Der Schaufelbagger zur Rettung des Wales.

AUDIO: Nachrichten 17:00 Uhr – 25.03.2026 (6 Min)

Stand: 25.03.2026 19:21 Uhr

Bisher waren alle Rettungsversuche erfolglos: Der in der Lübecker Bucht gestrandete Buckelwal liegt noch immer auf der Sandbank vor Niendorf. Ein Schaufelbagger soll nun helfen. Doch kann der Wal es schaffen?

von Anne Passow

In Niendorf (Kreis Ostholstein) wollen Helfer mit einem schwimmenden Schaufelbagger dem Buckelwal helfen, von seiner Sandbank herunterzukommen und durch eine Rinne ins tiefere Wasser zu schwimmen. Der Schaufelbagger und auch ein Ponton für das Gerät trafen am späten Mittwochnachmittag ein und sollten danach montiert werden. Ein weiterer Bagger soll bei der Rettung des Wals von Landseite aus unterstützen, sagte Sven Partheil-Böhnke (FDP), der Bürgermeister der Gemeinde Timmendorfer Strand, zu der auch Niendorf gehört. Losgehen mit der Rettungsaktion soll es nach derzeitigem Stand am Donnerstag.

„Die Sandbank vor dem Wal ist etwa 50 bis 60 Meter breit. Das Ziel wäre, drei bis vier Meter auszubaggern, sodass genug Wasser unter dem Wal ist, sodass er da auch durchschwimmen kann“, sagte Stephanie Groß vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) in Büsum (Kreis Dithmarschen) zu der geplanten Rettungsaktion.

Schafft es der Wal?

Ob der Wal es schafft, ist weiter ungewiss. Am Mittwoch war kein regelmäßiges Brummen mehr von dem Tier zu hören – wie an den Tagen zuvor. Messungen ergaben zudem, dass der Wal recht groß ist: Er sei zwischen 12 und 15 Metern lang und wiege geschätzt rund 15 Tonnen, sagte Joseph Schnitzler vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW). Es sei schwierig, so ein massives Tier in tieferes Wasser zu bringen. Seine Haut ist, offenbar durch den geringen Salzgehalt der Ostsee, stark mitgenommen. Seevögel sitzen auf dem Tier und picken etwas ab.

Rettungsversuch mit Saugbagger gescheitert

Bereits gestern sollte ein Saugbagger unter dem Wal eine Schneise saugen, durch die er dann in die Ostsee schwimmen könnte. Das Gerät grub einen ersten Kanal – der reichte aber nicht aus, den Wal zum Schwimmen zu bewegen. Nach etwa zwei Stunden musste der Rettungsversuch dann abgebrochen werden – der Sand war zu fest.

Will Wal auf Sandbank letzte Ruhe finden?

Experten vom ITAW gehen davon aus, dass es sich bei dem Tier um einen jungen Walbullen handelt, der auf Wanderschaft war. Es könnte sein, dass der Wal versehentlich in dem Flachwasserbereich gelandet ist, so ITAW-Sprecherin Groß. Das Tier wirke aber auch nicht ganz gesund und habe sich möglicherweise bewusst an die Stelle begeben, um sich auszuruhen. Laut einem Sprecher der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd kann es auch sein, dass der Wal dort seine letzte Ruhe finden will. Auch Verena-Platt-Till, Meeresschutzreferentin beim BUND SH, hält das für möglich. „Manche Wale machen das: Sie suchen flache Gewässer auf, wenn es ihnen nicht gut geht. Sie stranden quasi, um zu sterben.“

Fragen rund um den Buckelwal vor Niendorf

Buckelwale leben im Sommer meist im Nordatlantik bei Norwegen und Grönland, im Nordpazifik bei Alaska und im Südpolarmeer. Im Winter schwimmen sie gerne in tropische und subtropische Gewässer in der Karibik und der mexikanischen Pazifikküste. Hier paaren sie sich und bringen ihre Jungen zur Welt. Sie ernähren sich von Krill und kleinen Fischen. Pro Tag können sie eine Tonne Nahrung aufnehmen. Laut Experten können Buckelwale bis zu 30 Tonnen schwer werden. Bis zu 90 Jahren können sie alt werden.

Nach Angaben des Meeresbiologen Boris Culik, er führt ein eigenes Forschungsunternehmen in Heikendorf bei Kiel, verirren sich Buckelwale öfter, wenn sie Heringsschwärmen folgen, in die Ostsee. Auch Unterwasserlärm von Schiffen könne die Orientierung der Tiere beeinträchtigen, so dass sie sich „verschwimmen“, sagt Almut Neumeister vom Deutschen Meeresmuseum.

Laut Meeresbiologe Culik können viele Walstrandungen auch mit Sonnenstürmen zusammenhängen. Denn die stören den inneren Magnetkompass der Wale. „Das heißt, das Erdmagnetfeld ist als Koordinatensystem nicht so stabil wie zu Zeiten, in denen die Sonne eben ruhiger ist“, so Culik.

In der Ostsee gibt es nicht so viel Nahrung wie in der Nordsee. Die Fischkonzentration ist laut Meeresbiologe Culik deutlich geringer. Und: „Es gibt keine Artgenossen. Der Salzgehalt stimmt auch nicht.“ Das belastet laut Greenpeace, Haut und Stoffwechsel der Säuger. Parasiten und Entzündungen können sich dann leicht auf der Haut der Buckelwale ausbreiten.

Buckelwale jedenfalls nicht. In der Ostsee sind nur Schweinswale heimisch, erklärt Almut Neumeister vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund. Sie sind mit etwa zwei Metern Länge kleiner als Artgenossen wie Buckelwale oder Pottwale. Geschätzt leben rund 200 Schweinswale in der zentralen Ostsee, in der Beltregion sind es einige Tausend.

Heringsschwarm oder laute Schiffsmotoren? Darüber lässt sich nur spekulieren. Sven Biertümpfel von der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd vermutet, dass das Netz, in dem sich der Wal verfangen hatte, auch ein Grund dafür sein könnte, weshalb er gestrandet ist. Dass er die Sandbank vor Niendorf angesteuert hat, könnte laut Experten auch bewusst geschehen sein. Das Tier sei schwach, wolle sich hier ausruhen und möglicherweise in Ruhe sterben.

Aufgrund des großen Gewichts der Tiere sei es schwierig, Wale von einer Sandbank oder vom flachen Wasser zurück ins Meer zu bekommen, erklärt Almut Neumeister vom Deutschen Meeresmuseum. Von allein würden sie in der Regel nicht loskommen. Auch mit Luftkissen oder Seilen zu arbeiten, könne eine Möglichkeit sein. Im aktuellen Fall in Niendorf wollen die Helfer darauf verzichten, da die Gefahr besteht, das schwere Tier zu verletzen. Außerdem geraten die Tiere bei Rettungsversuchen häufig unter Stress.

Es sei unklar, ob sich der Buckelwal erst in der Ostsee oder schon vorher in dem Netz verfangen habe, sagt Peter Dietze NDR Schleswig-Holstein. Er ist Fischer aus Niendorf und Vorstandsmitglied im Landesfischereiverband. An dem Morgen, als der Wal strandete, sei er mit seinem Kutter draußen gewesen. „Ich war so in 50 Meter Entfernung und habe gesehen, dass ein richtig dickes Seil um ihn herum war. Das sah aus wie eine Festmacherleine oder so. Das hat mit Stellnetzen nichts zu tun. Entweder das ist eine Leine vom Schleppnetz oder es könnte auch eine Ankerleine von einem Sportboot sein.“

Laut der Umweltschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) werden Schleppnetze, Stellnetze und Reusen in der Ostsee zum Fischfang eingesetzt. Seit den 1960er-Jahren bestehen diese nicht mehr aus abbaubaren Stoffen, sondern aus Plastik. Wenn Fischer Netze verlieren, brauchen diese laut WWF 400 bis 600 Jahre, bevor sie verrottet sind. „An Wracks oder als aufgestellte Stellnetze fischen sie als Geisternetze noch lange (…) sinnlos weiter“, so der WWF. In Europa ist die Entsorgung von Fischereigerät auf See verboten. Fischer müssen diese also eigentlich wieder einsammeln – und, wenn sie eines verloren haben, den genauen Verlustort melden. Fischer aus Schleswig-Holstein würden es deswegen eher vermeiden, dass sie Netze verlieren, sagt Peter Dietze vom Landesfischereiverband. Auch weil sie teuer seien. „Das sind einige Tausend Euro pro Strecke, die dann im Wasser bleiben würde. Das kann sich keiner mehr leisten“, sagt er. Er betont, dass auch dänische Fischer in Schleswig-Holsteinischen Gewässern unterwegs seien.

Joseph Schnitzler vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) betont, äußerlich sehe der Wal noch gut ernährt aus. Er sei noch nicht deutlich abgemagert, habe aber starke Hautveränderungen, was mit dem niedrigen Salzgehalt in der Ostsee zu tun haben kann. Tatsächlich lassen sich immer wieder Seevögel auf dem Tier nieder und picken etwas von seinem Rücken. Die Netze und Seile, die um das Tier herum waren, sind inzwischen weitestgehend entfernt, aber ob beispielsweise noch Netzreste im Maul seien, wisse man nicht, sagte Schnitzler. Meeresforscher Culik macht auf die Gefahr des niedrigen Wasserstandes aufmerksam. „Dann wird das Tier immer schwerer und sein Gewicht drückt ihn immer mehr auf diesen Sand. So werden durch sein eigenes Körpergewicht praktisch die Rippen stark eingedrückt – und die Lunge. Und irgendwann kann er nicht mehr atmen“, so der Meeresforscher. Er betont, dass es natürlich ist, dass immer mal wieder Wale stranden und dann auch verenden.

Laut Experten besteht die Gefahr, dass er sich erneut festschwimmt oder aus der Ostsee nicht wieder herausfindet. Der Meeresbiologe Culik sagt, in der Nordsee gebe es für Wale mehrere Wege, wieder herauszukommen. „Aber aus der Ostsee nicht, das ist eine Sackgasse.“

Laut Bürgermeister Partheil-Böhnke liegt der Buckelwal in einem Landesgewässer. Wer die Kosten letztendlich trage, sei unklar. Zunächst habe seine Gemeinde jetzt aber entschieden, die Einsätze rund um den Buckelwal zu bezahlen. Wie hoch die Kosten am Ende sind, kann er noch nicht beziffern. „Ich würde das ungern finanziell ausdrücken. Es geht jetzt darum, das Tier zu retten. Da sind die finanziellen Auswirkungen eher von untergeordneter Bedeutung“, sagte er NDR Schleswig-Holstein. „Aber natürlich ist das ein Posten, der unseren Haushalt belastet.“

Buckelwal von Niendorf erlösen?

Eine Tötung des jungen Buckelwals, um ihn von möglichem Leiden zu erlösen, ist nach Angaben der ITAW-Leiterin Ursula Siebert keine Option. Es gebe internationale Absprachen, was gemacht werden könne und wie. „Je größer der Wal ist, desto schwieriger wird das ganze“, erklärte Siebert.

Wie umgehen mit Schaulustigen?

Das Schicksal des Tiers bewegt viele. Auch Schaulustige kommen nach Niendorf. Die Rettungsmaßnahmen würden immer wieder von Neugierigen gestört, sagte Bürgermeister Sven Partheil-Böhnke (FDP). „Viele sind besorgt um das Tier. Das kann ich auch verstehen. Aber es gibt auch viele, die vielleicht einfach nur sehen wollen, wie so ein Tier verendet und die versuchen auch mit Schlauchbooten an das Tier heranzukommen.“ Auch Absperrungen würden ignoriert. „Das setzt das Tier unter Druck und unter Stress und schwächt es noch mehr“, so Partheil-Böhnke.

„Es ist ganz wichtig, dass das Tier nicht noch weiter in Stress gerät“, sagte auch Polizeisprecher Ulli Fritz Gerlach. Weder von Land aus noch übers Wasser oder per Luft durch Drohnen sollte sich dem Tier genähert werden.

Auch mit Blick auf die Osterferien und die vielen Urlauber, die nun kommen, appelliert Partheil-Böhnke an die Menschen, das Tier in Ruhe zu lassen.

Video:
Lübecker Bucht: Der junge Buckelwal bewegt sich kaum (6 Min)

Was bisher geschah

Der gestrandete Wal liegt seit Montagnacht (23.3.) auf der Sandbank am Strand von Niendorf. Entdeckt wurde das Tier, nachdem ein nahegelegenes Hotel ungewöhnliche Geräusche gemeldet hatte. Die Fachleute gehen davon aus, dass es sich um den Buckelwal handelt, der zuerst Anfang März vor Wismar und später in der Flensburger Förde und Lübecker Bucht gesichtet wurde.

Mehrere Rettungsversuche blieben bislang erfolglos. Höhere Wasserstände brachten das Tier nicht zurück ins Meer. Rettungskräfte hatten den Wal außerdem mit dem Kopf in Richtung der Fahrrinne gedreht. Aber er drehte sich wieder zurück. Und: Mit Booten hatte die Küstenwache große Wellen erzeugt. Damit wollten sie den Wal so in Richtung Fahrrinne bugsieren. Aber: Auch das war erfolglos.

Reporter Phillip Kamke zur Walrettung

Nach gescheiterten Rettungsversuchen hält die Sorge um den Wal weiter an. Ein weiterer Baggereinsatz wird vorbereitet.

Ein Schweinswal schwimmt im Hafenbecken von Föhr.

Am Sonntagvormittag (22.3.) entdeckte eine Radfahrerin einen Schweinswal im Schlick am Außendeich von Föhr.

Ein gestrandeter Schweinswal.

Das Tier hatte sich am Elbufer festgeschwommen. Naturschützer sind sich uneinig über das richtige Vorgehen der Rettungsaktion.

Brechende Welle am Strand mit vielen Wolken im Hintergrund.

Die Gebiete sind Teil des Aktionsplans Ostseeschutz in Schleswig-Holstein. Das Naturschutzbündnis und die SPD wollen aber noch klarere Vorgaben.