloses Achtel hohes C beim zweiten Hoihe-Ruf, mit dem er den Mannen der Jagdgesellschaft antwortete. Man erkennt die musikalische Korrektheit eines in Rollen wie Steuermann, Loge, Erik und David gereiften lyrischen Tenors, der jetzt das schwere Heldenfach erobert.
Deniz Uzun mit unverwechselbarem tiefen Mezzo als erste Norn, Edith Grossmann als zweite Norn und Sofia Fomina als dritte Norn spannen den Schicksalsfaden und erzählten dabei die Vorgeschichte.
Joachim Goltz als zaudernder Gunther und Sofia Fomina als Gutrune sind das Gibichungenpaar, das sich gleich mit dem auf dem Rhein angereisten Siegfried verbrüdert. Der naive Siegfried findet in Ain Anger als Hagen, Alberichs Sohn, „gezeugt ohne Liebe“ mit Grimhild, der Mutter Gunters und Gutrunes, seinen Gegenspieler, der ihn zur Strecke bringt. Der schwere Bass Ain Anger verleiht diesem Hagen gefährliche Kontur. Anger hat in Bayreuth bereits Hunding, Fafner und Daland verkörpert, den Hagen im Toronto und im Théâtre la Monnaie in Brüssel und beim Festival in Edinburgh. Der noch recht junge österreichische Kammersänger kann als schwerer Bass mit großer Zukunft gelten.
Im ersten Aufzug trat Karen Gargill als Walküre Waltraute auf und berichtete ihrer Halbschwester Brünnhilde vom Verfall der Götter, nachdem Siegfried Wotans Speer zerschlagen hatte. Der erste Aufzug endete mit der Überwältigung Brünnhildes durch den in Gestalt Gunthers auftretenden Siegfried. Schon hier gab es langanhaltenden Szenenapplaus.
Im zweiten Aufzug erinnert Alberich (Joachim Goltz) seinen Sohn Hagen noch einmal in einem Traum, dass sein Ziel sei, in den Besitz des von ihm verfluchten Rings zu gelangen. Die dann folgende Szene, in der die gedemütigte von Gunther vorgeführte Brünnhilde an Siegfrieds Finger den Ring erkennt, den er ihr als Pfand seiner Treue geschenkt hatte, ist ein dramatischer Höhepunkt, der durch die Choreinwürfe noch gesteigert wird. Mit dem Ring an Siegfrieds Finger wird klar, dass er Brünnhilde in Gestalt Gunthers hintergangen und ihre Liebe verraten hat. Während Siegfried und Gutrune zur Hochzeitsfeier gehen, schmieden Hagen, Gunther und Brünnhilde den Plan, Siegfried von hinten zu ermorden.
Sinfonieorchester Wuppertal/GÖTTERDÄMMERUNG/Foto: Sinfonieorchester Wuppertal / Yannick Dietrich
Im dritten Aufzug verpasst Siegfried in einem leichten Konversationston die letzte Chance, den stimmlich hervorragend harmonierenden Rheintöchtern Juliana Zara, Edith Grossmann und Marta Herrmann den Ring zurückzugeben; eine kurze Reminiszenz an Tage der Unschuld, als Alberich der Liebe entsagte und das Rheingold raubte. Während das Gegenmittel zum Vergessenstrank wirkt, erzählt Siegfried der Jagdgesellschaft von seiner Liebe zu Brünnhilde auf dem Feuerfelsen. In Siegfrieds Moment der Erkenntnis stößt Hagen ihm seinen Speer in den Rücken und verletzt ihn tödlich. Sterbend erinnert sich Siegfried an seine Liebe zu Brünnhilde.
Brünnhilde erkennt die Zusammenhänge. Sie lässt starke Scheite aufschichten, um Siegfrieds Leichnam zu verbrennen. Sie erkennt, dass der Fluch des Rings und die Machtgier der Götter diese Katastrophe herbeigeführt haben. Brünnhilde reitet mit ihrem Pferd in die Flammen und gibt den Rheintöchtern den Ring zurück. In der Ferne steht auch Walhall in Flammen, Hagen ertrinkt in den Fluten des Rheins, und der Naturzustand ist wiederhergestellt.
Der Trauermarsch anlässlich Sigfrieds Tod ist zweifellos das beeindruckendste Orchesterstück der „Götterdämmerung“. Hier wird nicht nur eine Person betrauert, sondern auch eine freie Lebensform, die sich in einer Welt von Intrige, Besitz und Macht nicht halten konnte.
Sinfonieorchester Wuppertal/GÖTTERDÄMMERUNG/Foto: Sinfonieorchester Wuppertal / Yannick Dietrich
Mit dezenten Lichteffekten von Fabio Rickenman und lebendigen szenisch-gestischen Gestaltungen der Rollen, flankiert mit gut lesbaren Übertiteln, ergibt sich ein eher rationaler Zugang zum Werk, der zeigt, wie überlegt Wagners Geschichte aus der nordischen Mythologie mit Elementen wie Gott Wotan, den Walküren, dem verfluchten Ring, dem Vergessenstrank und der Götterdämmerung mit seiner Analyse der frühindustriellen Gesellschaft verknüpft war. Die Überwältigungsästhetik von Wagners Musik wurde in der konzertanten Aufführung aller vier Teile unmittelbar spürbar. Im Vergleich zu einer Produktion an einem Opernhaus mit szenischer Umsetzung ist die konzertante Umsetzung mit einem Projektensemble, das am freien Markt rekrutiert wird, erheblich einfacher zu organisieren. Die Sängerinnen und Sänger haben ihre Partien bereits mehrmals gesungen oder, bei Rollendebuts, perfekt einstudiert, und man kann als versierter Dirigent mit einem guten Orchester in wenigen Tagen eine überzeugende Aufführung einstudieren, wie Patrick Hahn bewiesen hat. Gute szenische Aufführungen an Opernhäusern, die in der Regel mehrmals hintereinander gespielt werden, sind als Prestige-Produktionen äußerst kostspielig zu inszenieren und werden über mehrere Jahre immer wieder aufgenommen. In der Oper am Rhein Duisburg läuft in diesem Jahr die Wiederaufnahme des „Ring des Nibelungen“ von Dietrich Hilsdorf, der 2006 aufgelegt wurde. In Dortmund wurde 2025 ein „Ring des Nibelungen“ von Peter Konwitschny aufgelegt, in Köln steht am 29. März 2026 „Die Walküre“ auf dem Programm. Dort soll der „Ring“ in der nächsten Spielzeit fertig gestellt werden. Solche Produktionen zeigen, auch mit szenischen Mitteln wie Bühnenbildern, Kostümen und Videopräsentationen, erheblich anschaulichere Versionen des Dramas. Gerade Effekte wie der Weltenbrand am Ende der „Götterdämmerung“ können mit Mitteln des Theaters noch überwältigender gestaltet werden. Nach ernüchternden Erfahrungen mit der letzten szenischen Umsetzung des „Ring des Nibelungen“ in der Inszenierung von Valentin Schwarz, die viele Bayreuth-Zuschauer trotz der musikalisch hervorragenden Umsetzung unter dem Dirigat von Simone Young szenisch enttäuscht hat, wird man dort im Jubiläumsjahr eine konzertante Aufführung unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann auflegen und diese mit Bildmaterial aus 150 Jahren Bayreuther Festspiele mit Hilfe von künstlicher Intelligenz bebildern.
Die musikalische Leistung des Dirigenten Patrick Hahn, seines Orchesters und des Ensembles hat mich in Wuppertal auf der ganzen Linie überzeugt. Das Sinfonieorchester Wuppertal hat unter der Leitung seines scheidenden GMD Patrick Hahn ein beeindruckendes Zeugnis seines Könnens abgelegt.
- Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Sinfonieorchester Wuppertal
- Titelfoto: Sinfonieorchester Wuppertal/GÖTTERDÄMMERUNG/Foto: Sinfonieorchester Wuppertal / Yannick Dietrich