Im Sommer 2025 verkündete der russische Machthaber Wladimir Putin, dass die Truppen unbemannter Luftfahrtsysteme in der russischen Armee zu einer eigenständigen Teilstreitkraft ausgebaut werden sollen. Er begründete dies mit der immer größeren Rolle von Drohnen an der Front. Deren wachsende Bedeutung im Krieg unterstrich Verteidigungsminister Andrej Beloussow einige Monate später: Aktuell werden damit „bis zu 80 Prozent der Kampfaufgaben erfüllt“.

Helfen Studenten gegen Soldatenmangel?

Doch die Schaffung einer eigenen Teilstreitkraft für Drohneneinheiten erfolgt vor dem Hintergrund eines akuten Soldatenmangels. Genau das könnte einer der Hauptgründe sein, warum der russische Staat nun verstärkt um Studierende wirbt, erklärt der Militärexperte David Sharp. „Studenten sind junge, gesunde Menschen und daher ohnehin besonders für den Einsatz als Soldaten geeignet. Zudem verfügen viele von ihnen über technische Kenntnisse oder Erfahrung mit Computerspielen – beides gefragte Fähigkeiten in Drohneneinheiten.“ Das unterscheide sie deutlich von Männern mit niedrigerem Bildungsniveau, die größtenteils im Zuge der Teilmobilmachung 2022 eingezogen wurden.

Die neue Rekrutierungskampagne unter Studierenden sei inzwischen allgegenwärtig, berichtet Timur Tukhvatullin. Er ist Co-Gründer des Exilprojekts „Molnia“, das sich für die Rechte von Studenten in Russland einsetzt und ihnen Beratung anbietet. Seine Einschätzung deckt sich mit einer Zählung betroffener Universitäten und Berufsschulen, die vom studentischen Medienprojekt Groza und der NGO „Bewegung der bewussten Kriegsdienstverweigerer“ durchgeführt wurde. Demnach sind es landesweit mindestens 194 Einrichtungen, die unter Studierenden für einen Dienst in den Drohneneinheiten werben. Die Dunkelziffer dürfte jedoch noch höher sein: Auch der Osteuropa-Redaktion ist eine weitere Rekrutierungsveranstaltung bekannt, die an der Lomonossow-Universität in Moskau stattgefunden haben soll.

Rekrutierung im Hörsaal: Druck und Drohungen

Für den Staat sind Studierende ein durchaus attraktives Ziel: Menschen, die sich bereits im Bildungssystem befinden, ließen sich leichter mit Rekrutierungsmaßnahmen erreichen, meint Jekaterina Schulmann, russische Politikwissenschaftlerin im deutschen Exil. „Für den russischen Staat ist es praktisch. Studenten sind bereits erfasst und unter Kontrolle: Ihre Aufenthaltsorte und Stundenpläne sind bekannt.“

Laut zahlreichen Berichten werden Studierende während der Unterrichtszeit gruppenweise zu Rekrutierungsveranstaltungen eingeladen. Teilweise kommt es auch zu Einzelgesprächen. Als Rekrutierer treten dabei sowohl eingeladene Vertreter des Militärs als auch Lehrkräfte der jeweiligen Einrichtungen auf. Doch es bleibe nicht bei bloßer Aufklärungsarbeit, sagt Timur Tukhvatullin von „Molnia“.

„An einigen Universitäten wird direkter Druck auf Studenten ausgeübt – unter Androhung einer Exmatrikulation. Uns sind Fälle bekannt, in denen Studierenden nicht erlaubt wurde, ihre Prüfungen abzuschließen oder Studienrückstände aufzuarbeiten, mit der Begründung, dass sie einen Militärvertrag unterschreiben und in den Krieg ziehen müssten.“

Als Drohnenpilot sicher? Von wegen!

Studierenden werde versprochen, der Militärvertrag gelte für sie nur ein oder zwei Jahre, danach könnten sie ihr Studium fortsetzen, erklärt Timur Tukhvatullin. Außerdem sollen sie als Drohnenpiloten weit von der Front entfernt eingesetzt werden. Doch das seien Lügen, die sich leicht entlarven ließen.

„Spezielle Militärverträge für Studierende gibt es nicht. Es handelt sich um ganz normale Verträge mit dem Verteidigungsministerium“, sagt der Menschenrechtler. Entsprechend gebe es keine Garantie dafür, dass Studierende tatsächlich in Drohneneinheiten eingesetzt und nicht anderen Truppenteilen zugewiesen würden. Vor allem aber weist Timur Tukhvatullin darauf hin, dass in Russland de jure weiterhin die Mobilmachung gilt, wodurch die Militärverträge faktisch unbefristet sind und nicht gekündigt werden können.

Auch der Militärexperte David Sharp widerspricht den Aussagen der Anwerber über die angebliche Sicherheit von Drohnenpiloten im Krieg. Es komme zwar auf den eingesetzten Drohnentyp an, doch häufig befänden sich Drohnenpiloten nur wenige hundert Meter oder einige Kilometer von der Frontlinie entfernt.

„Die Jagd auf Operatoren ist eine der wichtigsten Aufgaben auf beiden Seiten der Front. Denn Drohnen sind erstens die Augen des Gegners und zweitens vermutlich die gefährlichste Waffe im aktuellen Krieg. Solche Operatoren zu neutralisieren heißt, eigene Leben zu retten. Daher hat es höchste Priorität, sie mithilfe verschiedener Aufklärungsmittel aufzuspüren und mit allen verfügbaren Mitteln zu bekämpfen.“

Bilanz der Aktion: Wenig Resonanz, viel Angst

Timur Tukhvatullin rät allen Studierenden, den Vertrag auf keinen Fall zu unterschreiben. Sollte die Universitätsverwaltung mit Exmatrikulation drohen, handele es sich meist nur um Einschüchterungsversuche, sofern keine triftigen Gründe für eine Exmatrikulation vorliegen. Doch selbst eine Exmatrikulation sei bei Weitem besser, als an die Front geschickt zu werden und mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder zurückzukehren.

Dass sich Studierende der möglichen Konsequenzen eines solchen Militärvertrags bewusst sind, zeigt sich auch an der geringen Zahl der Rekrutierten, von denen Timur Tukhvatullin über Kommilitonen erfährt: „Die Zahl ist so gering, dass man bislang von dem Scheitern dieser Kampagne sprechen kann.“

Patriotismus heißt nicht zwingend Regimetreue

Seine Einschätzung deckt sich mit einer offenbar heimlich mitgeschnittenen Audioaufnahme, die im Netz kursiert. Darin ist offenbar Maria Kirsanova, Leiterin einer Verkehrstechnik-Fachschule in Nowosibirsk, zu hören. Sie soll ihre Schüler öffentlich gerügt haben, weil sie sich weigerten, einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium zu unterschreiben:

„Die Klassenlehrer sagen mir: kein Einziger – alle haben Angst. Man sieht ja, wie sehr ihr euer Leben schätzt! Ich war mir sicher, dass ihr 18-Jährigen – alle 400 – als Erste losziehen würdet, um euer Vaterland zu verteidigen. Aber offenbar gibt es unter euch keine Patrioten.“

Jekaterina Schulmann, die mehrere Jahre in Russland als Professorin tätig war, sagt dazu: Studierende seien das wertvollste Gut Russlands, und es gebe nur wenige von ihnen, da die junge Generation insgesamt zahlenmäßig klein sei.

Die Wissenschaftlerin selbst wurde in Russland als sogenannte „ausländische Agentin“ eingestuft, erhielt ein Berufsverbot als Lehrkraft und musste schließlich ihr Land verlassen. Sie hat eine ganz andere Vorstellung davon, was Patriotismus bedeutet, als Maria Kirsanova. An die russischen Studierenden, die derzeit in Russland sind, richtet Jekaterina Schulmann folgende Worte: „Indem ihr euch selbst rettet, tut ihr das Beste für Russland – das ist das Patriotischste, was ihr tun könnt.“

Unser Autor

Geboren 1996 im Altai-Krai in Westsibirien, studierte Evgenii Dupelinskii Journalismus an der Lomonossow-Universität Moskau und Medienwissenschaft im Master an der Bauhaus-Universität Weimar. Er arbeitete mehrere Jahre als Lokaljournalist in Thüringen, absolvierte das MDR-Talenteprogramm „MDR fresh“ und ist heute als freier Journalist tätig.