Mihail D. fährt die Konturen des Übersetzungsgeräts auf dem Tisch vor sich nach. Das Gerät ist mit den Kopfhörern verbunden, die übersetzte Anklageschrift wird ihm direkt ins Ohr gespielt. D. ist der Hauptangeklagte im Prozess gegen ein mutmaßliches osteuropäisches Einbrecher-Netzwerk. Die Liste der Vorwürfe gegen D. ist lang: Schwerer Raub etwa, schwerer Wohnungsdiebstahl, und: Menschenhandel.

Der gebürtige Moldauer lebt 2014 in Deutschland, soll seit 2014 immer wieder selbst Einbrüche und Überfälle in der Region begangen haben. Zwei Jahre später soll er dann seine Strategie geändert haben. Aus der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft lässt sich ein Muster ablesen: Mihail D. soll andere Männer zu Einbrüchen und räuberischen Erpressungen angestiftet haben. Dafür sei er mit einem dunkelblauen Audi mit bulgarischem Kennzeichen regelmäßig nach Moldau gefahren. Dort habe er Männer angesprochen und mit nach Deutschland gebracht.

Prozess in Augsburg: Er soll Osteuropäern Arbeit versprochen haben

D. soll dabei teils mit der Hoffnung osteuropäischer Männer auf Arbeit in Deutschland gespielt und Zwang und Gewalt genutzt haben, um systematisch Einbrüche in und um Augsburg zu begehen. Manche der Männer seien arbeitslos gewesen, hätten wenig Geld besessen, heißt es in der Anklageschrift. D. habe seine Absichten teils verschleiert, soll erst in Augsburg mit der Wahrheit herausgerückt sein: Statt Arbeit drängte er die Männer offenbar zu Einbrüchen und Raub.

In Augsburg habe D. die Männer mit einem Mobiltelefon und Einbruchswerkzeug ausgestattet, ihnen teils Elektroschocker, Tierabwehrspray oder Fesselungsutensilien mitgegeben. Er habe sie dann in der Nähe der Tatorte ausgesetzt und sie später wieder abgeholt.

Eine Dreiviertelstunde verliest der Staatsanwalt die 16 Seiten der Anklageschrift. Immer wieder schüttelt D. dabei leicht den Kopf. Dann wendet sich Richter Michael Schneider an die drei Männer auf der Anklagebank, alle in grauen Pullovern, mit kurz geschorenem Haar und starrem Blick.

Da ist Mihail D., 36, der Hauptangeklagte. Bernhard W., 50, ein Mann aus Augsburg, der den mutmaßlichen Tätern seinen Mercedes als Tatfahrzeug und sein Gartenhaus als Schlafmöglichkeit bereitgestellt haben soll. Ihm wird unter anderem Beihilfe zum besonders schweren Raub vorgeworfen. Und Vitali T., 33, ein Moldauer, den Mihail D. rekrutiert haben soll. Er war bereits im letzten Jahr wegen besonders schweren Raubes mit Körperverletzung an einer älteren Frau verurteilt worden. Jetzt sitzt er wegen schwerem Wohnungseinbruchdiebstahl wieder auf der Anklagebank. „Sie haben in epischer Breite gehört, was ihnen zur Last gelegt wird“, sagt Richter Schneider. Ob sich die Männer äußern wollen?

Mutmaßliches Einbrecher-Netzwerk in Augsburg: Angeklagter zeigt den Mittelfinger

Mihail D. möchte. Er lässt über seine Anwältin erklären, dass er einzelne Passagen der Anklageschrift bestreite. In zwei Fällen hätten die Männer selbst nach Deutschland kommen wollen, hätten ihn nach Einbruchsmöglichkeiten gefragt. D.s Ausführungen bleiben teils wirr und unvollständig, Rückfragen will er keine beantworten. Bernhard W. weist die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft von sich. Er habe mehrmals das Gartenhäuschen und sein Auto verliehen, er helfe gerne Leuten. Nach den Gründen und den Beschäftigungen der Männer habe er nie gefragt und nicht über kriminelle Machenschaften gesprochen, lässt er über seinen Anwalt vortragen.

Vitali T. will sich nicht äußern. Seine Haltung hat er schon vor Prozessbeginn deutlich gemacht. Als die Presse fotografiert, streckt er den Mittelfinger entgegen, verzieht das Gesicht, schnaubt: „Paparazzi“. Ein Justizbeamter schreitet ein, drückt T.s Arm herunter. Danach wird er den ganzen Vormittag nur noch starr nach vorn schauen, die Kopfhörer für die Übersetzung halb unter den Ohren hängend. Insgesamt sind zehn Verhandlungstage angesetzt, der Prozess soll bis in den Mai dauern.

  • Sophia Grabendorfer

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